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| 15:53 Uhr

Ein menschliches Schicksal
Der Tod von Martyna soll nicht umsonst gewesen sein

 Martyna muss einen Mundschutz tragen, wenn sie ihre kleine Mila umsorgen will.
Martyna muss einen Mundschutz tragen, wenn sie ihre kleine Mila umsorgen will. FOTO: Sebastian Domel
Weißwasser. Für Sebastian und Martyna beginnt die Liebe ihres Lebens auf einer Parkbank in Bad Muskau. Ein Teil dieses Lebens hat jetzt aufgehört. Leukämie! Sebastian (27), Witwer und allein erziehender Vater, möchte diese Geschichte allen Menschen erzählen. Von Regina Weiß

„Meine Liebe wird dich nie verlassen, so wie deine mich niemals verlassen könnte. Ich werde smaragdgrünes Meeresrauschen sein und Wind. In jeder von Milas Seifenblasen werde ich mich spiegeln. Und in jeder heißen Schokolade zu Weihnachten wirst du 1000 Küsse von mir schmecken. Ich werde immer da sein, wenn ihr mich braucht. In jeder deiner verrückten Leuchtraketen. Und du wirst immer in den Himmel schauen und wissen, was das Richtige ist. Hab nur Mut.“ So lautet Martynas Botschaft.

Sebastian Domel: Der schwerste Gang seines Lebens

Mut, Kraft und Durchstehvermögen braucht Sebastian Domel am Samstag, 21. September 2019, mehr denn je. Er hat den schwersten Gang seines Lebens vor sich. Wobei man sich fragen muss, ob es diese Formulierung richtig trifft. Denn er hat in den letzten 13 Monaten viele schwere Gänge gehen müssen.

Am Samstag wird er seine Marta zu Grabe tragen und viele werden mit ihm weinen. Um das Leben, um ein Familienglück, um die Liebe. Martyna Domel – vormals Rylko – ist am 10. September 2019 eingeschlafen. Für immer. Mit 26 Jahren. Sie hinterlässt ihren Mann Sebastian Domel (27) und ihre gemeinsame Tochter Mila (1).

Freunde in Bad Muskau sammeln Spenden für Ehemann und Tochter (1)

In einem Schreiben an die Lausitzer Rundschau schreiben die Freunde von Martyna und Sebastian: „Für uns Freunde sind sie der Inbegriff von wahrer Liebe. Einer Liebe, die auch über den Tod hinaus Bestand haben wird. Sie zogen zusammen, heirateten, bekamen ihre wundervolle Tochter und bauten ein Haus. Ihren Lebensmittelpunkt verlagerten sie zwar in die Hauptstadt – ihr Herz gehörte aber immer nach Weißwasser.

Nach der Schreckensnachricht haben die Familien und Freunde von Martyna beschlossen, Spenden zu sammeln, um ihrem Ehemann den Start in das Leben als alleinerziehenden Vater und Witwer zu erleichtern und ihm zumindest diese eine Sorge zu nehmen.“

Sebastian Domel gibt zu, dass ihm schon etwas die Worte fehlen, wenn er an diese Hilfsbereitschaft denkt. „Es geht doch anderen noch schlechter als uns“, sagt er. Doch das Ganze sei eben auch Zeichen von Zusammenhalt und eines Netzwerks, das sich gut anfühlt in diesen Tagen, wo er zwischen Trauer und den vielen Erledigungen schwebt.

Warum Sebastian Domel die Geschichte seiner Liebe erzählt

Sebastian funktioniert. Ist noch in dem Kampfmodus, den er 13 Monate durchgehalten hat. Dabei hat er so etwas wie eine Mission. Die Menschen sollen sich bewusst werden, was sie am Leben haben.

Nicht schneller, höher, weiter oder mehr und noch mehr, sondern auch mal bewusst inne halten. „Sie sollten einfach nur glücklich sein, wenn sie gesund sind“, sagt Sebastian Domel.

