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Weißwasseraner Mediziner sauer

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Weißwasser. Für Krankenhäuser, in denen nicht mindestens pro Jahr 50 Patienten Kniegelenkprothesen eingesetzt werden, sind diese Operationen jetzt tabu. Dass nicht Qualität entscheide, sondern Menge sorgt in Weißwasser für Frust. Gabi Nitsche

Was war man im Krankenhaus Weißwasser froh, als 2011 die zwischenzeitlich festlegte Mindestmenge für Kniegelenk-Totalendoprothesen aufgehoben wurde. Doch die Freude war nicht von Dauer. Seit diesem Jahr gelten erneut 50 Operationen als untere Grenze. Nur Krankenhäuser, die diese Zahl erreichen, dürfen diese Leistungen auch gegenüber den Krankenkassen abrechnen.

Kristin Bartke, Verwaltungsleiterin im Krankenhaus Weißwasser, sieht medizinische Einrichtungen der Grund- und Regelversorgung immer weiter beschnitten. "Sie haben uns die Knieprothetik weggenommen, und es gibt im Moment keinen erkennbaren Weg, dass sich das wieder ändert", so Kristin Bartke kürzlich beim Besuch der SPD-Bundestagsabgeordneten Mechthild Rawert und Thomas Jurk im hiesigen Krankenhaus.

Es würde in Deutschland viel zu viel operiert werden, "und das aus Erlösgründen, und nicht nur am Knie", dem müsse entgegengewirkt werden, so der Standpunkt der Politikerin Rawert. Für Dr. med. Carsten Brußig, Leitender Chefarzt im Krankenhaus Weißwasser, bedeute diese Aussage, den Ärzten würden falsche Diagnosen unterstellt, reagierte er sauer. Brußig sieht das ganz anders: Die wieder eingeführte Mindestmenge werde damit begründet, dass die Qualität höher sei als bei seltenen Operationen pro Jahr. Das mag hier und da zutreffen. Aber nicht grundsätzlich, betonte Brußig und machte das an einem Beispiel deutlich. Er habe bis 2007 an einer großen Klinik gearbeitet. Er habe ein ganzes Paket an Operationserfahrungen mitgebracht. Um Chefarzt zu werden, musste er das alles nachweisen. Doch in einer Großklinik gebe es auch viele Operateure, die es gemeinsam auch auf eine Vielzahl von besagten Kniegelenkprothesen bringen. "Hier bei uns hat es immer nur einer gemacht - Chefarzt Heyter. Und das ohne Beanstandung", unterstrich Brußig die Leistungsstärke seines Chefarzt-Kollegen. Von fehlender Erfahrung könne da wirklich nicht die Rede sein.

Die Verwaltungschefin konnte das nur unterstreichen: "Wenn wir weiterhin alle anderen Operationen am Knie ausführen dürfen, aber eben nicht die Totalprothesen, liegt das nicht an fehlender Qualität in unserem Haus. Denn die wurde immer als sehr hoch bewertet. Es ist einfach nicht nachvollziehbar."

Für Brußig steht fest: "In Deutschland gibt es einen Zentrumswahn. Da wird den Patienten suggeriert, sie sollen dorthin gehen, es sei besser. Kleine Häuser werden am Ende zugemacht, weil ihnen die Einnahmen fehlen. Aber operiert werden die Patienten ja doch - eben nur in großen Häusern." Dieses Thema werde sehr emotional diskutiert. "Denn vor einigen Jahren kam Weißwasser noch auf die 50 OP. Dann ging die Zahl zurück. Auch, weil eben nur ein neues Gelenk eingesetzt wurde, wenn es tatsächlich notwendig war", erklärt Kristin Bartke. Sie erinnert sich an einen Patienten, der weggeschickt wurde, weil der Arzt keinen Grund sah für ein neues Knie. "Der Mann ging in eine andere Klinik und bekam das Knie."

Dass die Zahl der Operationen für ein neues Kniegelenk rückläufig ist, liege womöglich auch an den niedergelassenen Ärzten in der Region. Vor vier Jahren hatte sich Chefarzt Chris Heyter an die niedergelassenen Kollegen gewandt und nachdrücklich auf die chirurgische Fachkompetenz seines Teams hingewiesen. Das in der Hoffnung, Patienten nicht andere Kliniken zu empfehlen.

Verwaltungsleiterin Kristin Bartke ist wichtig zu sagen, dass Weißwasser nicht das einzige betroffene Krankenhaus ist. Zittau ebenso. "Deshalb überlegen wir in der Managementgesellschaft Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz mbH, was wir gegen diese Mindestmengen-Festlegung machen können." Die Bundestagsabgeordneten hatten bei ihrem Besuch kein probates Mittel parat.

Es gibt aber noch andere Themen, die sich finanziell auswirken, berichtet Verwaltungsleiterin Kristin Bartke. Und das, obwohl die Patientenzahlen im Krankenhaus Weißwasser im vergangenen Jahr leicht gestiegen sind. 7607 Erkrankte wurden stationär behandelt. Negativ wirke sich auf die Einnahmen aus, dass der Schweregrad der Erkrankungen sank.

Außerdem veränderten sich gegenüber dem Vorjahr die Entgelte für einige erbrachte Leistungen. Diese sogenannten Katalogwerte wurden gekürzt und somit das Geld, was die Krankenkassen an die Krankenhäuser entrichten. "Wir haben praktisch für die gleichen Leistungen weniger Geld bekommen." Dennoch gelang es, im vorigen Jahr einen Gewinn zu erwirtschaften. Der liegt ungefähr bei 200 000 Euro. "Wenn die Jahresrechnung vorliegt, kennen wir die genaue Zahl", so die Verwaltungschefin.