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| 01:17 Uhr

Vorkommen bis an die Erdoberfläche

Weißwasser.. Nach dem Ausscheiden von Emil Meier und Joseph Schweig aus den Kohlenwerken Weißwassers bildete sich eine neue Betreibergesellschaft. Sie bestand aus Bauinspektor Alfred Schur, Prokurist Paul Schwabe, Herrn Firle und Unternehmer Adolf Hirsch von der Glashütte Hirsch, Janke Co. Weißwasser, welcher als Geschäftsführer handelte. Von Lutz Stucka

Schweig hatte in den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts Landflächen im nördlichen und östlichen Teil des heutigen Stadtgebietes vom Grafen Arnim aus Muskau, Landwirten aus Weißwasser und dem benachbarten Ort Hermannsdorf zum Zweck der Auskohlung für die Kohlenwerke Weißwasser gekauft und darauf, am Braunsteichweg, die Adeline Mulde angelegt. Auf die Nutzung des südlich daran, bis hin zum heutigen Marktplatz, anschließenden Gebietes wurde für den Bergbau verzichtet. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass hier der Industrieort Neu-Weißwasser entstehen werde. Die Flächen, die Schweig hier einst zur Auskohlung angekauft hatte, konnte er nun zu einem weitaus besseren Preis an Händler, Handwerker und Gewerbetreibende verkaufen, was bei einigen Mitbürgern auf wenig Gegenliebe stieß. Schweig gelang es aber bald, durch großzügige Spenden und Förderungen öffentlicher Einrichtungen die Gunst der meisten Neider wieder zu gewinnen. So spendete er zum Beispiel die ausgekohlte Restgrube der Qualisch-Mulde, der spätere Jahnteich, welcher sich wieder mit Wasser füllte, dem Turn- und Rettungs-Verein e. V. Weißwasser, dessen Vorsitzender er war, zu Vereinszwecken. So auch den heutigen Marktplatz. Eine ehemalige große Quarzsandgrube Hermannsdorfer Bauern, die Schweig ebenfalls für bergbauliche Zwecke kaufte, wurde verfüllt und als Platz geebnet. Da eine Bebauung vorerst nicht möglich war, diente diese Fläche als Gemüse- und Krammarkt. Um 1890 schenkte Schweig dieses Areal der Gemeinde Weißwasser für die Nutzung als Marktplatz.

Interessante Gewinne
Als Graf Arnim die Standesherrschaft Muskau übernahm, war er überzeugt, wenn der Bergbau richtig betrieben werde, werfe er interessante Gewinne ab. Die Kohlenwerke Weißwasser waren verpachtet, und so musste er sich außerhalb deren Einzugsbereiches abbauwürdiges Gelände suchen. Er erschloss nördlich an die Kohlenwerke grenzendes bergbauliches Gebiet und eröffnete hier ab dem Jahr 1890 eigene Gruben.
Drei Jahre vor Ende des Pachtvertrages mit den Kohlenwerken begann er gewissermaßen als Fortsetzung die Grube „Hermann“ , an der nördlichen Ortsgrenze von Weißwasser, anzulegen. Wenige Monate vor der Rückgabe der Pachtsache stellte ein Beauftragter des Grafen Arnim fest, dass zwar noch reichlich Lagerstätten zur Auskohlung vorhanden seien, aber die Betriebsanlagen stark verschlissen waren. Er riet dem Grafen von einem Kauf zum angebotenen Preis ab. Im Jahr 1911 gingen die Kohlenwerke Weißwasser, so wie vereinbart, in den Besitz der Standesherrschaft Muskau zurück, die mit dem Neuaufschluss der Grube Caroline 2, am späteren Makarenkoheim, in den Jahren 1911/13 den Braunkohlenbergbau bei Weißwasser fortsetzte. Ein Teil des hier geförderten Brennstoffes wurde mittels der gräflichen Kleinbahn und einem eigens dahin verlegten Gleis nach der Ziegelei an der Jahnstraße geliefert und dort verbraucht. Der weit größere Teil wurde an die Fabriken der Umgebung und über die Reichsbahnverbindung verkauft.

