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| 21:20 Uhr

Modellprojekt für gestrandete Jugendliche
Der tägliche Kampf auf der Straße gegen Lücken im System

 ILLUSTRATION - 28.05.2016, Berlin: Eine junge Frau sitzt hinter leeren Bierflaschen. (zu dpa: «Drogenberatung: Alkohol immer seltener das einzige Problem» vom 16.06.2018)
ILLUSTRATION - 28.05.2016, Berlin: Eine junge Frau sitzt hinter leeren Bierflaschen. (zu dpa: «Drogenberatung: Alkohol immer seltener das einzige Problem» vom 16.06.2018) FOTO: dpa / Alexander Heinl
Mit dem Programm „Jugend stärken im Quartier“ will der Landkreis Görlitz die jungen Leute auffangen, die durch das soziale Raster gefallen sind. Der Job der Steetworker ist schwer. Von Christian Köhler

Freitagabend in Weißwasser. An ganz verschiedenen Stellen sitzen Jugendliche auf Bänken. Auch in so mancher Ecke, wo Einheimische niemanden vermuten, sind Treffpunkte. Unterwegs in der Stadt sind freitags auch Streetworker vom Verein mobile Jugendarbeit und Soziokultur. Sie sprechen die Jugendlichen an, suchen nach bestimmten Problemfällen. „Es gibt Lücken im Sozialsystem“, erklärt Vereinschef Christian Klämbt, „und es gibt vermehrt Jugendliche, die vom Staat schlicht nicht mehr erreicht werden.“

Sie haben oftmals, wie es im Fachjargon heißt, „multiple Problemlagen“, häufig keine konstanten Familienbindungen, brechen Schule, Ausbildung oder Maßnahmen vom Jobcenter sowie der Agentur für Arbeit ab. „Wir haben es auch teilweise mit Jugendlichen zu tun, die keine feste Wohnung mehr haben“, so Christian Klämbt, „sie sind bei Kumpels untergekommen, wohnen den Sommer über irgendwo in Gärten.“ Oft sind sie darüber hinaus verschuldet, rutschen durch Drogenkonsum in die Straffälligkeit – Stichwort Beschaffungskriminalität – oder sind mit den eigenen Kindern überfordert, weil der Partner längst verschwunden ist.

 Christian Klämbt, Leiter mobile Jugendarbeit und Soziokultur in Weißwasser.
Christian Klämbt, Leiter mobile Jugendarbeit und Soziokultur in Weißwasser. FOTO: Christian Köhler

Was kann der Staat, was kann die Gesellschaft dann machen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? Genau für jene Fälle gibt es ein gefördertes Modellprojekt „Jugend stärken im Quartier“, was der Landkreis Görlitz bereits seit 2015 im Umland von Weißwasser und Niesky mit Hilfe von EU und Bund etabliert hat. Nachdem die erste Förderperiode 2018 ausgelaufen ist, ist nun eine zweite gestartet. Sie läuft bis Juni 2022.

„Wir haben schon viel Vorarbeit geleistet, auf die wir nun aufbauen können“, erklärt Simone Schulze vom Jugendamt. Sie hat die Koordinierungsfunktion für das Gesamtprojekt inne. Daneben sind allerdings noch Jobcenter, Gesundheitsamt, Agentur für Arbeit, das Berufsschulzentrum sowie die Stadtverwaltungen von Niesky und Weißwasser eingebunden. Alle arbeiten gemeinsam, um die Jugend nicht sich selbst zu überlassen.

Einer besonderen Rolle kommt dabei der mobilen Jugendarbeit und Soziokultur mit Sitz in der Telux zu. Die Streetworker sind es nämlich, die in der Regel den Erstkontakt zu den Jugendlichen herstellen. Das ist im ländlichen Raum nicht ganz so einfach – immerhin sind die Wege weit, der öffentliche Nahverkehr schlecht ausgebaut. „Für viele ist es außerdem eine große Hürde, in ein Amt oder eine Institution zu gehen“, weiß Klämbt aus Erfahrung.

Seit 2015 hat der Verein deshalb eigenen Angaben zufolge die Arbeit „auf der Straße“ intensiviert, hat Schulungen der Mitarbeiter in Sachen Umgang mit Verschuldung oder Sucht durchgeführt. „Wir haben in den unmöglichsten Situationen Jugendliche angetroffen – in Wohnungen von Freunden, im Drogenrausch oder in Eskalationssituationen in Familien“, berichtet Christian Klämbt weiter.

Weil die Heranwachsenden – sie sind im Alter zwischen zwölf und 26 Jahren – zudem kaum einen geregelten Tagesablauf haben, gilt es zunächst, sie wieder sozial zu integrieren. „Es macht aus unserer Sicht keinen Sinn, sie sofort in eine Ausbildung oder Jobcenter-Maßnahme zu stecken, weil dies ihre akuten Probleme nicht löst“, erklärt der Sozialpädagoge.

Um diese zu lösen, hat der Verein nicht nur die genannten Projektpartner an seiner Seite, sondern auch Schulen, Bildungsträger, Firmen, Träger der Jugendhilfe sowie Wohnungsunternehmen als Kooperationspartner gewonnen. „Inzwischen bekommen wir erste Signale schon von Wohnungseignern, wenn etwa Mieten nicht gezahlt werden“, so Klämbt. Erste Alarmsignale gibt es auch von anderen Jugendhilfeträgern, von Schulen oder dem Jugendamt und der Gerichtshilfe.

Seit 2015 sind so knapp 180 Jugendliche betreut worden, die sonst niemand auf dem Schirm gehabt hätte. Nur vier der Jugendlichen haben ALG I, 72 ALG II bekommen. Ganze 28 haben laut Christian Klämbt überhaupt keine Einkünfte. 27 Jugendliche sind obdachlos gewesen. „Im Ergebnis haben wir allen mindestens die Grundsicherung verschafft, zwei Prozent allerdings haben es vorgezogen, weiterhin ohne festen Wohnsitz zu leben“, erklärt der Sozialpädogoge weiter. 98 Teilnehmer haben inzwischen eine Aus- oder Weiterbildung begonnen. Immerhin bei 144 Jugendlichen sind darüber hinaus erfolgreiche Schuldenberatungen, bei 57 positive Suchtberatungen erfolgt.

„Die Zahlen zeigen, wie wichtig ein solchen Projekt ist“, erklärt Angela Paulke von der Stadtverwaltung Weißwasser. Sie schätze die Arbeit, die die mobile Jugendarbeit macht. „Deshalb ist es schade, dass manche politischen Kräfte versuchen, das Soziokulturelle Zentrum in einem negativen Licht dastehen zu lassen“, sagt sie. Thomas Maetschke, Sachgebietsleiter beim Jobcenter für diese Altersgruppe hält ebenfalls große Stücke auf das Modellvorhaben: „Ohne die externe Begleitung würden wir viele gar nicht erreichen.“

Christian Klämbt indessen hofft, dass der Landkreis bei der Jugendhilfeplanung, die 2019 für die kommenden Jahre beschlossen werden soll berücksichtigt, „dass das Projekt 2022 ausläuft.“