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Was in der Umkleide geschah, wissen nur zwei Menschen

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Weißwasser. Weißwasseraner Gastronom ist vom Schöffengericht vom Vorwurf der sexuellen Nötigung und der versuchten Vergewaltigung freigesprochen worden. Christian Köhler

Der Weißwasseraner Gastwirt Martin K.* ist vom Vorwurf der sexuellen Nötigung und der versuchten Vergewaltigung freigesprochen worden. Das entschied in dieser Woche das Schöffengericht in Weißwasser. "Wir sagen mit dem Urteil jedoch nicht, dass das Opfer gelogen oder sich alles ausgedacht hat", fügte der Vorsitzende Richter Ralph Rehm an den Urteilsspruch an. Allein, es fehlten die Beweise, dass sich die angeklagten Taten tatsächlich so abgespielt haben, wie es das Opfer - eine 38-jährige Kellnerin - angab, so der Richter. Die Frau trat während des Prozesses als Nebenklägerin auf.

K. soll, so führte Staatsanwalt Ringo Hensel in der Anklage aus, die damalige Angestellte im Spätsommer 2013 sexuell genötigt und versucht haben, sie zu vergewaltigen. Der heute 69-jährige Wirt wollte sich zu den Vorwürfen vor der Beweisführung und den Zeugenaussagen nicht äußern. Über seinen Verteidiger Carsten Brunzel ließ er lediglich mitteilen, dass er alle ihm zur Last gelegten Vorwürfe abstreitet.

"Es fing alles im Juni mit anzüglichen Bemerkungen an", berichtete die Kellnerin in ihrer Aussage. Dabei allerdings, so schilderte sie weiter, sei es nicht geblieben. Bis zum November 2013 soll es ihren Angaben zufolge zwischen zehn und 15 sexuelle Übergriffe durch den Wirt gegeben haben. Diese hätten sich stets ereignet, wenn sie Spätschicht hatte. Dann nämlich soll ihr Chef das Lokal abgeschlossen haben, während sie in Ermangelung einer eigenen Umkleide sich in seinem Büro umzog.

"Er kam rein, als ich in Unterwäsche dastand", erzählte sie dem Gericht, "und dann hat er mich in eine Ecke gedrängt und meinen BH heruntergezogen." Anschließend soll der Lokalinhaber immer wieder versucht haben, sie zu küssen, sie zu begrapschen. "Ich habe ihn weggestoßen", sagte sie. Schließlich habe er von ihr abgelassen. Zunächst habe sie gedacht, es sei eine Einmaligkeit gewesen. Doch, so beteuerte sie, "es kam mehrmals dazu".

Das wollte Verteidiger Brunzel so nicht stehen lassen. "Wie kommen sie eigentlich auf den Zeitraum Juni bis November 2013?", fragte er. Immerhin habe die Kellnerin bis dahin bereits zweieinhalb Jahre beim Angeklagten gearbeitet. Und bis dato sei, so gab die Kellnerin auch zu, nie etwas Derartiges vorgefallen. "Das weiß ich nicht mehr", entgegnete die Frau.

Auf die nächste Frage des Verteidigers, warum sie sich nach "solchen angeblichen Übergriffen" nicht einfach zu Hause umgezogen habe, entgegnete die Kellnerin: "Das weiß ich nicht. Ich habe es manchmal vergessen."

Dies waren während der Verhandlung jedoch nicht die einzigen Gedächtnislücken der Geschädigten. Gerade bei der Frage, wem sich das mutmaßliche Opfer anvertraute, ließ sich für das Gericht kein Licht ins Dunkel bringen. Zunächst habe sie mit niemandem darüber gesprochen, gab die ehemalige Angestellte zu verstehen, habe versucht, allein mit dem Erlebten zurechtzukommen. Doch nach einer längeren Krankheit und dem Wissen, wieder auf Arbeit gehen zu müssen, hatte sie im Januar 2014 das Handtuch geworfen und gekündigt.

Zuvor aber habe sie sich ihrer Hausärztin anvertraut. Die erklärte im Zeugenstand, die Geschädigte habe "einen aufgewühlten Eindruck" auf sie gemacht. Auf Nachfrage habe sie der Ärztin von ihren Erlebnissen berichtet. "Ich habe sie daraufhin krankgeschrieben und ihr empfohlen, sich einen rechtlichen Beistand zu suchen." Und einen Anwalt hatte die Kellnerin tatsächlich 2014 zurate gezogen - allerdings, um vor dem Bautzener Arbeitsgericht die Auszahlung geleisteter Überstunden vom Chef zu erwirken.

Bei einem Gespräch der Kellnerin mit ihrer Schwiegermutter Anfang 2014 will dann auch ihr Ehemann das erste Mal von den sexuellen Nötigungen erfahren haben. "Ich war schockiert", sagte er im Gericht. Was genau beim Umkleiden passiert sein soll, wisse er nicht. Genauer habe er auch nicht nachgefragt. Vielmehr habe er seiner Frau geraten, eine Anzeige zu machen. Mit dem Wirt selber habe er nicht gesprochen.

Auch die Mutter der Geschädigten will erst im Rahmen der Kündigung von den Vorwürfen gegen den Arbeitgeber erfahren haben. "Sie hat zu mir gesagt, es gab sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz", gab die Mutter an. Auf intensive Nachfragen, was denn konkret passiert sei, habe die Tochter stets abweisend reagiert. "Sie wollte einfach nicht darüber reden", erzählte die Mutter.

Dass die 38-Jährige einen sehr schüchternen und verschlossenen Eindruck machte, bestätigten auch die ermittelnden Beamten der Polizei und der Staatsanwaltschaft im Zeugenstand. Gerade an die Oberstaatsanwältin Peggy Brosin richteten sich jedoch mehrere Fragen des Gastwirt-Verteidigers: "Warum haben Sie die offensichtlichen Widersprüche in der Aussage der Geschädigten nicht aufgeklärt?" Immerhin sei nicht geklärt, welche Taten dem Angeklagten im Detail vorgeworfen werden, warum die Geschädigte sich nicht zu Hause umzog oder wem sie sich anvertraute. "Ich kann mich an die Vernehmung nicht mehr im Detail erinnern", gab Peggy Brosin an.

Wie es dazu kam, dass die Kellnerin bei der Polizei und schließlich später der Ärztin, ihrem Mann und der Mutter verschiedene Details der zur Anzeige gebrachten Taten schilderte, könne die Oberstaatsanwältin nicht erklären.

Dieser Umstand schließlich führte auch dazu, dass das Gericht der Forderung der Verteidigung folgte, den 69-jährigen Angeklagten freizusprechen. "Wir haben keine objektiven Beweismittel", begründete der Richter, "und wir konstatieren eine qualitative Steigerung der Anschuldigungen gegen den Angeklagten durch das Opfer im Laufe der Zeit." Das ließe den Schluss zu, dass es Brüche in der Aussage der Kellnerin gibt. Diese wiederum sah die Nebenklage und die Staatsanwaltschaft nicht so. Sie forderten eine Haft- und eine Geldstrafe.

Insgesamt gestaltete sich die Verhandlung äußerst schwierig, da zum einen der angeklagte Vorfall gut vier Jahre zurückliegt und zum anderen die Verhandlung bereits ein zweites Mal wiederholt wurde. Bereits im August 2016 wurde der Fall ein erstes Mal aufgerollt. Allerdings fehlte damals eine Zeugin, sodass die Verhandlung bis heute ruhte. *Name geändert