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Weißwassers unbeachtete Schätze

Ebenfalls sehr vorzeigbar: Villen in Weißwasser, die einst dem Wunsch des Bürgertums nach Wohnen im Grünen entsprachen.Fred Jasinskis Vision von Weißwasser ist eine Stadt, die ihre Gründerzeit-Visitenkarte wiederentdeckt.Schmuckes Einzelstück am Marktplatz in Weißwasser. Das sind die Gebäude, die Weißwassers Visitenkarte ausmachen.Ein Haus des bekannten Bauhaus-Architekten Ernst Neufert – Weißwasser hat es und damit eine Attraktion, um die mancher die Stadt beneiden würde. Kann die Idee vom Indoor-Climbing das alte Fabrikgebäude mit neuem Leben erfüllen?Gut erhaltenes Gründerzeitambiente: Zwar von Lücken und anderer Architektur unterbrochen, hat Weißwasser noch vieler solcher Anblicke.
Ebenfalls sehr vorzeigbar: Villen in Weißwasser, die einst dem Wunsch des Bürgertums nach Wohnen im Grünen entsprachen.Fred Jasinskis Vision von Weißwasser ist eine Stadt, die ihre Gründerzeit-Visitenkarte wiederentdeckt.Schmuckes Einzelstück am Marktplatz in Weißwasser. Das sind die Gebäude, die Weißwassers Visitenkarte ausmachen.Ein Haus des bekannten Bauhaus-Architekten Ernst Neufert – Weißwasser hat es und damit eine Attraktion, um die mancher die Stadt beneiden würde. Kann die Idee vom Indoor-Climbing das alte Fabrikgebäude mit neuem Leben erfüllen?Gut erhaltenes Gründerzeitambiente: Zwar von Lücken und anderer Architektur unterbrochen, hat Weißwasser noch vieler solcher Anblicke. FOTO: Fotos: Thoralf Schirmer
Seit drei Monaten ist Diplom-Architekt Fred Jasinski von der Fachhochschule Lausitz in Weißwasser unterwegs, um sich im Auftrag des Bergbauunternehmens Vattenfall Europe Mining und Generation ein Bild von der Stadt, ihren Problemen und Potenzialen zu machen. Seine Eindrücke sollen in eine Studie und ein stadtplanerisches Leitbild münden. Auch Projekte sollen vorgeschlagen werden, welche Vattenfall finanziell zu unterstützen bereit wäre. Erste Ergebnisse seiner Weißwasser-Untersuchung stellte Jasinski am Donnerstag auf Einladung des Vereins „Zukunft aktiv gestalten“ (ZAG) vor. Von Thoralf Schirmer

