Ohne die verschiedenen Entwürfe Wilhelm Wagenfelds bis in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein wäre die Designgeschichte in der Industrie, auch der westdeutschen, nicht denkbar. Zu dieser Einschätzung kam Dr. Walter Scheiffele bei seiner Laudatio über Prof. Wilhelm Wagenfeld in der Weißwasseraner Stadtbibliothek am Freitag. Dort überreichte Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) im Namen der Stadt Wagenfelds Tochter, Dr. Meike Noll-Wagenfeld, die Ehrenbürgerschaftsurkunde. "Ich freue mich sehr, dass meinem Vater diese Ehre zu Teil wird, und bedanke mich in seinem Namen", erklärte Meike Noll-Wagenfeld. Sie überreichte die Urkunde Julia Bulk, die als Geschäftsführerin der Wagenfeld-Stiftung in Bremen ebenfalls mit anwesend war. "Ich hoffe, dass mit der Ehrenbürgerschaft auch ein Impuls für die Stadt und die Region ausgeht", so Julia Bulk.

Walter Scheiffele beschäftigte sich Jahrzehnte mit Wilhelm Wagenfeld, der 1935 Künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) wurde. Dank Wagenfeld entwickelte sich Weißwasser daraufhin zu einem der bedeutenden europäischen Glaszentren. "Industriekultur kann nur dort entstehen, wo ein Industrieller mit einem Künstler zusammenarbeitet. Die Designgeschichte hat nicht viele solcher Beispiele", erläuterte Scheiffele mit Blick auf Weißwasser.

Im Glasmuseum hatte Kurator Jochen Exner vom Förderverein des Museums eine Sonderausstellung zu Wagenfeld zusammengestellt. "Neben Originalzeichnungen und Entwürfen haben wir von der Tischlerei Nickel auch dokumentierte Bestellungen von Wagenfeld entdeckt", erklärte Exner bei der Ausstellungseröffnung. Diese seien erst kürzlich ausgewertet worden. Ferner sind auch Gläser zu sehen, die Wagenfeld einst kreierte und die noch heute zu erwerben sind. Für die Öffentlichkeit öffnet die Ausstellung ab heute um 13 Uhr.

Auch Meike Noll-Wagenfeld hatte sich am Freitag dort interessiert umgesehen. "Mein Vater stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hatte sich alles selbst angeeignet", erzählt die 73-jährige Juristin. Unzählige Bücher aus der deutschen Literatur habe Wagenfeld gelesen. "Und wenn mein Vater gefragt wurde, was man braucht, um Designer zu werden, hatte er immer gesagt, man muss das Handwerk lernen und viel lesen", so die Tochter. Sie ist nicht in die Fußstapfen ihres Vaters getreten, sondern arbeitete bis 2003 bei den Vereinten Nationen in Genf. "Aber mit Weißwasser bin ich auch verbunden, denn hier haben sich meine Eltern kennengelernt, ohne die ich heute nicht da wäre", sagt sie zum Schluss mit einem Lächeln.