Der schier unendliche Freiheitswille dieses slawischen Volkes musste nachhaltig gebrochen werden. Was die Krieger des deutschen Königs erobert hatten, sollte dem Reich auch erhalten bleiben. Viel zu viel Kraft hatte man schon in die Eroberung gesteckt.
Christliche Missionare erhielten die Aufgabe, ins neue Land zu gehen, ihre Religion zu verbreiten, damit die Ureinwohner leichter gefügig gemacht werden konnten. Die deutschen Eroberer wollten dafür schnell und möglichst effektiv handeln. So war es die einfachste und schnellste Lösung, sich der alten slawischen Religionsstrukturen zu bedienen und nur das Glaubensthema zu ändern, allmählich zu reformieren, um den Volkszorn nicht erneut ausbrechen zu lassen.
Die Religionsstätte, der kleinen Exklave am Neißeübergang, fanden die neuen Missionare am Brückenort Muscowe. Hier entdeckten sie auch, die in der Sage erwähnten heidnischen Tempel.
Die Kultstätte der beiden südlich davon gelegenen Sumpfburgbesatzungen und ihrer Familien, der Siedlungen Weißwasser und Weißkeißel, fanden sie hier jedoch nicht. Diese lag gut versteckt im Urwald am späteren Jagdschloss, südwestlich beider Ortschaften und war über den Haikweg zu erreichen. Den christlichen Missionaren verlieb wenig Zeit für ihre Aufgabe, das slawische Heidentum durch die neue Religion zu ersetzen. Es sollten nicht mehr die Naturgötter unter freiem Himmel verehrt, sondern nur noch Jesus Christus am Kreuz, in einem Gotteshaus, angebetet werden. Schnell mussten die heidnischen Kultplätze durch möglichst wenige, neue, christliche ersetzt werden.
Am Rande des Neißetals, im heutigen Bad-Muskauer Ortsteil Berg, ließen die Deutschen eine Feldsteinkirche erbauen, in der alle zum einstigen Milcener Brückenort Muscowe gehörenden Urbewohner den neuen christlichen Glauben gelehrt bekommen sollten. Diese kleine Kirche entwickelte sich zum religiösen Zentrum der neuen deutschen Herrschaft und war somit Ausgangspunkt der Christianisierung dieses Gebietes. Die slawischen Bewohner des Muskauer Altsiedellandes, wozu die Siedlungen der beiden Sumpfburgbesatzungen im Strugamoor und bei Keula gehörten, wurden verpflichtet, diese neue Religionsstätte aufzusuchen. Hier sollte ihnen der christliche Glaube näher gebracht werden und die Deutschen, die ihr Land besetzt hatten, die wahren göttlichen Herren seien, denen man sich zu unterwerfen hatte. Die Einführung des Christentums in das eroberte Slawenland bereitete den Deutschen große Schwierigkeiten. So schnell wie erhoff t ging das nicht. Immer wieder flammten Aufstände auf, die die Hoffnung aufkommen ließen, es sei bald mit der Fremdherrschaft vorbei. Nur unter langanhaltender Gewalt wandten sich die heidnischen Milcener schließlich dem neuen christlichen Glauben zu. Einhundertfünfzig Jahre vergingen, als unter der Regierung Kaiser Otto I. das Christentum hier wirklichen Einzug fand. Wesentliche Fortschritte konnten erst mit der Gründung des Bistums Meißen im Jahr 969 erzielt werden. Von hier wurden immer wieder christliche Missionare ausgesandt, die in den heidnischen Gebieten Kirchen gründeten und auch deutsche Neusiedler mit ins Land brachten. Fast dreihundert Jahre dauerte es insgesamt, als diese Gotteshäuser erstmals urkundlich benannt wurden. Die Meißner Kirchenmatrikel aus dem Jahr 1346 verzeichnete unter vie len anderen auch die Kirchen von Gablenz und Schleife als zur Probstei Budissin (Bautzen), dem neuen deutschen Machtsitz im Milcener Land, gehörend.
