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Was alles in Görlitz erfunden wurde

Im Buch der Görlitzer Innovationen nimmt der Bereich Brandschutz/Brandbekämpfung einen wichtigen Platz ein.
Im Buch der Görlitzer Innovationen nimmt der Bereich Brandschutz/Brandbekämpfung einen wichtigen Platz ein. FOTO: um1
Görlitz. Die Stadt Görlitz ist in erster Linie für ihren außergewöhnlichen Reichtum an Baudenkmälern und an kulturellen Schätzen bekannt. Dass Görlitz im Laufe der vergangenen Jahrhunderte aber auch Ursprungsort zahlreicher technischer und gesellschaftlicher Innovationen war, steht weit weniger im Fokus. Uwe Menschner / ume1

Durch ein mittlerweile abgeschlossenes Buchprojekt der Ingenieure Rainer Appelt und Horst Sagner könnte bekannt werden, dass Görlitz Ursprungsort zahlreicher technischer und gesellschaftlicher Innovationen ist. "Die Idee entstand aus einer Bierlaune heraus", bekennt Rainer Appelt.

Er selbst war Zeit seines Berufslebens als Fertigungsleiter im Feinoptischen Werk tätig, sein "Nachbar" und Co-Autor Horst Sagner als Ingenieur im Kraftwerk Hagenwerder.

So hatten beide selbst hautnah mit technischen Innovationen zu tun, die weit über Görlitz hinaus ausstrahlten. In einer unglaublichen Fleißarbeit gelang es ihnen, eine Fülle von Ideen und Entwicklungen zusammenzutragen, die ihren Ursprung in Görlitz hatten.

Das in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienene Buch "Görlitz - Stadt besonderer Leistungen" ist bereits vergriffen, kann aber in der Stadtbibliothek und im Ratsarchiv eingesehen werden.

Nachfolgend daraus ein paar Beispiele für Erfindungen, Entwicklungen und Innovationen "made in Görlitz."

Der Kreisverkehr

Jahrelang stritten sich New York und Paris, welche von beiden Städten den ersten Kreisverkehr hatte. Die Antwort lautet: Keine.

Denn: Bereits 1899 fuhren am Görlitzer Brautwiesenplatz die - damals sicher noch wenigen - Fahrzeuge im Kreis herum. In den beiden Weltmetropolen gab es dies erst ab 1904 und 1907. "Nach anfänglichem Zögern ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt, dass Görlitz den ersten Kreisverkehr der Welt hatte", so Rainer Appelt.

Der Kabel-Bagger

Der Kohlebergbau war Zeit seines Bestehens stets ein hartes und mühseliges Geschäft. Mit Muskelkraft mussten die kohlehaltigen Gesteinsbrocken gebrochen und "ans Tageslicht" befördert werden. Stellte bereits der Erwerb der "Kohlfurter Heide" zum Zwecke ihrer wirtschaftlichen Nutzung eine bedeutende Innovation der Stadt Görlitz dar, so galt dies umso mehr für den Einsatz des weltweit ersten Kabel-Baggers im dortigen Kohleabbau, der eine neue Ära für diesen Wirtschaftszweig einläutete.

Raumfahrt

Als Siegmund Jähn 1978 als erster Deutscher ins Weltall aufbrach, hatte er auch höchst innovative Fototechnik "im Gepäck." Deren "Herzstücken" - die Objektive - kamen jedoch nicht, wie oftmals vermutet, aus Dresden und Jena, sondern von den Feinoptischen Werken Görlitz.

Rainer Appelt war selbst an der Entwicklung dieser weltweit anerkannten Spitzentechnologie beteiligt.

Bahntechnik

Die in Görlitz erdachten Neuerungen in der Bahntechnik könnten allein ein ganzes Buch füllen. So stammt von hier das bis heute bewährte Prinzip der Antriebsmotoren in den Drehgestellen, das bereits 1933 Reisegeschwindigkeiten von bis zu 175 Kilometern pro Stunde ermöglichte. Auch der erste ferngesteuerte Zug der Welt kam aus Görlitz, was heute selbst in eingeweihten Kreisen kaum noch bekannt ist. Der hier hergestellte Doppelstock-Wendezug ermöglichte auf der Strecke Hamburg-Lübeck-Travemünde die Bewältigung von bis dahin für unmöglich gehaltenen Passagierzahlen.

Und auch zu DDR-Zeiten stellten die Görlitzer Waggonbauer (unter anderem) mit dem einzigen Hochgeschwindigkeitszug des RGW, dem VT 1816, weltweit anerkannte Spitzenprodukte her.

Brandschutz

Von der motorisierten Tragkraftspritze "Die Retterin" aus dem Jahre 1926 bis hin zum "Elicio", dem weltweit ersten Löschfahrzeug mit Elektroantrieb, ist die Geschichte der Brandschutztechnik aus Görlitz auch eine Geschichte der Innovationen. "Letzterer passt durch jedes Hallentor und kann die 'Lücke' zwischen dem Handfeuerlöscher und dem Löschfahrzeug überbrücken", so Rainer Appelt.

AIDS-Diagnostik

Mit den von der Görlitzer Partec GmbH entwickelten mobilen Geräten zur AIDS-Diagnostik konnten erstmals große Menschenmengen auf das HIV-Virus untersucht werden.

Die Analyse dauert nur zehn Minuten und kostet nur ein Zwanzigstel der zuvor angewandten Methoden. Trotz vieler Steine, die dem Verfahren in den Weg gelegt wurden, hat es sich gegen die US-Konkurrenz durchgesetzt und geholfen, tausende von Leben zu retten oder zumindest zu verlängern.

Noch weitaus mehr wäre zu nennen: Die erste Einkaufsgenossenschaft, die Protokollierung der ersten MontBlanc-Besteigung durch Adolf Traugott von Gersdorf und natürlich die berühmten Liebesperlen, die allerdings weitgehend als Görlitzer Erfindung bekannt sind und hier daher nicht weiter vorgestellt werden sollen.

Fakt ist laut Rainer Appelt und Horst Sagner: "Die Görlitzer haben allen Grund, stolz zu sein auf das, was ihre Stadt zur Entwicklung der Menschheit beigetragen hat."

Ihr Buch leistet dafür sicher einen wertvollen Beitrag und kann selbst als Innovation bezeichnet werden - etwas Vergleichbares gibt es nämlich für andere Städte noch nicht.