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| 16:17 Uhr

Woche der seelischen Gesundheit in Weißwasser
„Ich habe versucht, mich umzubringen“

 Weißwassers OB Torsten Pötzsch (Klartext), Christian Hoffmann, Beate Altenkirch und Romy Ganer vom Sozialen Netzwerk Lausitz arbeiten bei der Woche der seelischen Gesundheit in Weißwasser mit.
Weißwassers OB Torsten Pötzsch (Klartext), Christian Hoffmann, Beate Altenkirch und Romy Ganer vom Sozialen Netzwerk Lausitz arbeiten bei der Woche der seelischen Gesundheit in Weißwasser mit. FOTO: Christian Köhler
Weißwasser . Die Stadt Weißwasser rückt mit einer Aktionswoche seelische Gesundheit in den Fokus. Wie nötig dies ist, erzählt eine an Depression Erkrankte Weißwasseranerin. Von Christian Köhler

Ihren ganzen Mut hat Beate Altenkirch aus Weißwasser zusammengenommen. Gefasst erzählt sie von der Depression, die sie seit 2011 heimgesucht und ihr Leben verändert hat. „Auslöser war ein epileptischer Anfall meines Sohnes“, berichtet die 50-Jährige. In der Folge des Anfalls habe sie große Probleme gehabt, mit dem Jungen allein zu sein. Panik habe sie immer wieder übermannt, die tiefgreifende Veränderung nach sich zog. „Ich habe nichts mehr essen können“, erzählt sie, „und am Schluss nur noch 50 Kilo gewogen.“

Folgen von Depression und Angststörung

Ihre anderen beiden Kinder habe sie vernachlässigt. Das weiß sie heute. „Ich habe nichts mehr machen können und meine Familie hat gedacht, ich bin faul.“ Das, so berichten Psychologen, schildern an Depression Erkrankte immer wieder. Dabei ist die Krankheit Auslöser für das Unbehagen, für auffressenden Gedanken, für das „Nichtstun“. Das etwa bestätigte Psychologe Thomas Kroll bei einer Veranstaltung in Weißwasser: Depressive würden mehr und mehr isoliert, erklärt er, und sie kommen nur aus dem Tief heraus, „wenn sie es selbst wollen“.

Beate Altenkirch aber hatte niemanden, der ihr half. „Wenn ich mich bei Psychologen meldete, ist entweder niemand ans Telefon gegangen oder ich kam auf eine Warteliste“, erzählt sie. Nach endlosem Kampf hatte sie endlich einen Platz in einer Tagesklinik erhalten. „Dort gab man mir Medikamte, die halfen, aber die Angst blieb.“ Nach ihrer Entlassung nämlich half die ambulante Therapie nicht – „es ging wieder von vorn los.“

Weißwasseraner Psychologe hat geholfen

In Weißwasser ist sie 2016 an einen Psychologen geraten, „der mir auch geholfen hat, mich von meinem Mann zu trennen“, sagt Beate Altenkirch. Ihre Familie habe das nicht verstanden, was sie sehr belastete. Als dann noch die Sitzungen beim Mediziner nicht mehr von der Kasse getragen wurden – sie hat eine Sperre von zwei Jahren bekommen und müsste nun selbst zahlen – ging es nicht mehr: „Ich habe versucht, mich umzubringen.“

Selbsthilfegruppen beim Sozialen Netzwerk Lausitz

Richtig aufgefangen ist die Weißwasseranerin dann erst wieder beim Sozialen Netzwerk Lausitz (SNL). In einer Selbsthilfegruppe hat sie Halt gefunden. „Ich bin nun selbst beim Netzwerk ehrenamtlich tätig“, sagt Beate Altenkirch, „und das gibt mir Kraft.“

Um das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen, deshalb hat beteiligt sich das SNL an der bundesweiten „Woche der seelischen Gesundheit“. 15 verschiedene Veranstaltungen sind dazu in Weißwasser geplant, wie Romy Ganer vom SNL erklärt. Dazu hat das SNL mehrere Kooperationspartner gewonnen, die zwischen dem 7. und 11. Oktober Vorträge, Kino, Ausstellungen, Konzerte oder Schnupperkurse anbieten.

Die Unterstützer der Aktionswoche in Weißwasser sind Impulsgeber, die mit ihren Angeboten Berührungsängste abbauen und vor allem Betroffene und deren Angehörige sowie alle Interessierten einbinden, so Romy Ganer. Das SNL beteiligt sich bereits seit einigen Jahren an der Aktionswoche.

Weißwasseraner beteiligen sich an der Woche

Einer davon ist Christian Hoffmann, der eigentlich der Ortsgruppe des Naturschutzbundes in Weißwasser vorsteht. „Unter dem Motto „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ wird ein Spaziergang durch Weißwasser geboten“, erklärt er. Vom Turnerheim ausgehend soll dieser bis zum Jahnbad führen – und dabei sowohl Infos zur Stadtgeschichte als auch Übungen für Körper und Seele bieten. „Denn beides gehört zusammen“, sagt Hoffmann.

Wie schwierig es nämlich ist, wenn beides nicht mehr zusammenpasst, davon berichtet auch Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext). „Wir als Stadtverwaltung sind gern Partner bei der Aktionswoche, denn Mitarbeiter im Rathaus leiden an seelischen Belastungen“, erklärt er. Vermehrt habe der Rathauschef mit Langzeiterkrankungen zu tun, deren Ursachen vermehrt in der Psyche zu finden seien.

Kritik für Werbung am Rathaus zurückgewiesen

„Deshalb ist für uns die Sichtbarmachung der Woche wichtig“, so Pötzsch. Damit reagiert er auf einen Leserbrief, den Frank Schwarzkopf der RUNDSCHAU schrieb. Darin ärgert es den Stadtvereinsvorsitzenden, dass am Rathaus große Banner für Veranstaltungen angebracht werden. Es solle doch der Gleichbehandlungsgrundsatz gelten, so Schwarzkopf. „Wir haben das aber bewusst gemacht, denn die seelische Gesundheit geht uns alle etwas an“, hält Pötzsch entgegen.

Die Zahlen zum Thema psychische Erkrankungen

Denn: Fast jeder dritte Mensch leide im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Knapp 17 Prozent der Fehltage bei Berufstätigen gehen auf Erkrankungen der Seele zurück, erklärt das SNL. Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien gehören dabei zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland und nehmen einen immer größeren Anteil im Diagnose- und Behandlungsspektrum ein.