Die Braunkohlengrube „Philippine“ Der herrschaftliche Bergbaubeamte, Obersteiger Carl Thormann, schied aus den Diensten des Grafen Arnim aus und erwarb am 1. April 1894 die am Nordrand von Weißwasser gelegene Ziegelei Mrosko an der heutigen Straße An der Ziegelei. Er machte das kleine Unternehmen unter dem Namen „Tonwerke Weißwasser“ wieder lebensfähig. Auf der Suche nach Tonlagerstätten war er auch hier auf Braunkohle gestoßen, die durch die eiszeitliche Faltung an verschiedenen Stellen bis an die Erdoberfläche reichte. Thormann als Bergbauspezialist ließ die Chance nicht ungenutzt und eröffnete die Kohlengrube „Hoffnung“ . Private Probleme allerdings zwangen Carl Thormann, seine Tonwerke und die Grube „Hoffnung“ schon im Jahr 1903 an den Bergassessor Willi von Lewinski zu verkaufen.

Gleis wurde gelegt
Ende 1898 erwarb der aus Breslau stammende Hauptmann a. D. Willy von Lewinski nach seiner Offizierslaufbahn im kaiserlich deutschen Heer mehrere bäuerliche Grundstücke in der Aue und im Qualisch und eröffnete im Frühjahr 1899, beiderseits der Bahnlinie nach Forst die „Braunkohlenzeche Philippine“ . Nach dem Erwerb der Thormannschen Tonwerke ließ Lewinski ein Kleinbahngleis von der Braunkohlenzeche Philippine aus zu seiner neuen Ziegelei legen und diese mit elektrischer Energie, hergestellt in einem im selben Jahr an der Zeche in Betrieb genommenen kleinen Kraftwerk, betreiben. Lewinski war sehr erfolgreich und konnte die in der Konkursmasse befindliche Nobelvilla vom Glashüttenunternehmer Otto Hirsch im Jahr 1904 käuflich erwerben und gab ihr nach seinem Gusto den Namen „Villa Glückauf“ . Am 2. August 1910 erfolgte aufgrund eines Abkommens mit dem „Schlesischen Braunkohlensyndikat“ die Schließung der Lewinskischen Braunkohlengruben „Hoffnung“ und „Philippine“ . In der Grube „Weißwasser“ , östlich der Muskauer Straße, konnte noch bis zum Auslaufen des Pachtvertrages der Kohlenwerke Weißwasser im Jahr 1911 gearbeitet werden. Damit endeten auch hier die bergbaulichen Aktivitäten im heutigen Stadtgebiet. Graf Arnim hingegen baute seine Montanunternehmung an Weißwassers Nordgrenze weiter aus.

Restlöcher kultiviert
Am 1. April 1911 gingen die Restwerte der Kohlenwerke Weißwasser GmbH in die gräfliche Braunkohlengrube „Hermann“ über und diese setzte den Bergbau in nördliche Richtung auf herrschaftlichen Grundstücken fort. Die bestehenden Restlöcher wurden kultiviert und in den wachsenden Ort Weißwasser integriert. Der Kohlenstaubplatz wurde mit Mutterboden abgedeckt und für Volksveranstaltungen, wie Zirkusvorstellungen oder im Winter als Rodelberg, genutzt. Die Qualisch-Mulde diente dem Turn- und Rettungsverein für Sportübungen zu Land und zu Wasser und erhielt darauf hin zu Ehren des Turnvaters Ludwig Jahn seinen Namen. Der Neuteich allerdings, welcher über den Regina-Schacht ausgekohlt wurde, kam im Mai 1914 in den Besitz der Gemeinde Weißwasser, denn dieses Gebiet gewann an Bedeutung, sollte es mit in die Erweiterung des Ortsterritoriums eingeschlossen werden. Die Halbinsel erhielt ein Landwirt zur Pacht und wurde nach 1945 von der Kommune in kleine Parzellen an Einwohner vergeben. Diese sollten es als Gartenland intensiv für den Eigenanbau von Obst und Gemüse zur Linderung der herrschenden Hungersnot nutzen. Später kamen weitere Kleingärtner hinzu, und so gründeten sie die Gartensparte „Neuteichhalbinsel“ des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierhalter (VKSK).

Parkähnlich gestaltet
Der ausgekohlte ehemalige Braunkohlenschacht „Adeline“ an der Muskauer Straße wurde 1915 durch russische Kriegsgefangene parkähnlich gestaltet. Anschließend erhielt diese Kulturfläche den Namen „Hindenburgpark“ . Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, späterer Reichskanzler, hatte durch seine umsichtige Truppenführung an der Ostfront erreicht, „. . . dass die russischen Horden nicht bis in unsere Gegend vorgedrungen sind.“ Die Einwohner von Weißwasser wollten ihm dafür dankbar sein, begründete dies die Ortspresse.

