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"Von Sozialverträglichkeit weit weg"

Am Ortseingang von Schleife (Sachsen) steht ein Anhänger mit einem Protestplakat gegen das geplante Tagebaugebiet „Nochten II“.
Am Ortseingang von Schleife (Sachsen) steht ein Anhänger mit einem Protestplakat gegen das geplante Tagebaugebiet „Nochten II“. FOTO: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)
Schleife. Für die Psyche der Umsiedler sei die jetzige Bergbau-Situation eine Katastrophe, sind sich Holger Thomas und Antje Schröcke einig. Er ist Koordinator im sozialen Netzwerk, sie Bergbau-Seelsorgerin im Kirchspiel Schleife. Gabi Nitsche

"Es ist furchtbar, man sitzt wie in einem Käfig. Alle sind betrübt." Doris Sockes humorvolle Art mögen die Mitstreiter im Seniorenverein Trebendorf besonders. Doch im Moment sei ihr nicht zum Lachen. "Ich fühl mich wie auf einem Pulverfass."

Erika Petrick aus Rohne geht's ähnlich: "Die Unsicherheit ist so groß. Es ist jetzt schlimmer als damals, wo es hieß, der Bergbau kommt und wir werden wohl wegkommen." Sie ist in Sorge, wenn Vattenfall den Bergbau einstellen würde, was dann mit der Region wird. Der Wald ist zu großen Teilen bereits vernichtet worden. "Wofür, wenn jetzt alles infrage gestellt wird?", so die Rohnerin.

Doris Pudel aus dem gleichen Dorf sieht die Lebensplanungen für mehrere Generationen in ihrer Familie gefährdet und sagt: "Ich finde das so furchtbar." Auch Norbert Struck möchte sich nicht vorstellen, was passiert, wenn dieser Industriezweig wegbricht. "Hier gibt es keine andere Industrie." Für Petra Rudtsch aus Mühlrose ist das jetzige Verhalten Vattenfalls gleichzusetzen mit Vertragsbruch. Denn: "Uns wurde eine sozialverträgliche Umsiedlung versprochen. Davon sind wir weit weg. Vattenfall will die Braut hübsch halten für den Verkauf der Braunkohlensparte. Da kam das Eckpunktepapier von Gabriel gerade passend", ist Petra Rudtsch überzeugt. Aber: Sozialverträglichkeit sei Bestandteil des genehmigten Braunkohlenplanes für das Abbaugebiet II, sagt die Mühlroserin, die als Allgemeinmedizinerin in Schleife arbeitet. "Der Regionale Planungsverband sollte seinen Beschluss zurücknehmen."

Doris Socke, Erika Petrick, Petra Rudtsch und Doris Pudel sowie Norbert Struck und weitere Frauen und Männer aus den Dörfern im Kirchspiel Schleife gehören dem sozialen Netzwerk an. Koordiniert wird dieses von Holger Thomas, der sich als Konfliktvermittler versteht. Mit zur Runde, die sich regelmäßig austauscht, gehört Bergbau-Seelsorgerin Antje Schröcke.

"Man muss sich vorstellen, was die Menschen in den vergangenen Jahren durchlebten, womit sie sich auseinandersetzen mussten", sagt Holger Thomas und macht die vielen inneren Konflikte deutlich, die auch innerhalb von Familien ausgetragen wurden. "Bis derjenige langsam anfängt, von einem Betroffenen zu einem Beteiligten zu werden. Und er entwickelt - nicht freiwillig - eine neue Lebensperspektive, fängt an, sogar Chancen zu sehen." Dann die erste Entscheidung mit den Verkaufsabsichten, nun das Eckpunktepapier mit der angedrohten Klimaschutzabgabe "und ein Riesen-Vielleicht". Aus Holger Thomas Sicht "eine Katastrophe - die Psyche macht das Hin und Her nicht ewig mit". Die Leute hier haben sich das alles nicht ausgesucht. "Das Mindestmaß wäre, die Politik hätte sich vorher hier informiert." Der Mediator nimmt den Bundeswirtschaftsminister in die Pflicht. "Er muss herkommen und reden. Aug' in Aug' und nicht wie bei einer Prozession."

Seelsorgerin Antje Schröcke spricht von Hilflosigkeit, der die Menschen ausgeliefert seien. "Wadenwickel und Hände tätscheln helfen hier nicht." Doch bei aller Frustration appelliert die Seelsorgerin, gegenseitig den Menschen wahrzunehmen. "Die ‚Kleinen' von Vattenfall hier müssen es genauso aushalten und haben mein Mitgefühl. Denn sie werden von den ‚Großen' in eine Situation gebracht, wo sie bei Unklarheiten bleiben müssen. Sie büßen ihr Ansehen ein, werden von ‚oben' verheizt." Die ‚oben' sollten ihre Verantwortung wahrnehmen. "Jeder Umsiedler ist Mensch, genau wie jeder, der gegen den Tagebau ist." Holger Thomas: "Die Situation schafft es, dass Menschen in Misskredit geraten und Prügel bekommen, obwohl sie die nicht verdienen." Wie zum Beispiel Bürgermeister, Gemeinderäte oder Ortschaftsräte.