Das Leben feiern, weil gelebt wird. Auch deshalb erzählt er der RUNDSCHAU seine, ihre Geschichte. „Wenn ich so nur fünf Menschen erreiche, wäre ich schon glücklich.“

2007 in Bad Muskau: Wie ist das mit uns beiden?

Sebastian Domel ist sich ganz sicher, dass er damals die entscheidende Frage gestellt hat. „Ich habe nicht etwa gesagt, ob sie mit mir gehen will. Eher so, was denn das nun ist mit uns beiden.“

Das war am 15. August 2007 um 19.27 Uhr. Ort des Geschehens: die Bank unterhalb der Bergschen Kirchruine mit Blick auf das Schloss in Bad Muskau.

Ein wunderschöner Platz, wunderschöne Gefühle. Sebastian ist damals 15, Martyna 14 Jahre alt. Sie geht auf das Landau-Gymnasium in Weißwasser, er ist von der Mittelschule in Weißwasser auf die in Krauschwitz gewechselt.

Sebastian Domel lernte Martyna über Freunde kennen

„Als ich sie das erste Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Wow, was für ein Mädchen! Bei der wirst Du nie eine Chance haben.“ Über Freunde lernt er sie kennen.

Er muss von Weißwasser nach Krauschwitz. Sie hat gerade eine Stunde geschwänzt. Es ist die letzte Schulwoche vor den Sommerferien, als sich die zarten Bande andeuten.

Dann geht es für beide mit den Familien in den Urlaub. Nach Polen, dort in verschiedene Landesteile. „Es waren die drei schlimmsten Wochen meines Lebens“, erinnert sich Sebastian Domel an die damalige Zeit. So denkt er als Teenager. Das Leben lehrt ihn anderes.

Sebastian und Martyna: Ihre Liebe trägt sie durch Höhen und Tiefen

Ihre Liebe trägt beide zwölf Jahre. Durch Höhen und Tiefen. Noch als Schülerin und Auszubildender ziehen sie in Weißwasser zusammen, gründen ihren eigenen Haus­stand. Keine einfache Zeit, mit wenig Geld klar zu kommen und sich aufs Lernen zu konzentrieren.

Für seine Prüfung als Speditionskaufmann bei Reinert Logistik muss Sebastian Domel eine Ehrenrunde drehen. Martyna macht ihr Abi am Landau-Gymnasium mit 1,4.

Berlin ist die Sehnsuchtsstadt. Sie packen ihre Habseligkeiten und starten dort neu durch. Sie wachsen an ihren Aufgaben als Disponent beziehungsweise Studentin, sie wachsen zusammen. Alles läuft prima.

Doppelte Hochzeit 2013 und 2015 in Weißwasser

 Martyna und Sebastian haben zwei Mal geheiratet. Das Foto entstand nach ihrer kirchlichen Trauung im Jahr 2015 in Weißwasser.
Martyna und Sebastian haben zwei Mal geheiratet. Das Foto entstand nach ihrer kirchlichen Trauung im Jahr 2015 in Weißwasser. FOTO: privat

Martyna findet ihren Lieblingsjob bei der Sparkasse in Berlin. Sie finanziert Bauvorhaben. Sebastian ist bei DB Schenker gefordert. Der Plan Familie wird umgesetzt.

Sie heiraten, gleich zwei Mal. Das erste Mal standesamtlich 2013. Das zweite Mal in der Katholischen Kirche Weißwasser 2015. Sie finden ein Reihenhaus in Königs Wusterhausen. Ihr eigenes Nest. Vorher nistet sich noch ihre kleine „Erbse“ ein.

Mila ist ein absolutes Wunschkind, die einige Wochen zu früh ins Leben startet. Doch das Kind ist gesund. Das Leben bei Domels könnte nicht schöner sein.

„Meine Frau war die Visionärin“, sagt Sebastian Domel. Oft habe sie Sachen angeschoben, wo er später übernahm. So erfolgt mit 18 Jahren auch die Registrierung bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei als Stammzellenspender.