Das erste, womit Fred Jasinski die Weißwasseraner an diesem Abend in einem mit 80 Besuchern voll besetzten Bibliothekssaal konfrontiert, ist ihre Geschichte. Besser die Geschichte ihrer Stadt, die auf ganz besondere Weise von sich rasant ändernden Verhältnissen geprägt ist. Zwei Dörfer, Hermannsdorf und das Alte Dorf Weißwasser, waren im 19. Jahrhundert miteinander verknüpft worden, als Neu-Weißwasser zwischen sie gebaut wurde. Eine eigens konzipierte und den damaligen Bedürfnissen des Bürgertums angepasste eigene Stadt, mit allem was dazu gehöre: Kirche, Marktplatz, Kaufhaus und Schule war auf dem Hügel zwischen den Dörfern entstanden. Jasinski lässt Fotos sprechen: dreigeschossige Bürgerhäuser, die das neue Stadtzentrum prägten; schicke Villen, die, gar nicht so weit weg vom Zentrum, dem Wunsch des Bürgertums gerecht wurden, unmittelbar im Grünen zu wohnen.
Es sind Häuser, von denen sich heute noch viele in Weißwasser finden. Ungeachtet der Schäden, die sie durch den Zweiten Weltkrieg erlitten hat, sei dieses spätbürgerliche Gründerzeit-Quartier nach wie vor etwas ganz Besonderes, sagt Jasinski, die Visitenkarte von Weißwasser schlechthin. Nur, dass dies von den Einwohnern oft gar nicht recht erkannt werde. Für eine Rückbesinnung wirbt Jasinski nun: „Ihre Chance ist es, sich als Stadt des 19. Jahrhunderts wiederzuentdecken. Sie brauchen diese Stadt nicht neu zu erfinden oder aufzubauen. Es geht hier nicht darum, eine Art Disneyland zu schaffen, sondern um Wertschätzung.“
Zwar sei Weißwasser im Vergleich mit ähnlichen Städten besonders schwer geschlagen, was Brachflächen in der Innenstadt betrifft ( „Sie befinden sich oft ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft von Bereichen, in denen es sich angenehm wohnen lässt“ ), doch auch diese Flächen sollten in städteplanerische Überlegungen schon jetzt mit einbezogen werden. Zum Teil ließen sie sich beräumen. Es ließe sich festlegen, welche Nutzungsarten gegebenenfalls für sie ausgeschlossen und welche ausdrücklich gewünscht seien.
Und schließlich gebe es auch solche Flächen, auf denen Gebäude stehen, die einen ungeahnten Schatz darstellten. „Der Neufert beispielsweise“ , schwärmt Fred Jasinski, und stößt auf manchen verständnislosen Blicke. „Das ist ein weltweit geschätzter Architekt. Andere fahren weit, um sich ein Gebäude von ihm anzusehen, und sie haben ein Haus von ihm.“
Tatsächlich kennen die meisten das ehemalige Fabrikgebäude an der Dr.-Altmann-Straße (neben dem Polizeirevier) als letzten Standort der Großhandelsorganisation „Obst, Gemüse, Speisekartoffeln“ (GHG). Dass es von einem Bauhaus-Architekten erbaut worden ist, wissen sie nicht. Jasinski und seine Studenten haben die Vision von neuem Leben in diesem Haus: „Man könnte die Hülle sanieren, alle Geschosse heraus nehmen und so eine Möglichkeit zum Indoor-Klettern schaffen. Denn Sie sollten nicht unbedingt nur für die Senioren etwas tun, sondern auch für die Jugendlichen, die hier bleiben sollen.“
Fred Jasinski kennt inzwischen weitere reizvolle Vorteile der Stadt Weißwasser. Dass sie so viel Grün und Wasserflächen dicht am Zentrum hat, zum Beispiel. Doch: „Diese Stadt heißt Weißwasser, aber wenn Sie als Besucher kommen, sehen Sie kein Stück Wasser.“ Stadtplanerisches Ziel könnte es also sein, den Blick auf Wasserflächen zu öffnen, beziehungsweise diesen Blick aufs Wasser erst zu schaffen, indem die vorhandenen, idyllischen kleinen Teiche miteinander verbunden werden.
Natürlich, räumt Jasinski ein, ist ein hübscher Anblick nicht alles. Diese Stadt brauche auch eine Dienstleistungsperspektive und geeignete Zentren dafür. Der Umsteigepunkt Bahnhof/Busbahnhof komme dafür beispielsweise in Frage, aber auch im „Rückraum“ von Telux sei möglicherweise Raum für ein kleines Gewerbegebiet zu schaffen, das den Charme hätte, sich in der Nähe des Marktplatzes zu befinden und damit auch dessen Umfeld attraktiver zu machen.
Letztlich sollte nach den Vorstellungen von Fred Jasinski auch das Alte Dorf, das in seinem Kern einmalig und gut erhalten sei, wieder mehr Lebensqualität durch eine ortsnahe Versorgung bekommen, vorzugsweise sogar durch ganz charakteristische Angebote von in der Region selbst produzierten Waren.
Vor allem aber glaubt der Architektder Fachhochschule Lausitz, dass sich an der heutigen Verkehrsstruktur dringend etwas ändern müsste. „Dort, wo es bei Ihnen am schönsten ist, haben Sie eine 50-km/h-Strecke“ , sagt Jasinski. „Jeder Lkw fährt quasi durch Ihr Wohnzimmer. Ich weiß nicht, ob Sie so etwas bei sich Zuhause auch zulassen würden.“

Hintergrund Bauhaus-Student und Architekt Ernst Neufert
 Der Architekt Ernst Neufert wurde 1900 in Freyburg an der Unstrut geboren. Nach fünfjähriger, baugewerklicher Tätigkeit war Ernst Neufert 1919 einer der ersten Studenten an dem noch jungen Bauhaus in Weimar. Er schloss sein dortiges Studium bereits 1920 ab und sammelte nach einem Auslandsaufenthalt in den darauf folgenden Jahren Erfahrungen bei Walter Gropius . Von 1934 bis 1944 war Ernst Neufert Hausarchitekt der Vereinigten Lausitzer Glaswerke . Er entwarf das Direktorenwohnhaus Dr. Kindt (mit Farbglas von Charles Crodel), übernahm den Entwurf und die Bauleitung von Siedlungen, Bürohäusern und Fabrikanlagen in Weißwasser, Tschernitz und Kamenz . Aus dieser Tätigkeit geht auch das Buch „Bauentwurfslehre. Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden“ von 1936 hervor, das bis heute als Standardwerk gilt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.
Quelle: Wikipedia