ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 22:35 Uhr

Straßenkunst
Warum Thormann Thormann spielt

 Ulrich Thormann spielt seinen Großvater beim Straßentheater an zwei Wochenenden.
Ulrich Thormann spielt seinen Großvater beim Straßentheater an zwei Wochenenden. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Weißwasser. „Das Masz aller Dinge“: Am Wochenende wird Weißwasser zum Modellfall. Es wird zum Bauhaus-Jubiläum geladen. Von Torsten Richter-Zippack

In Weißwasser steht eine neue Bauhütte. Erst vor ein paar Tagen ist das kleine, knallgelbe Gebäude auf dem Gelände der früheren Schnitter-Brauerei in unmittelbarer Nähe der Bahnhofsbrücke zusammengezimmert worden.

Ab diesem Freitag, 21. Juni, dient die Konstruktion als neues Stadtplanungsamt. Das kündigt zumindest Stefan Nolte, Chef des Kunstprojektes „Modellfall Weißwasser“, an. Als Stadtplaner wird indes Ulrich Thormann fungieren. Im richtigen Leben ist der 73-jährige Hamburger Architekt und Baumeister. Ebenso wie sein Vater Oskar Thormann. Ebenso wie sein Großvater Walter Thormann.

Genau in die Rolle des Walter Thormann will Ulrich Thormann im Rahmen des „Modellfalls Weißwasser“ schlüpfen. „Mein Großvater hat zahlreiche repräsentative Gebäude in Weißwasser errichtet. Dazu gehören unter anderem das Hotel Prenzel und mehrere Gebäude in der Bodelschwingh-Straße.“ Nach Angaben von Ortschronist Lutz Stucka gingen bis zum Jahr 1933 mehr als 300 Wohnungen, Villen und Fabrikbauten auf Walter Thormanns Konto.

„Ich will meinen Großvater mit all seinen Konflikten verkörpern“, kündigt Ulrich Thormann an. Schließlich war Walter Thormann bereits im Jahr 1925 in die NSDAP eingetreten. Er galt als überzeugter Nationalsozialist und war für seine Cholerik berüchtigt. „Befehle bedeuteten für ihn alles. Die Leute haben erzählt, dass sein Brüllen von der Schnitter-Brauerei bis zum Wasserturm zu hören gewesen sein soll. Da liegen immerhin gut 600 Meter dazwischen“, berichtet der Enkel. Ulrich Thormann hat seinen Großvater nie kennengelernt, da dieser im Winter 1940 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.

Aber Walter Thormann war eben auch ein bedeutender Baumeister, der maßgeblichen Anteil daran hatte, dass sich Weißwasser von einem kleinen Heidedorf an der Görlitzer Bahn zu einem der wichtigsten Standorte der Glasindustrie in Deutschland entwickelte. „Diesen Prozess möchte ich den Gästen in meiner kleinen Bauhütte nahe bringen“, sagt Ulrich Thormann. Mit Stolz verweist der Architekt auf den industriellen und städtebaulichen Aufschwung Weißwassers, an dem seine Familie einen nicht ganz unerheblichen Anteil habe.

Der Stadt von heute bescheinigt Thormann, noch immer von jener Substanz zu zehren. „Viele Dinge, die später gebaut wurden, finde ich nicht so gut gelungen“, resümiert der Experte. Als Beispiel nennt er das Hotel Kristall im Herzen der Stadt. „Solch eine Herberge baue ich doch nicht gegenüber eines Gewerbeparks“, moniert Thormann.

Trotz mancher städtebaulichen Sünden vergangener Jahrzehnte fühle sich der 73-Jährige in Weißwasser rundum wohl. Als persönlich schönsten Flecken in der Glasmacherstadt bezeichnet Ulrich Thormann den Braunsteich. „Eine wunderschöne Idylle“, schwärmt er.

Zu erleben ist der Architekt in der Rolle seines Großvaters während der Stadtrundgänge im Rahmen des Kunstprojektes „Modellfall Weißwasser - Das Masz aller Dinge“ anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Bauhaus.

Die Veranstaltungen finden am Freitag und Samstag, 21. und 22. Juni sowie am 28./29. Juni jeweils 18 Uhr ab dem Bahnhof Weißwasser statt. Auf insgesamt sieben Stationen des Parcours geben die Schauspieler Einblicke in die Geschichte der Glasmacherstadt. Angelaufen werden unter anderem die Telux, der Neufert-Bau, das Volkshaus und die Glasfachschule. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden in Weißwasser tätigen Bauhaus-Schüler Wilhelm Wagenfeld und Ernst Neufert. Beide gelten als Modellfall für den Bauhaus-Stil in der Großindustrie.

Karten können im Internet unter www.modellfall-weisswasser.de oder unter der Telefonnummer 0160 95482060 bestellt werden.

 Ulrich Thormann spielt seinen Großvater beim Straßentheater an zwei Wochenenden.
Ulrich Thormann spielt seinen Großvater beim Straßentheater an zwei Wochenenden. FOTO: Torsten Richter-Zippack