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Von München über Los Angeles in die Lausitz

Andrea Gunschera lädt mit ihren Büchern zu einem Ausflug in fantastische Welten ein.
Andrea Gunschera lädt mit ihren Büchern zu einem Ausflug in fantastische Welten ein. FOTO: Shawn Hempel
"Ich bin wie ein Löwe, ich muss raus." Das hatte die damals 27-jährige Verwaltungsangestellte Nicole Günther aus Senftenberg im Juli 2012 gesagt. Damals hatte sie sich ein Jahr Auszeit von Beruf und Studium genommen und als Rucksacktouristin eine Reise um die Welt angetreten. Inzwischen sitzt sie wieder am städtischen Schreibtisch im Senftenberger Rathaus, setzt ihr Studium fort und lässt den deutschen Alltag in ihr Leben zurückkehren. Die RUNDSCHAU sprach mit ihr über ihre Erfahrungen.

Sie haben in Berlin, Halle und zehn Jahre lang in München gelebt, dann zwei Jahre in den USA gearbeitet - in Los Angeles und Detroit. Ihr Mann ist Münchner. Nun kommen Sie in ein Lausitzer Dorf, das abgelegener kaum sein kann, um sich ein neues Zuhause aufzubauen. Das hört sich alles nach einem sehr krassen Schnitt im Leben an.
Nein, eigentlich nicht. Sicherlich sind wir jetzt in einem Alter, in dem man langsam bürgerlich, also auch sesshafter wird. Und vielleicht wollen wir auch etwas mehr Ruhe in unser Leben bringen. Doch unsere Berufe werden wir weiter ausüben. Dafür aber ist es egal, wo wir wohnen. Von hier aus erreichen wir unsere internationalen Kunden ebenso wie aus München. Die modernen Kommunikationswege ermöglichen den Kontakt zu jeder Zeit. Und manches ist sogar viel entspannter als in so einer dicht bevölkerten Großstadt.

Zum Beispiel?
(lacht) Wir müssen am Abend nicht stundenlang nach einem Parkplatz suchen. Zum Einkaufen in den Supermarkt fahre ich genauso lange wie zuvor und finde alles, was ich brauche. Wenn wir ins Theater oder Kino wollen, müssen wir uns nicht mit Tausenden Menschen in die Bahn zwängen, um dann vielleicht doch keine Karte mehr zu bekommen. Wenn wir mal Lust auf Großstadt haben, liegt Großräschen günstig, um sie über die Autobahn zu erreichen. Zum Dresdner Flughafen komme ich jetzt schneller als in München zum Münchner Flughafen. Na und von den unerschwinglichen Immobilienpreisen in und um München brauchen wir gar nicht erst zu reden. Für jemanden wie uns, die vom lokalen Arbeitsmarkt unabhängig sind, ist die Lausitz ideal zum Leben. Außerdem bin ich begeistert von dem, was hier im Seenland entsteht. Das kann sich sehen lassen.

Sie sind ein Woschkower Kind, oder?
Ja, ich bin hier aufgewachsen und in Großräschen und Senftenberg zur Schule gegangen, habe an der Musikschule Klavier und Geige gelernt, in der Schule auch Theater gespielt. Das alles hat mich geprägt, besonders, was Disziplin angeht oder selbstbewusst öffentlich auftreten zu können. Und ich habe gelernt, dass ein Arbeitstag auch mal zwölf Stunden haben kann, wenn man etwas erreichen will. Meine Mutter und mein Bruder mit seiner Familie leben in Woschkow, und so habe ich auch nie völlig den Kontakt in die Heimat verloren. Jetzt ist es ein schönes Gefühl, die Angehörigen in der Nähe zu wissen. Überhaupt lernt man diese Nähe zu den Menschen, die ein Dorf mit sich bringt, schätzen. Besonders nach Jahren, in denen sich alles sehr intensiv um die Arbeit gedreht hat. Das ist sehr angenehm.

Welchen Weg sind Sie gegangen, nachdem Sie die Lausitz verlassen hatten?
Für mich war immer klar, dass ich irgendetwas mit Kunst studieren will. Für Malerei oder Musik hätte es aber aus meiner Sicht nicht gereicht. Also bin ich zuerst nach Berlin gegangen, um mich umzuschauen und habe mich schließlich auf der Burg Giebichenstein in Halle beworben - und es dann im zweiten Anlauf auch geschafft.

