| 02:42 Uhr

Weißwasser – die geteilte Stadt

Beim Auszählen der Ergebnisse der Briefwahl schauen alle genau zu. Die Männer und Frauen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und sind sehr akribisch.
Beim Auszählen der Ergebnisse der Briefwahl schauen alle genau zu. Die Männer und Frauen lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und sind sehr akribisch. FOTO: Weiß
Weißwasser. Es ist gegen 2.15 Uhr am Montag früh, als endlich feststeht, wer die Wahl zum Oberbürgermeister gewonnen hat. Das Herzschlagfinale kann Amtsinhaber Torsten Pötzsch (Klartext) mit 233 Stimmen mehr für sich entscheiden. Regina Weiß

2.25 Uhr brandet Montag früh im Sitzungssaal des Rathauses Weißwasser Beifall auf. Dieser gilt Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext). Er ist für weitere sieben Jahre gewählt. Er kann bei einer Wahlbeteiligung von 68,3 Prozent 4894 Stimmen auf sich vereinen. Rico Jung, Kämmerer der Stadt Weißwasser und parteiloser Herausforderer, kommt auf 4661 Stimmen. Es ist ein Herzschlagfinale, das sichtlich am Nervenkostüm aller Beteiligten und Zuschauer zerrt. Beide Lager sind mit ihren Unterstützern vor Ort im Ratssaal beziehungsweise im OB-Büro. Das dient als Briefwahllokal und auf das kommt es am Ende der Wahl und am Anfang des neuen Tages an.

21.57 Uhr sind die Wahlergebnisse aus dem Wahllokal 1. Grundschule überstellt und werden per Diagramm an die Wand des Ratssaales "geworfen". Damit sind acht Wahlbezirke ausgezählt. Und das Ergebnis zeigt ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Vier Wahlbezirke gehen an den OB, vier an Rico Jung. Bei den Stimmen heißt es zu diesem Zeitpunkt: 3936 Weißwasseraner vertrauen weiterhin Pötzsch, 3823 möchten einen Wechsel. Weißwasser ist eine geteilte Stadt.

Jetzt kommt es auf die Briefwähler an. Ina Kokel, Referatsleiterin im Rathaus, geht davon aus, dass es sicherlich Mitternacht werde, bis das vorläufige Wahlergebnis vorliegt. Sie soll sich leider täuschen. Der Run auf die Briefwahl sorgt dafür, dass die Wahlhelfer dort am meisten zu tun haben. 1600 bis 1800 Wahlberechtigte sind je Wahlbezirk verteilt. Per Briefwahl haben rund 2000 abgestimmt. Und das Auszählen der Bundestagswahl hat erst mal Vorrang. Alles ist in Umschläge verpackt. Jede Unklarheit muss vom Wahlausschuss registriert werden. Da taucht der OB-Wahlzettel bei der Bundestagswahl auf oder der Wahlschein ist nicht in Ordnung oder mit den Umschlägen wurde etwas durcheinandergebracht. Obwohl das Prozedere bei der Briefwahl genau auf einem "Beipackzettel" beschrieben ist, scheint es einige überfordert zu haben. Das hält auf.

"Wir müssen unsere Lehren daraus ziehen", sagt Dietmar Lissina, Referat Hauptverwaltung und verantwortlich für die Durchführung der Wahl in Weißwasser, am Montag zur RUNDSCHAU. Der Kreiswahlleiter hatte angeordnet, dass es einen Briefwahlausschuss für Weißwasser und Weißkeißel gibt. Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, einen extra Ausschuss für die OB-Wahl zu benennen, ist seit der Wahlnacht klar, obwohl man fürs Auszählen noch mit vier Hilfskräften aufgestockt hatte.

Der Wahlausschuss macht seine Arbeit ganz genau, lässt sich von den vielen Zuschauern, die ihm auf die Hände schauen, nicht hetzten. Kein Wunder: bei der knappen Kiste. Am Ende wird noch mal durchgezählt, weil eine Stimme fehlt. Sie wird gefunden. 958 gehen an Torsten Pötzsch und 838 an Rico Jung (bei 33 ungültigen). "Die konnten am Ende eins und eins nicht mehr zusammenzählen", formuliert Lissina nach der sichtlichen Anstrengung.

Diese ist auch dem Wahlsieger ins Gesicht geschrieben. Nur kurz huscht ein Lächeln übers Gesicht. Zu knapp sei das Ergebnis, sagt er in einem ersten Statement und man müsse sich deshalb in den nächsten Tagen schon hinsetzen und ein paar Fragen stellen, warum das so war. "Aber es hängt vielleicht auch mit der Art und Weise des Wahlkampfes in Weißwasser zusammen", so Pötzsch. Kurz reicht er seinem Herausforderer die Hand. Rico Jung sagt auf die Frage der RUNDSCHAU, nicht sehr traurig über den Wahlausgang zu sein. "Alles hat immer zwei Seiten", sagt er weiter. Das knappe Ergebnis müsse nun Torsten Pötzsch als Rucksack mitnehmen, heißt es aus den Reihen des Herausforderers. Er hatte bis Samstag seinen Wahlkampf fortgeführt, hatte Wähler im Kaufland angesprochen.

Der Rucksack beinhaltet nicht nur die Stimmungslage in der Stadt und im Stadtrat, sondern auch die Herausforderungen, vor denen Weißwasser steht. Da steht das Haushaltskonsolidierungskonzept als Nächstes an. Keine einfache Aufgabe, laut Pötzsch. Hinzu kommt, dass der OB ankündigt, sich mit Kämmerer Rico Jung zusammensetzen zu müssen, um über die weitere Zusammenarbeit zu reden. "Das müssen wir untereinander ausmachen." Eins stellt Pötzsch noch in der Nacht klar: "Entgegen den Behauptungen, die im Wahlkampf gemacht wurden, ich würde ihm sofort kündigen, geht das gar nicht." Zudem unterstreicht der Wahlsieger, dass man als OB anstoßen, Dinge akquirieren und Impulse setzen kann, aber über Steuererhöhungen oder die Schließung einer Einrichtung könne ein OB nicht allein entscheiden. Da ist immer der Stadtrat gefordert.

Neben den Aufgaben in Weißwasser blickt Pötzsch auch sorgenvoll auf die Konstellation im Bund. Stichwort Lausitzrunde. "Unsere Arbeit wird künftig nicht leichter", konstatiert er.

Herausforderungen muss sich Torsten Pötzsch aber auch privater Natur stellen. In vier Wochen wird er zum ersten Mal Papa. "Es wird ein Junge", verrät er den Pressevertretern. "Das war noch ein kleiner Beitrag aus dem letzten Wahlkampf. Da hatte ich gesagt, ich werde mich auch um das Kinderproblem kümmern und gut vorangehen. Manchmal will die Natur nur nicht so wie wir, und es dauert etwas länger."

Torsten Pötzsch und Freundin Nadine Piechota haben gemeinsam im Rathaus ausgeharrt. In vier Wochen werden sie das erste Mal Eltern.
Torsten Pötzsch und Freundin Nadine Piechota haben gemeinsam im Rathaus ausgeharrt. In vier Wochen werden sie das erste Mal Eltern. FOTO: Kein Fotograf erkannt!