Zeittafel Kohlestaubplatz und Untersuchungen
Ende August 1915. Ende des Monats treffen 30 russische Kriegsgefangene ein, die das Grubengelände zwischen dem Braunsteichweg und der Waldstraße, ehemalige Braunkohlengrube „Adeline“ , parkmäßig gestalten müssen. Die Seiten, der von Ost nach West länglich gezogenen Senke, werden stufenförmig angelegt. Sie soll einem geplanten Neiße-Spree-Kanalbau zur Verfügung stehen. Als das Projekt nicht verwirklicht wird, soll sie einem Sportstadion mit Zuschauerrängen dienen. Die Arbeiten werden in den zwanziger Jahren als Notstandsarbeiten von Arbeitslosen fortgesetzt. Als auch ein Sportstadion nicht entsteht, wird dieses rekultivierte Terrain als Park gestaltet und später Kleingärtnern übergeben.
1917. Der Verein der Industriellen und Kaufleute im Kreis Rothenburg und Hoyerswerda wirbt um Mitgliedschaft für die Erbauung des Elbe-Oder-Kanals, der an Weißwassers Nordrand durch die Kohlengruben am Brauns teichweg verlaufen soll.

20. Oktober 1941.
Auf dem Kohlenstaubplatz, auch Platz hinter dem alten Zollhaus genannt, wird ein Zirkuszelt aufgebaut. Chronist Heinrich Küllmann lässt den Schluss zu, dass zum ersten Mal in Weißwasser ein Zirkus gastiert. „Schon die Eröffnungsveranstaltung brachte neuen Schwung in die Jugendgemüter. . .“ , berichtet Küllmann.
Frühjahr 1945. Die von Ost nach West verlaufenden ehemaligen Braunkohlengruben werden in das Stadtverteidigungssystem einbezogen. Entlang der Südränder dieser Senken werden Schützengräben ausgehoben. Schwere Kämpfe fanden hier aber nicht statt.
20. bis 21. Oktober 1951. Der Zirkus „Aeros“ gastiert erstmals auf dem Kohlenstaubplatz.
13. Februar 1959. Anlässlich einer Großkundgebung zum Gedenken des Infernos in Dresden, an der der Präsident des Deutschen Friedensrates, Prof. Friedrich, teilnimmt, wird die Schweigstraße in Straße des Friedens umbenannt. Anlässlich dieser Feier enthüllt Bürgermeister Dreihardt den Friedensstein mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“ , heutiges Territorium des Busbahnhofs. Dieser Stein befindet sich jetzt am Kohlenstaubplatz, welcher später Platz des Friedens heißt.
1959. Der Kohlenstaubplatz soll in Stadtwiese umbenannt werden.
1959/60 Einstellung des Braunkohlenbergbaus im Braunkohlenwerk (BKW) „Frieden“ (ehemals gräflichen Gruben Adolf, Hermann und Caroline 2) am Nordwestrand der Stadt Weißwasser.

1961. Für den Kohlenstaubplatz wird weiter nach einem Name gesucht. Abgelehnt werden die Namen der heldenhaften sowjetischen Kosmonauten Gagarin oder Titow, da das Ambiente dieses Platzes nicht würdevoll genug dafür ist.
1976. Der Kohlenstaubplatz (Platz des Friedens) wird parkmäßig gestaltet.
Juli 1979 bis April 1986. Es werden erstmals großräumige Untersuchungsarbeiten im Altbergbaugebiet Weißwasser zur Feststellung noch offener untertäniger Grubenbaue durchgeführt. Verfüllarbeiten werden in den neunziger Jahren durchgeführt. Ende 2001 kann eingeschätzt werden, dass die Hohlräume in den stillgelegten Stollen im Bereich Teichstraße, Jahnstraße und Jahndamm verfüllt wurden. Arbeiten erfolgen noch unter dem Kohlenstaubplatz bis zum April 2002. Ein zielgerichtetes Vorgehen ist aufgrund schlechten Kartenmaterials sehr schwierig. Finanziert wird diese Gesamtmaßnahme zur Sanierung der Altbergbaulandschaft durch den Freistaat Sachsen.