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Ehrenamt
Für die Ehrenamtsnanny ist die Hürde zu hoch

Horst Stoklas gehört zu den Gründern der Stadtwerkstatt Kamenz. Er findet die Geschichte mit dem bürgerschaftlichen Projekten in Weißwasser super.
Horst Stoklas gehört zu den Gründern der Stadtwerkstatt Kamenz. Er findet die Geschichte mit dem bürgerschaftlichen Projekten in Weißwasser super. FOTO: Gabi Nitsche / LR
Weißwasser. „Ort schafft“ blickt auf die erste Halbzeit der Ideen aus der Bürgerschaft in Weißwasser. Scheitern ist bei den Projekten erlaubt.

Für „Ort schafft“ ist Halbzeit und somit der Punkt, um zu gucken, was in den ersten anderthalb Jahren aus den vielen klugen Ideen geworden ist, die 2016 bei der Summer-School von jungen Leuten geboren wurden. Das passierte am Montag und Dienstag bei einer Konferenz mit den an der Initiative Beteiligten, mit externen Fachleuten, Mitarbeitern aus der Stadtverwaltung und auch mit interessierten Einwohnern. Die waren vor allem am Dienstagnachmittag gern gesehen im Soziokulturellen Zentrum (SKZ) Telux. Denn da ging es einzig und allein um die sieben Einzelprojekte, die am Start waren. Sind diese noch auf der Strecke?

Das schwarze Brett: Aus der analogen Idee für einen großen Aushang, wo jeder mit einem Blick erfährt, was wann wo stattfindet in Weißwasser, ist die digitale Variante in Arbeit – eine App, der sich Melanie Höhne angenommen hat. Sie trägt alles zusammen, was einen guten Freizeitkalender ausmacht, aber auch viele Informationen, die der Mensch ansonsten braucht für den Alltag – zum Beispiel Öffnungszeiten von Apotheken und vieles mehr. Die Internetseite der Stadt soll verlinkt und die App einfach bedienbar sein. Ziel sei die kostenlose Nutzung, doch dafür wird es entsprechende Partner brauchen. Ob die App ein Erfolg wird, könne niemand vorhersagen, so Projektbetreuer Sebastian Krüger. Fakt ist, dass die analoge Variante nicht gänzlich ad acta gelegt wurde. Eine Tafel soll für den Marktplatz entstehen. Wer Lust am Mitmachen hat, ist willkommen.

Ehrenamtsnanny: Nach wie vor ist Robert Seidel von dieser Sache überzeugt und begeistert. Die Idee war, zwei Zielgruppen zusammenzubringen – Alleinerziehende und Doppelverdiener mit Ruheständlern. Denn jungen Leuten mit Kleinkindern stehen oftmals die Kita-Schließzeiten im Weg. „Wir wollten einen intergenerativen Treff schaffen, wo die Älteren die Rolle von Oma/Opa so in der Zeit von 16 bis 20 Uhr übernehmen sollten.“ Alles lief wunderbar. Doch die Bürokratie bremste alles aus. Um den Vorwurf zu entgehen, illegal eine Kita zu betreiben, wollte Seidel mit einer erfahrenen Kindereinrichtung in Weißwasser kooperieren. Der Träger lehnte es ab. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, es wird neu versucht unter dem Motto „Großeltern gesucht“. Das moderne Speed-Dating dazu findet am 17. Dezember um 14 Uhr im SpinnNetz statt. Robert Seidel hofft, dass sich zwischen Jung und Erfahrenen Freundschaften aufbauen, um am Ende doch das eigentliche Ziel, Leihomas und -opas zu finden, zu erreichen.

Zusammenwachsen: Sich mit anderen auszutauschen über Ideen und Vorhaben, über die Stadtgesellschaft und viele andere Themen brennt Claudia Müller schon längere Zeit auf der Seele. Zwei- bis viermal deshalb zusammenzukommen, das war ihr Ziel mit „Zusammenwachsen“. Einmal ist es geworden. 17 Leute trafen sich im Eine-Welt-Laden, die selbst in 23 Projekten involviert sind, berichtete Claudia Müller. Der Faktor Zeit neben den beruflichen Verpflichtungen war zu stark. 2018 wolle sie ein Stück ativer sein.

Die Aktion soll helfen, doch noch Jung und Alt zueinander zu bringen. Fotos: ni
Die Aktion soll helfen, doch noch Jung und Alt zueinander zu bringen. Fotos: ni FOTO: Gabi Nitsche / LR

Schmecken und Entdecken: Eine kleine Gruppe von Einheimischen und Zugezogenen bieten bei Festen Kulinarisches an, berichteten Ngoc lan Nguyen und Ernst Opitz. „Wir wollen gemeinsam kochen, internationale Kochkurse anbieten und die Vielfalt in der Gastronomie ausbauen. Seit zwei Jahren gibt es im Korczak-Haus das interkulturelle Café. Dort sei die Idee entstanden, raus zu gehen, damit sich die verschiedenen Menschen über das Kulinarische begegnen können.  So wurden unterschiedliche Köstlichkeiten beim Stadtfest, am Boulevard und auch in der Schwimmhalle schon angeboten. Man kam ins Gespräch. „Die Angst ist unbegründet. Vielfalt ist bereichernd“, sagt Ernst Opitz. Mit einheimischen Gastronomen würde man gern Themenabende anbieten. „Wir laden herzlich ein, darüber zu reden“, so Opitz.