Er zieht mit. Auf eine solche Spende ist auch Martyna Domel angewiesen.

Martynas Diagnose nach der Geburt der Tochter: Leukämie

 Mila und Martyna innig umarmt. Nur wenige Monate konnte die junge Mutti diese Momente genießen.
Mila und Martyna innig umarmt. Nur wenige Monate konnte die junge Mutti diese Momente genießen. FOTO: Sebastian Domel

Knapp acht Wochen nach der Geburt von Mila erhält Martyna Domel die Diagnose, an akuter Leukämie erkrankt zu sein. Die Lebenserwartung beträgt acht bis zwölf Wochen.

Sie kämpft bereits acht Wochen mit Symptomen. Die Diagnose erhalten Domels am Jahrestag ihres Kennenlernens. Sebastian bricht zusammen. Seine Frau tröstet ihn. Danach wird er 13 Monate ihre Stütze sein.

Neun Monate liegt Martyna im Krankenhaus in Berlin

Von den 13 Monaten liegt Marta neun Monate im Krankenhaus, in der Charité und zum Schluss im Virchow-Klinikum in Berlin. Sebastian nimmt Elternzeit und findet in seiner Oma Stefanie Domel eine große Stütze, um den Spagat zwischen Zuhause und Klinik zu meistern.

Das Mantra all die Wochen lautet: „Wir schaffen das.“ So wie sie alles mit eigenen Händen geschaffen haben. Er redet bald über die Krankheit wie ein Onkologe. Kennt sich mit den nackten Fakten aus. Freut sich, dass die zweite Knochenmarkspende anschlägt.

Im Krankenhaus zeigt er keine Schwäche. Die zeigt er bei Freunden in Weißwasser. Er ist hier zu einer Hochzeit eingeladen. Reißt sich zusammen, bis es nicht mehr geht und gibt zu: „Marta wird sterben.“ Und er bedauert zutiefst, ihr nicht ein letztes Mal „Ich liebe dich“, gesagt zu haben.

Am 10. September 2019 wird Sebastian Witwer, mit 27 Jahren

Sie stirbt am 10. September 2019 an Organversagen. „Bis zu diesem Tag haben wir immer alles zusammen gemacht.“ Jetzt muss Sebastian Mama und Papa für Mila gleichzeitig sein. „Ich schöpfe Kraft aus dem, was meine Frau geleistet hat“, sagt der junge Witwer. Er will jetzt nicht aufgeben, obwohl er weiß, dass der Weg schwer wird.

Nicht nur viele Bilder und Videos halten Martyna wach, auch ihre Zeilen. Sie hinterlässt Worte an ihren Mann Basti und ihre Tochter, die sie seit Längerem vorbereitet hatte: „Meine Liebe wird dich nie verlassen...“

Freunde sammeln Geld, Sebastian wirbt für Knochenmarkspenden

Es gibt eine Internetseite, die Martyna und Sebastian Domels Freunde ins Leben gerufen haben. Dort gibt es auch die Daten für ein Spendenkonto, das von den Freunden bei der Berliner „LEO Stiftung Live 4 Each Other“ initiiert wurde.

„Wir können Martyna nicht zurückbringen. So gern wir das auch möchten. So ist es doch das einzige, was wir machen können – ihm finanziell unter die Arme zu greifen“, begründen die Freunde ihre Aktion.

In der Zeit, wo seine Frau erkrankt ist, ist Sebastian Domel zwei Mal als Knochenmarkspender in Frage gekommen. Im aktuellen Fall kam die Nachfrage aus Köln. „Das kann doch alles kein Zufall sein. Sollte ich wirklich als Spender in Frage kommen, was noch nicht abschließend geklärt ist, werde ich sofort spenden. Da gibt es überhaupt keine Frage.“

Die Geschichte seiner Frau ist für Sebastian Domel außerdem Anlass, das Thema Knochenmarkspende anzusprechen.

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