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| 17:32 Uhr

Sprache
Von der Macht der Sprache

Training für die Stimmmuskulatur: Die Logopädinnen Beate Hilbig (l.) und Chris Urban (M.) aus Weißwasser arbeiten beim Sprechtraining mit Ina Bettle. Das Üben ist wichtig, um Schwierigkeiten beim Sprechen abzubauen und zu beheben.
Training für die Stimmmuskulatur: Die Logopädinnen Beate Hilbig (l.) und Chris Urban (M.) aus Weißwasser arbeiten beim Sprechtraining mit Ina Bettle. Das Üben ist wichtig, um Schwierigkeiten beim Sprechen abzubauen und zu beheben. FOTO: Joachim Rehle
Weißwasser. Weißwasseraner Logopäden konstatieren einen kleineren Wortschatz bei Kindern. In der Schule wiederum zeigt sich, dass Jugendliche Probleme haben, sich mit einfachen Texten intensiv auseinanderzusetzen, sagt ein Schulleiter. Von Christian Köhler

Ja, Sprache ist Macht. Das zeigt sich in diesen Tagen nicht nur in der großen Politik – etwa wenn die Suche nach einem CDU-Bundesvorsitzenden von der Frage abhängig gemacht wird, „wer am überzeugendsten rüber kommt“, anstatt auf inhaltliche Themen zu fokussieren. Auch im Kleinen ist es wichtig, sich richtig ausdrücken zu können. Denn wer gut reden kann, bekommt vielleicht den Job, den man sich wünscht, erhält in Diskussionen Überzeugungskraft und genießt nicht zuletzt auch oftmals mehr Respekt im Alltag.

Was aber, wenn der Wortschatz immer geringer wird, Tätigkeitswörter verschwinden und „Plätzchen backen“ zum „Kekse machen“ oder überhaupt mehr vom „Machen“ die Rede ist als von tatsächlichen Handlungen wie Angeln, Spazieren oder Schreiben? „Wir stellen fest, dass die Sprachausbildung bei Kindern in Weißwasser und dem Umland in den vergangenen Jahren zunehmend schlechter wird“, sagt Logopädin Beate Hilbig aus Weißwasser. Mit ihrer Kollegin Chris Urban ist sie seit 20 Jahren in Sachen Sprech- und Sprachproblemen unterwegs, versucht, Kindern wie Erwachsenen zu helfen, richtig zu sprechen. Die 60-Jährige ahnt, wie es zu dieser Verschlechterung bei der Jugend und ihrer Sprache kommen konnte: „Wir sind im Fernseh- und Handy-Zeitalter angekommen.“

Gerade durch soziale Medien wie Facebook oder WhatsApp im Internet würden vollständige Sätze ohne Rücksicht auf Grammatik verfasst, werde ohne Punkt und Komma ins Smartphone getippt. „Dabei heißt dies alles nicht, dass die heutige Jugend dümmer als die vorherigen Generationen ist“, hakt Logopädin Chris Urban ein. Vielmehr sollten Eltern bereits im frühen Kindesalter den Kleinen Zeit zum Sprechen geben, über das Fernsehprogramm diskutieren oder am Essenstisch das Reden erlauben. „Es ist ein vielfacher Irrglaube, dass das Reden am Tisch verboten werden soll“, sagt die Sprachexpertin. Vielmehr sei es doch so, dass gerade beim Essen die Familie zusammensitzt und über die Tageserlebnisse geredet werden kann.

Schulleiter Dirk Nieter von der Bruno-Bürgel-Oberschule in Weißwasser sagt zudem: „Es ist zwar spekulativ, aber ich glaube, die Sorgfalt in der Schriftsprache hat nachgelassen.“ Im Zusammenhang mit der fortschreitender Technisierung der Kommunaktion, so befürchtet der Lehrer, „könnte dies noch weiter zunehmen“. Was der Schulleiter aber sicher sagen kann: „Einem Teil der Schüler fällt es zunehmend schwerer, sich intensiv  mit Texten zu beschäftigen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Zudem sei feststellbar, „dass der allgemeine Reichtum des sprachlichen Wortschatzes durchaus bei einem Teil der Kinder geringer ist, als er normalerweise sein sollte.“ Zwar würden viele Schüler Geschichten wie  Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer“ kennen, aber eben nicht aus Büchern, sondern aus Filmen.

Auch die Logopäden stellen fest, das Kinder unruhiger und nervöser sind, häufiger Probleme haben, Laute richtig zu erkennen oder zu benutzen. Da wird aus einem „K“ ein „T“. Das hänge mit Wahrnehmungsstörungen zusammen, weil bestimmte Laute nicht richtig vom Gehör ins Gehirn übertragen werden. „Außerdem fällt es vielen schwer, Ruhe und Beschäftigungslosigkeit auszuhalten“, so Beate Hilbig. Gerade das aber sei wichtig. Im Wartezimmer der Praxis etwa erleben die Logopäden häufig, dass Eltern und Kinder mit dem Smartphone beschäftigt sind, statt einfach zu warten oder miteinander zu sprechen.

Dabei haben sprachliche Defizite oftmals nichts mit Intelligenz zu tun, so die Logopädin Chris Urban. „Wir haben ein Kind in der Betreuung gehabt, das mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche – LRS – zu tun hatte“, erzählt sie. Nach erfolgreichem Schulabschluss geht der inzwischen Erwachsene nun an eine Hochschule. „Es geht darum, eine Strategie zu entwickeln, die Schwierigkeiten zu überwinden“, erklärt die Expertin. Daran arbeiten nicht nur die Logopäden, sondern auch die Oberschulen in Weißwasser oder etwa die Geschwister-Scholl-Oberschule in Krauschwitz. „Wir haben nach wie vor eine LRS-Klasse“, erklärt Schulleiter Dirk Nieter. Hier werden Kinder mit Lese- und Schreibproblem separat betreut. Nach der Kita werden Kinder auf LRS getestet – und die Diagnosen sollten Eltern auch den Grundschulen mitteilen.

Im Bereich der Erwachsenen, so berichten die Weißwasseraner Logopädinnen, haben in jüngster Vergangenheit die Schluckstörungen zugenommen. In der Logopädie werden nämlich nicht nur Sprach- und Stimmstörungen behandelt, sondern Erwachsene, die infolge eines Schlaganfalls oder einer schweren Operation eine Schluckstörung aufweisen. „Seit 2010 haben wir eine Kooperationsvereinbarung mit dem Kreiskrankenhaus“, berichtet Chris Urban, „denn das Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Schluckstörungen hat zugenommen.“ Betroffene etwa können nicht husten, was zu großen Problemen führen kann, wenn der Speichel ungehindert in die Luftröhre läuft. „Es gibt in diesem Bereich einen hohen Bedarf“, wissen die Logopädinnen. Denn durch die demografische Entwicklung werden die Menschen älter – und sind in der Folge auch von Krankheiten öfter betroffen. Wer also Probleme hat, „kann sich jederzeit an uns wenden.“