Eine renommierte Adresse in Sachen Design.
Industriedesign und Innenarchitektur sind dann auch meine Fächer geworden. Und als ich 1994 mit dem Studium begonnen habe, war die 3D-Computeranimation ein neues Feld, auf dem wir Studenten uns austoben konnten. Wir haben danach in München eine Firma mit aufgebaut, die Computeranimationen für Unternehmen entwickelt hat und sind rasend schnell gewachsen. Von anfangs fünf auf 500 Mitarbeiter. Der Erfolg ist einerseits ein großes Glück, andererseits aber auch sehr stressig erarbeitet. Vor allem als Führungskraft. Von 2008 bis 2011 sind mein Mann und ich in die USA gegangen, um dort eine Firmenniederlassung mit aufzubauen. 2011 haben wir uns dann entschieden, in die Freiberuflichkeit zu wechseln. Wir haben über Deutschland hinaus gute Kontakte und Kunden in der Automobilbranche und anderen Bereichen der Industrie.

Was machen Sie genau?
Wir stellen technische Prozesse bildlich dar. Das heißt beispielsweise, wir zeigen in dreidimensionalen Animationsfilmen, was im Inneren einer Maschine abläuft. Die Kunden verwenden diese Bilder für Werbung und Marketing, aber auch für Schulungen.

Virtuelle Gebrauchskunst sozusagen.
Kann man so sagen.

Jetzt nehmen andere Künste immer mehr Raum in Ihrem Leben ein.
Ja, den Freiraum, der sich jetzt mit der Freiberuflichkeit ergeben hat, nutzen wir. Mein Mann hat die Fotografie, die früher ein Hobby war, zum Beruf gemacht, und ich betätige mich seit vier bis fünf Jahren als Schriftstellerin.

... und haben bereits eine ganze Reihe Bücher veröffentlicht. Vor Kurzem ist Ihr Jugend-Fantasy-Roman "Purpurdämmern" erschienen. Wovon handelt er?
Die Geschichte geht so: Ken lebt in Detroit mit einem prügelnden Vater, einer Mutter, die sich vor der Gewalt in eine Traumwelt flüchtet, und einem kleinkriminellen Bruder. In einem alten Straßenbahndepot, in das Ken flieht, wenn er es zu Hause nicht mehr aushält, kommt es eines Tages zu einer wundersamen Begegnung mit der schönsten jungen Frau, die Ken je gesehen hat. Alles, was von dem flüchtigen Besuch bleibt, ist eine Akelei-Blüte, die auch Jahre später nicht verwelkt ist, als Ken die junge Frau wiedersieht - die dieses Mal gekommen ist, um ihn auf das unvorstellbarste Abenteuer seines Lebens mitzunehmen.

Auf der Internetplattform "lovelybooks" trifft sich gerade eine Lesegruppe und tauscht sich zu dem Roman aus. Die moderne Form der Buchlesung in der Bibliothek ...
Ja, so ähnlich zumindest. Ich habe das bisher bei allen Büchern so gehalten - und die Verlage regen diese Leserunden auch an. Ein Marketingkonzept. Das ist so eine Art Lesegemeinschaft. Natürlich ist es gern gesehen, wenn sich der Buchautor dazu gesellt.

Und ein bisschen mit den Interessierten fachsimpelt. So sind Sie gerade erst gefragt worden, wie Sie auf die Geschichten kommen.
Die Handlung des Buches ist natürlich fiktiv, also entspringt meiner Fantasie - aber andererseits prägt man als Autor seine Bücher ja immer auch durch die Summe eigener Erfahrungen und Überzeugungen. Die Ideen für meine Bücher kommen mir meist, wenn ich auf Reisen bin, mich ein neuer Ort inspiriert und ich mir dann denke: Was wäre, wenn? Die Figuren selbst, ihre Charakterzüge, ihre Probleme, die Art, wie sie an Herausforderungen wachsen - das sind Dinge, die aus dem ganz normalen Leben genommen sind. Ken zum Beispiel leidet unter einem prügelnden Vater und kleinkriminellen Bruder und einer Mutter, die resigniert hat. So etwas muss man nicht erfinden, das gibt es leider sehr oft auch im realen Leben. Marielle, die Fayeí-Prinzessin, ist natürlich ein viel fantasievolleres Wesen, aber ihre Probleme sind trotzdem die einer widerspenstigen Sechzehnjährigen, die in etwas gezwungen werden soll, dessen Sinn sie nicht versteht, und die sich dagegen auflehnt. Es sind also reale Probleme realer Menschen in einer fantasievollen Märchenwelt.