Die Kirche in Berg bei Muskau allerdings gehörten nicht in dieses Unterstellungsverhältnis. Was sollte das bedeuten„ Das konnte nur heißen, dass es dieses Gotteshaus schon gab, als das Bistum gegründet wurde. Die Gotteshäuser in Gablenz und Schleife mussten somit erst in späterer Zeit entstanden sein, als der neu geschaffenen Markgrafschaft Meißen das Milcener Land um Budissin unterstellt wurde. Den früheren Provinznamen Milska, abgeleitet von Milcener, ersetzten die Deutschen bald mit der Bezeichnung „Land Bautzen“ .
Warum aber gehörte die Kirche in Berg nicht zur Probstei Budissin, wo sie doch als das älteste Gotteshaus in unserer Gegend galt“ Die mehrere hundert Jahre währenden Versuche der Missionare, die heidnischen Slawen zu christianisieren, hatten den politischen Zweck der Unterwerfung und der Einführung deutschen Brauchtums in das eroberte Land. Wo einst die heidnischen Religionsplätze sich befanden, legten christliche Missionare den Grundstein zu Kapellen und Kirchen. An der gewohnten Heiligkeit des Ortes sollte die neue christliche Lehre in den heidnischen Volksglauben leichter Eingang finden. Einer dieser heiligen Orte war die Stelle an der sich heut noch die Kirche in Berg befindet. Die Meißner Kirchenmatrikel von 1346 erwähnt, dass hier sogar zwei Geistliche tätig waren. Was nur bedeuten kann, dass hier ein sehr großes Kirchensprengel betreut wurde, das schon lange vor dieser Zeit als das Zentrum bestand. Da dieses Gotteshaus n un nicht zur Probstei Budissin gehörte, wie die benachbarten Kirchen in Gablenz und Schleife, so musste es weit früher gegründet worden sein, eben schon zu Beginn der Christianisierung des Brückenortes Muskau im 10. Jahrhundert.

Der neue Gott
Für die wenigen Leute aus den Siedlungen Weißwasser und Weißkeißel sollte kein weiteres christliches Haus errichtet werden. Von ihnen verlangten die neuen deutschen Herren, dass sie sich in der erstmaligen christlichen Religionsstätte, der Kirche Berg, einfanden. Sie sollten also nicht, wie gewohnt, den Haikweg entlang zu ihrer Kultstätte zum Gottesdienst gehen, sondern sich in entgegengesetzte Richtung nach Berg bei Muskau wenden. Das geschah vermutlich am Ende des 10. Jahrhunderts, denn alten Überlieferungen zu Folge wurde der Braunsteichdamm bei Weißwasser um das Jahr 1000 künstlich für die Bewohner Weißkeißels angelegt, um diesen, für ihren Weg zur Kirche nach Berg nutzen zu können. Sie trafen auf ihrem Marsch dahin an der „Grünen Fichte“ , dem Abzweig nach Gablenz, mit den Leuten aus Weißwasser zusammen und zogen zur neuen Religionsstätte nach Berg. Ein neuer Weg war geschaffen, nicht mehr südwestwärts zum Heiligen Hain, sondern nordwestwärts zum Kirchlein Berg.
