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| 13:52 Uhr

Schmerzhafter Verlust
Vier Wölfe reißen bei Boxberg 40 Schafe und Ziegen

Schäferin Meike Biskop (l.), die Leiterin der Naturschutzstation, Annett Herweck (2.v.l.), sowie die Mitarbeiter schauen mit Entsetzen auf die bisher aufgefundenen toten Muttertiere.
Schäferin Meike Biskop (l.), die Leiterin der Naturschutzstation, Annett Herweck (2.v.l.), sowie die Mitarbeiter schauen mit Entsetzen auf die bisher aufgefundenen toten Muttertiere. FOTO: Bernhard Donke
Boxberg. Am Dienstagmorgen haben vier Wölfe nahe des Boxberger Ortsteils Tauer eine 140-köpfige Muttertierherde angegriffen. Bislang sind 29 tote Schafe und elf tote Ziegen zu beklagen. Von Torsten Richter-Zippack

Der Tod kam in der Finsternis: Noch vor dem Anbruch der Morgendämmerung sind mehrere Wölfe über eine Muttertierherde zwischen Tauer und Förstgen hergefallen. Die Schafe und Ziegen gehören zur Schäferei der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz. Deren Schäfer haben nach Aussagen von Geschäftsführerin Annett Hertweck gegen 5 Uhr vier Wölfe in der Schaf- und Ziegenherde zunächst fressen und dann flüchten sehen. Anschließend erhielt Hertweck den Anruf mit der schrecklichen Nachricht. „Es muss ein großes Rudel gewesen sein“, vermutet Hertweck. Die Lage ist zum Verzweifeln. Denn bislang wurden 40 verendete Nutztiere gezählt, 29 Schafe und elf Ziegen. Die übrigen Tiere der insgesamt 140 Köpfe starken Herde seien in alle Richtungen geflüchtet. Mehrere Stunden suchen die Schäfer und einige Helfer nach den verloren gegangenen Tieren, kein leichtes Unterfangen in dem großen und unübersichtlichem Waldgebiet von Dauban, einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Nationalen Volksarmee. „Zum Glück haben uns Anwohner aus den benachbarten Dörfern geholfen“, bedankt sich Annett Hertweck.

Der Verlust schmerzt besonders, da es sich um erst kürzlich gedeckte Tiere, darüber hinaus um zwei wertvolle Zuchtböcke,  handelt. „Wir wissen jetzt nicht, wie wir diese Verluste ausgleichen sollen“, sagt die Geschäftsführerin. Bereits im Dezember 2017 hatten Wölfe eine Schafherde der Naturschutzstation angegriffen. Damals mussten acht tragende Mutterschafe ihr Leben lassen. Insgesamt 39 Tiere gingen verloren.

Die Nutztiere befanden sich hinter 1,10 Meter hohen Elektrozäunen mit Durchwühlschutz. Experten empfehlen eine Mindesthöhe von 90 Zentimetern. „Die Wölfe müssen, entgegen der allgemeinen Lehrmeinung, darüber gesprungen sein“, vermutet Annett Hertweck. Insgesamt kümmern sich ihre beiden Schäfer und der Azubi um 550 Schafe und Ziegen, mit denen 160 Flächen im Oberlausitzer  Heide- und Teichland bewirtschaftet und dort aktiver Naturschutz durch das Offenhalten von Gebieten betrieben wird.

Nach Angaben des Kontaktbüros „Wölfe in Sachsen“ treten Mehrfachtötungen fast ausschließlich unter „künstlichen Bedingungen“ auf. Das sei bei Nutztieren der Fall, die meist in hoher Dichte auf begrenztem Raum stehen. Dadurch biete sich den Wölfen ein Überangebot von Nahrung. „Diese Gelegenheit veranlasst dazu, mehr Tiere zu töten, als sogleich verzehrt werden können“, heißt es aus dem Kontaktbüro. Dass Wölfe Zäune überspringen, komme eher selten vor. Dann sollte Flatterband als optische Abschreckung angebracht werden.

Beim Daubaner Wolfsrudel, dem mutmaßlichen Verursacher des jüngsten Angriffes, sind im laufenden Jahr sechs Welpen nachgewiesen worden, zwölf Monate zuvor waren es fünf. Das Rudel besteht seit rund einem Jahrzehnt.

Der Boxberger Bürgermeister Achim Junker (CDU) fordert indes ein Umdenken in der Politik. „Wir haben mittlerweile Wolfsdichten, die problematisch sind.“ Er hofft, dass endlich ein ernsthaftes Nachdenken über Lösungen einsetzt. Dazu zähle auch der Abschuss problematischer Wölfe. „Und wir sollten auch mal auf die Meinungen der Jäger hören. Die wissen aus eigenem Erleben, was hier in der Region los ist.“ In der Gemeinde Boxberg sei indes beim Thema Wölfe die Stimmung in der Bevölkerung noch gelassen. „Bislang gab es keinen Bürger, der deswegen bei mir oder bei den Gemeinderäten vorgesprochen hat“, sagt Achim Junker. Allerdings wisse er, dass die Graupelze bei privaten Gesprächen sehr oft eine Rolle spielen.

Inzwischen hat sich auch das Kreisforstamt eingeschaltet. Nach Angaben von Sprecherin Franziska Glaubitz erfolgt derzeit die Rissbegutachtung. „Im Rahmen der derzeitigen Untersuchung wird die Möglichkeit einer Wolfsentnahme geprüft“, erklärt Glaubitz.