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| 09:10 Uhr

Kampf gegen Eigentumskriminalität in Görlitz
Geteilte Meinung zu neuer Kamera in Görlitz

 Die Kamerasäule wirkt schon ziemlich dominant am Aufgang zur Altstadtbrücke.
Die Kamerasäule wirkt schon ziemlich dominant am Aufgang zur Altstadtbrücke. FOTO: Uwe Menschner
Görlitz. In Görlitz ist die seit langem angekündigte Videoüberwachung in Betrieb gegangen. Die RUNDSCHAU hat sich umgehört. Von Uwe Menschner

Nun ist es also soweit: Seit der vergangenen Woche ziert ein etwa drei Meter hoher Metallzylinder mit mehreren quadratischen Öffnungen den südwestlichen Sockel der Görlitzer Altstadtbrücke. Hier befindet sich jetzt – am Freitag offiziell eingeweiht – einer von vier Standorten für die Videoüberwachung in der Kreisstadt an der Neiße. „Wir wollen damit vor allem den überdurchschnittlich hohen Diebstahlszahlen in Görlitz etwas entgegen setzen“, erklärt Martin Reiner, Leiter des Dezernats zur Bekämpfung schwerer Eigentumskriminalität bei der Polizeidirektion Görlitz.

Doch hat das wirklich positive Effekte? Die Meinungen sind geteilt – in der Politik ebenso wie bei den Passanten an der Altstadtbrücke. „Ich arbeite selbst in der Strafgefangenenhilfe und kann mir vorstellen, dass das vor allem bei Erst- oder Zweittätern etwas bringt“, sagt Kai Bail, jedes einzelne Wort sorgfältig abwägend. „Doch in erster Linie dienen die Kameras sicher dem subjektiven Sicherheitsempfinden der Bürger.“ Das – glaubt man den offiziellen Verlautbarungen und der Polizeistatistik – schlechter ist als die tatsächliche Lage. Auch wenn die Statistik Jahr für Jahr deutlich macht, dass Görlitz den Schwerpunkt der Kriminalität in der Region Oberlausitz/Niederschlesien bildet.

„Das Ding hätte schon längst hier stehen müssen“, meint Manfred Wagner. „Ich bin selbst schon mehrmals beklaut worden.“ „Die Kamera fängt aber selber keinen Dieb“, entgegnet ihm ein Begleiter, der seinen Namen nicht verraten will. Dafür aber seine Meinung: „Klar ist das gut, dass die jetzt hier aufzeichnen, aber das genügt nicht. Die Polizei muss dann auch schnell kommen, wenn wirklich etwas passiert ist.“ Von der polnischen Seite kommt Lukasz Gonczarewski über die Altstadtbrücke geschlendert. In akzentfreiem Deutsch antwortet er: „Das ist mehr für den Showeffekt. Richtige Kriminelle lassen sich dadurch weder abschrecken noch erwischen. Sie drehen sich einfach weg oder gehen hintenrum.“ „Ich habe mich schon gewundert, was das hier für ein Auflauf ist“, mischt sich Renate Wendt in das Gespräch ein, die ihr Fahrrad über die Altstadtbrücke schiebt. „Ach so, eine Videokamera? Deswegen die viele Polizei. Naja, wenn’s hilft. Schön sieht das Ding jedenfalls nicht aus.“ Sagt sie und schiebt weiter in Richtung Polen.

Hinsichtlich der letztgenannten Aussage stimmt sie mit Mirko Schultze überein. Der Görlitzer Linken-Landtagsabgeordnete hat sich an diesem Vormittag in betont legerer Kleidung – schwarzes T-Shirt, Jeans-Latzhose – auf die Brücke begeben, um sich vom Schaulaufen der Politprominenz, zu der er ja normalerweise ein Stückweit selbst gehört, ein wenig abzugrenzen. Schultze betont auch nachdrücklich, privat hier zu sein und nicht etwa als Politiker. Als solcher zählt er zu den bekennenden Kritikern der Videoüberwachung, der er sich jetzt auf dem Weg einer parlamentarischen Anfrage an die Staatsregierung von einer eher ungewöhnlichen Seite nähert: „Ist die Art der Überwachungssäule mit dem Denkmalschutz abgestimmt worden?“, will Mirko Schultze wissen. Schließlich hat gerade dieser in Görlitz schon weit weniger Stadtbild bestimmende Veränderungen ausgebremst. Ob denn künftig auch Werbeschilder von Gastronomen, die bislang als „zum Stadtbild unpassend“ abgelehnt worden seien, künftig eine Chance auf Genehmigung hätten?

Martin Reiner hat unterdessen andere Probleme. Er muss dem Publikum klar machen, dass die auf den Monitor übertragenen Bilder – die er selbst als „auf den ersten Blick grottenschlecht“ bezeichnet – bei der Fahndung tatsächlich helfen. Der Leiter des Kommissariats „schwere Eigentumsdelikte“ versichert, dass es sich bei der eingesetzten Technik um die „State of the Art“ (Das Beste vom Besten) handelt und dass es nur auf die Mindestpixelmenge ankomme. Tatsächlich sind manche Gesichter gut erkennbar, manche (vor allem aus Autos) kaum – was die Bilder tatsächlich taugen, wird wohl erst die polizeiliche Praxis zeigen.

 Martin Reiner vom Kommissariat für schwere Eigentumsdelikte bemühte sich, den Zuschauern die Ergebnisse der Überwachung nahe zu bringen.
Martin Reiner vom Kommissariat für schwere Eigentumsdelikte bemühte sich, den Zuschauern die Ergebnisse der Überwachung nahe zu bringen. FOTO: Uwe Menschner
 Die Kamerasäule wirkt schon ziemlich dominant am Aufgang zur Altstadtbrücke.
Die Kamerasäule wirkt schon ziemlich dominant am Aufgang zur Altstadtbrücke. FOTO: Uwe Menschner
 Martin Reiner vom Kommissariat für schwere Eigentumsdelikte bemühte sich, den Zuschauern die Ergebnisse der Überwachung nahe zu bringen.
Martin Reiner vom Kommissariat für schwere Eigentumsdelikte bemühte sich, den Zuschauern die Ergebnisse der Überwachung nahe zu bringen. FOTO: Uwe Menschner