Diese Theorie wird von einer Merkwürdigkeit besonderer Art untermauert. Die Kirchengemeinden Weißwasser und Weißkeißel bestanden in einer uralten Verbundenheit zur Kirche in Berg. Das ist bekannt, aber nicht seit wann. Diese Beziehung musste in der Tat eine uralte gewesen sein, jedenfalls musste sie noch vor der Gründung der Kirchgemeinde in Gablenz bestanden haben, denn gäbe es diese zu dieser Zeit schon, dann hätten die Kirchgänger aus Weißwasser und Weißkeißel ihr Gotteshaus bereits auf halben neuen Weg erreicht. Sie liefen aber weiter, quasi an der Gablenzer Kirche vorbei, nach Berg. Schaut man auf eine Karte, wird es deutlich - die Bewohner der Ortschaften Weißwasser und Weißkeißel liefen an der alten Kirche in Gablenz vorbei, um zur entfernt gelegenen Kirche in Berg zu gelangen. Warum taten sie das? Eine Erklärung sei folgende: Die Kirche in Gablenz, welche eben falls in der Kirchenmatrikel von 1346 erwähnt wurde, entstand viele Jahre später als die Kirche in Berg. Wenn das so war, dann liefen die Leute aus Weißwasser und Weißkeißel schon lange vor dem Bau des Gablenzer Gotteshauses, also ab Beginn des 10. Jahrhunderts hier entlang, zum Gottesdienst ins Kirchlein Berg. Diese traditionelle Zugehörigkeit wollte niemand ändern, auch nicht nach dem späteren Bau der Kirche in Gablenz. Erst mit der Errichtung des evangelischen Kirche in Weißwasser, im Jahr 1893, endete der sonntägliche Gang der Weißwasseraner nach ihrer uralten Religionsstätte Muskau.
Wie bekannt ist, gehörten die Leute aus dem Dorf Weißwasser nicht zur Kirchegemeinde Gablenz, sondern zur Bergkirche bei Muskau. Somit sei die Behauptung gestattet: Weißwasser hat schon vor der Gründung der Probstei Budissin (genaues Gründungsjahr ist unbekannt) bestanden und war mindestens im Jahr 969, dem Gründungsjahr des Bistums Meißen, vorhanden gewesen. Entsprechend dieser, sicher plausiblen Theorie muss Weißwasser über tausend Jahre alt sein. Für das, was einige Historiker schon lange ahnten, kann jetzt als theoretischer Beweis gelten.

Zeittafel Von Biberstein und das 15. Jahrhundert
1447. Schon seit Beginn des 15. Jahrhundert beabsichtigten die schwer begüterten Herren von Biberstein, das Gut Muskau käuflich zu erwerben. In diesem Jahr gelang es ihnen aber nur, die Belehnung (geliehen, gepachtet) dieses Besitztums vom deutschen König zu erwirken. Damit vollzog sich eine Wende in der Geschichte des Heidegutes. Muskau erhielt jetzt offiziell den Titel „Herrschaft“ und verblieb über einhundert Jahre im Besitz dieses Adelsgeschlechtes. Der im Laufe der folgenden Jahre wachsende Einfluss der Bibersteiner und der in jenen Jahren herrschende Trend bedeutender Adelsgeschlechter, sich der Allmacht des Königs zu entziehen, führte zum Bruch mit der Monarchie.
1513. Als nun auch Sigmund von Biberstein die Steuerzahlungen an den König, dem Lehnsherrn einstellte, um Macht und Stärke ihm gegenüber zu demonstrieren und auch noch seine Konfession wechselte, fiel er beim weltlichen Oberhaupt in Ungnade. Nach dem Tod von Sigmund trat Christoph von Biberstein nur kurzzeitig das Erbe an. Nach seinem Ableben allerdings weigerte sich der König, dieses Lehn (Pachtland) weiterhin einem Bibersteiner zugeben, sondern zog sein Eigentum ein und übernahm das Land wieder in den Besitz der Krone. Der derzeitige deutsche Kaiser, König Ferdinand I. von Böhmen, erklärte damit das Bibersteiner Testament für ungültig. Kurze Zeit später ordnete er an, über das eingezogene Lehn ein Urbarium (Besitzverzeichnis) anzufertigen. Die Bibersteiner mussten sich fügen. Am 8. Juni 1552 lag es vor und benannte 25 Dörfer mit 518 Wirtschaften zur Herrschaft Muskau gehörig. Auc h Weißwasser befand sich darunter. Mit dieser Urkunde beginnt die geschriebene Geschichte der heutigen Stadt Weißwasser vor nunmehr fast 454 Jahren.