Ihre Geschichten wie diese gehören in den Bereich der Fantasy-Romane, andere auch in den der Thriller. Jetzt ist im Weltbild-Verlag Ihr "Sonnenfänger" erschienen, eher ein historischer Roman, eine Saga. Dahinter steckt vermutlich ein besonders hoher Rechercheaufwand.
Auf jeden Fall. Ich habe schon den Ehrgeiz, nicht irgendwelchen Unsinn zu erzählen und recherchiere sowohl Örtlichkeiten als auch historische Fakten so genau wie möglich. Dabei kommt mir sicherlich zugute, dass ich mich gut in Prozesse hineindenken kann. Das brauche ich auch in meinem anderen Beruf: Die technischen Abläufe muss ich schon sehr genau verstanden haben, ehe eine 3D-Animation entstehen kann. Auch für das Schreiben brauche ich neben der Fantasie eine solide Grundlage an Wissen. Die Idee zum "Sonnenfänger" kam mir auf Hawaii, wie viele Ideen zu meinen Texten durch meine Reisen angeregt wurden und werden. Für alle Fälle habe ich immer ein Notizbuch dabei.

Können Sie von der Schriftstellerei leben?
Sagen wir, derzeit ist es eine Art bezahltes Hobby. Aber ich strebe schon an, dass sich daraus ein richtiges Einkommen entwickelt. Dass eines meiner Bücher jetzt beim Weltbild-Verlag erscheint, macht mich auch stolz. Dahinter steht neben der Schreibleidenschaft viel Arbeit, und man muss ständig hinzulernen. Immer wieder entstehen und vergehen Trends und Bedürfnisse in der Unterhaltungsliteratur, zu der ich meine Bücher zähle. Die muss man kennen und sich darauf einstellen, wenn man gelesen werden will.

Immerhin ermuntert eine Rezension auf www.titelblog.de über das "Purpurdämmern" dazu: "Gunschera erfindet haarsträubende Gefahrensituationen, berauschende Actionszenen, albtraum-auslösende Monster und paradiesische Orte mit der gleichen Fertigkeit, wie magisch-physikalische Zusammenhänge, die die Basis ihres Weltenentwurfs bilden. Ihre Fabulierlust scheint unerschöpflich, die Fähigkeit, Handlungsfäden, Haupt- und Nebenfiguren und Orte zu einem stimmigen Ganzen zusammenzukomponieren, kann man nur bewundern. (...) Die Variationen bestimmter Probleme sowie die unterschiedlichen Liebesgeschichten bieten Identifikationsmöglichkeiten und Stoff zum Träumen gleichermaßen. (...) Vor allem aber ist dieser Jugendroman exakt das, was die Genrebezeichnung verspricht: Fantasy. Genuin, unverfälscht, nicht verwässert."
Freut mich.

Welche Tipps geben Sie jenen, die sich selbst als Schreiber versuchen wollen?
Geduld, Disziplin und Beharrlichkeit - die absoluten Grundlagen, um gut schreiben zu lernen. Belletristisches Schreiben ist genauso ein Kunsthandwerk wie zum Beispiel Bildhauerei oder Klavier spielen. Und es dauert in der Regel viele Jahre, bis man es so gut beherrscht, dass das Ergebnis veröffentlichungsreif ist. Dann sind Recherche und Eindrücke aus erster Hand das A und O für einen lebendigen Text - und noch vieles andere. Des Weiteren - viel lesen, um von den Vorbildern zu lernen.

Haben Sie als Jugendliche gelesen?
Sehr viel. Karl May war für mich ein Leseereignis. Aber auch den "Zauberer der Smaragdenstadt" habe ich geliebt. Die Leselust habe ich wohl von meiner Oma. Sie, eine Bäuerin, war eine richtige Leseratte. Sie kam vom Kühemelken und hat sich hingesetzt und gelesen. Jede freie Minute.

Mit Andrea Gunschera sprach Heidrun Seidel.

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