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Vom Provinzstädtchen zur Industriestadt

Es ist ein Vorläufer moderner Mopeds und gleichzeitig eine Cottbuser Besonderheit: das 1932 im Cottbuser Fahrradwerk Urania gebaute motorisierte Fahrrad mit einem 74-Kubik-Motor, wie er sonst nirgends verwendet wurde. Das Fahrrad ist als ein Zeugnis der Cottbuser Industriegeschichte Teil der neuen Ausstellung des Stadtmuseums „Die Dampfmaschine im Schloss“ . Von Ulrike Elsner

Mit der Ausstellung solle der Bogen gespannt werden von den Anfängen der industriellen Entwicklungen über die aufstrebende Industriestadt bis hin zum heutigen Cottbus im Spannungsbogen der europäischen Globalisierung, sagt Steffen Krestin, Leiter der Stadtgeschichtlichen Sammlungen. Die Schau dokumentiert die wechselvolle Geschichte der Stadt über rund 200 Jahre. Dabei sei es den Ausstellungsmachern darum gegangen, die Cottbuser Geschichte stets in die Nationalgeschichte einzuordnen, so Krestin, und in Verbindung mit dem zu setzen, was in der Welt passiert ist.
Eine weitere Cottbuser Besonderheit hat der Ausstellung den Titel gegeben: „Die Dampfmaschine im Schloss“ . „Ein Novum im Alten“ , sagt der Historiker Dr. Burghard Ciesla, das habe es anderenorts so nicht gegeben. Zu verdanken haben die Cottbuser die Schornsteine in der Schloss-Silhouette der Familie Cockerill, die vom Preußenkönig ins Land geholt worden war.
Diese Anfangszeit der Industrialisierung habe ihren Gipfel, so Ciesla, schließlich 1866 durch den Anschluss der Stadt an die Eisenbahn erlebt. 1871 begann ein rasanter Aufschwung. Zwischen 1895 und 1914 erlebte Cottbus seine eigentliche Blütezeit. Dr. Burghard Ciesla: „Aus einem Provinzstädtchen wurde eine mittlere Industriestadt.“ In diese Zeit fallen auch die Anfänge der Straßenbahn und des Cottbuser Grüngürtels, der Bau von Wasser- und Abwasserleitung, von Theater und Logengebäude.
Damals überholte Cottbus auch seine Konkurrenten in der Einwohnerzahl. 1871 wurden in der Stadt gerade einmal 19 000 Menschen gezählt - im Vergleich zu beispielsweise 23 000 Gubenern. 1914 lebten bereits knapp 50 000 Menschen in Cottbus. Zwischen 1890 und 1914 entwickelte sich Cottbus zum industriellen, kulturellen und Verwaltungszentrum der Lausitz.
Den Darstellungen und Objekten aus dieser Zeit folgen in der Ausstellung der Erste Weltkrieg, die Inflation, die Goldenen Zwanziger, die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges, die Besatzungszeit, der Aufbau des Sozialismus in der DDR, die Veränderungen in den 60er- und 70er-Jahren „bis hin zu den Ereignissen der Jahre 1989/90“ , so Krestin, „Den Schlusspunkt setzt die 850-Jahrfeier 2006“ . Dabei trete manch Widersprüchliches zutage, so stehe der Aufbauwille der Cottbuser nach dem Krieg dem gegenüber, was am 17. Juni 1953 passierte. Was damals in Cottbus genau geschah, wird lebendig durch Lesemappen, in denen die Ausstellungsbesucher Auszüge aus Cottbuser Polizeiakten finden.
Die Absicht der Ausstellungsmacher sei es gewesen, so Krestin, „einen bunten Querschnitt zu zeigen und auch das alltägliche Leben in seiner ganzen Breite zu präsentieren“ . Davon zeugen originale Kleidungsstücke ebenso wie Kinderspiele. Besondere Einzelobjekte sind ein Porträt des Firmengründers von Kunella Ludwig Kuhnert, der 1894 in Cottbus ein Buttergeschäft eröffnete, ein Degen, der bei der Sanierung der 1873 eröffneten Turnhalle in der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße gefunden wurde und ein 150 Jahre alter Kohlekarren aus dem früheren Cottbuser Gymnasium, das heute die Erich-Kästner-Grundschule beherbergt.
Wichtiges Anliegen der Ausstellung ist nach den Worten ihres Gestalters Peter Buth die Authentizität. Doch es sei nicht nur darum gegangen Objekte originalgetreu zu zeigen, sondern auch dem Besucher das Gezeigte besser begreifbar zu machen. Zu diesem Zweck schuf der Künstler eine Fotomontage, die die Räder der Geschichte symbolisieren soll. Auf den Ausstellungsplakaten sind diese Räder ebenso präsent wie auf Fahnen, die in die Türfüllungen zwischen den Räumen gehängt, die Besucher sanft durch die Ausstellung geleiten und gleichzeitig einen Blick auf einen anderen Zeitabschnitt erhaschen und damit Zusammenhänge erkennen lassen.

Service Ausstellung
  Die Ausstellung zur Cottbuser Industriegeschichte „Die Dampfmaschine im Schloss“ wird am Mittwoch, 23. August, eröffnet. Für 18 Uhr sind die Cottbuser zu einem musikalischen Auftakt ins Rathaus eingeladen. Ab 18.45 Uhr folgt ein musikalisches Intermezzo am Wendischen Museum. 19.30 Uhr beginnen Konzert und Einführung in die Ausstellung im Hof des Stadtmuseums Bahnhofstraße 52.
Die Ausstellung läuft bis zum 19. November.