Funolympics: Maik Kutschke in der Kultur- und Musikszene zuhause, schwebt ein jugendliches Fest vor, losgelöst vom Stadtfest, das sich auf kreative Themen konzentriert, die Szene präsentiert und Vereine und Familien anspricht. Bis zum Spätsommer/Herbst 2018 müsste es zu schaffen sein. Wer sich gern einbringen möchte, soll sich bei „Ort schafft“ melden. Beim Stadtfest 2017 wurde mit den Angeboten im Rathaus-Innenhof ein Anfang gemacht.

Aktion Weißwasser: Das ist im wahrsten Sinne des Wortes bürgerschaftliches Engagement. Es ist die Idee eines Bürgers, eines Vaters, der sich über Dreckecken in Weißwasser ärgerte und aktiv wurde, berichtet Frank Schwarzkopf über Robert Ehmann. „Wir wollen ja, dass sich jeder mit seinen Ideen einbringt und dann neue entstehen.“ Schon jetzt steht fest, dass Ehmann und Freunde nicht mit dem Projektende 2019 aufhören wollen. „Sie wollen einen Verein gründen.“

Die künftige App erfüllt digital die Aufgabe eines schwarzen Brettes.
Die künftige App erfüllt digital die Aufgabe eines schwarzen Brettes. FOTO: Gabi Nitsche / LR

Jugendhaus: Die Idee stammt von jungen Leuten, doch sie hat sich erledigt, weil diese inzwischen woanders in der Ausbildung sind oder studieren.

„Ort schafft“ ist wohl eins der wenigen Förderprojekte, bei denen Scheitern erlaubt ist. „Wichtig ist nur, dass wir den Bürgern nichts versprechen, was nicht einzuhalten ist, und am Ende heißt es, wir hätten Geld verbrannt“, bringt es Frank Schwarzkopf vom Stadtverein auf den Punkt.

Aber warum ist der Misserfolg sozusagen einkalkuliert? Ganz einfach: „Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet. Das bedeutet auch die Analyse von allem, was an Vorhaben innerhalb des Projektes angepackt wurde, um daraus Schlüsse zu ziehen, wie Ehrenamt in Zukunft unterstützt werden muss.“  Den wissenschaftlichen Part hat das Institut für Landes- und Stadtentwicklung Dortmund übernommen.

Derweil sich Besucher Uli Teichert aus Weißwasser fragt, warum das „Fahrrad“ zum 15. Mal neu erfunden werde, wo es doch schon zig Projekte gab und gibt, auf die sich aufbauen lasse, war Horst Stoklas total begeistert. Er gehört zu jenen, die gerade in Kamenz eine Stadtwerkstatt auf die Beine stellen und genau auf bürgerschaftliches Mittun setzen wie in Weißwasser. „Es muss Macher geben. Das Ehrenamt nehmen viele zur Kenntnis, aber ohne Mitgestalter zu sein“, so der 61-Jährige. Er ist überzeugt davon, Menschen wollen motiviert werden. „Da braucht es Leute, die vorneweg gehen.“ In Kamenz müsse niemand das Rad neu erfinden. „Wir nehmen heute viele Ideen aus Weißwasser mit“, kündigte der Mann an. Sicherlich lasse sich das nicht 1:1 anwenden, aber vieles daraus entnehmen. „Weiter so, viel Erfolg!“, wünschte der Kamenzer den Weißwasseranern. Der Applaus sprach für ihn. Auch Wissenschaftler Robert Nadler ging auf die Bemerkung von Uli Teichert ein und verwendete das Wort Generationsbruch. „Deswegen wiederholt sich vieles. Wir müssen sehen, wie die junge von der älteren Generation lernt, ohne immer von vorn anzufangen“, sagte Nadler.

Noch ein Wort zu den Finanzen für das Förderprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird. Insgesamt 15 Städte sind für das Programm mit dem Dachtitel „Kommune Innovativ“ ausgesucht worden. Niemand darf denken, so Frank Schwarzkopf, dass die komplette Summe von 448 000 Euro in Weißwasser zur Verfügung steht. An die Adresse des Institutes fließen  in den drei Jahren 2016 bis 2019 rund 119 500 Euro von der Geamtsumme. Der Stadtverein als Projektträger bekommt gut 250 000 Euro für die Begleitung, hat dafür zwei Halbtagsstellen besetzt mit Gregor Schneider und Sebastian Krüger, erklärt Vorsitzender Frank Schwarzkopf. Krüger scheidet ab Dezember aus, konzentriere sich dann auf seine Arbeit im SKZ Telux. Schwarzkopf sucht Ersatz. Die Stadtverwaltung kann über knapp 75 000 Euro  für die einzelnen Projekte verfügen.