"Ich merke, dass ich einfach nicht mehr so viel schaffe", muss Kantorin Anita Szonn zugeben. Dabei ist die gebürtige Daubitzerin trotz ihrer 63 Jahre umtriebig wie eh und je. "Meine Mutter war auch so ein Tausendsassa", sagt sie. "Und ich habe sie damals so oft versucht, einzubremsen. Und heute sagen mir meine Kinder, dass ich ruhiger treten soll." Und das ist tatsächlich gar nicht so leicht. Immerhin ist Anita Szonn Kantorin in Rietschen, Daubitz und leitet den Chor in Kosel. Darüber hinaus ist sie in der Kirchengemeinde aktiv, ist Mitglied der Evangelischen-Kirchengemeinde Brandenburg-Schlesische-Oberlausitz (Ekbo) und setzt sich für die Chöre der Oberlausitz ein. Zudem sitzt sie für die Freien Wähler als einzige Frau im Rietschener Gemeinderat und ist außerdem fast täglich als singende Wirtin im Forsthaus auf dem Erlichthof zu sehen.

Schließlich hat sie im vergangenen Jahr doch auf ihre drei Töchter und Ehemann Harald gehört und den Kirchenräten mitgeteilt, dass sie als Kantorin in den Ruhestand geht.

Musik ist nicht wegzudenken

Mit Musik und Kirche ist Anita Szonn ihr Leben lang eng verbunden gewesen. In ihrer Jugend hat die damalige Daubitzer Kantorin Christine Zelder sie zur Musik gebracht. "Ich habe von ihr das Spielen von Klavier, Gitarre, Posaune, Trompete oder Flöte gelernt", erinnert sie sich. Ihr Wunsch, Musik zu studieren, hat sich jedoch erst viele Jahre später erfüllt. Zunächst hatte Anita Szonn eine Ausbildung zur medizinischen Laborassistentin absolviert und viele Jahre in Niesky und Rietschen in ihrem Beruf gearbeitet. "Viele kennen mich vom Blutabnehmen", schmunzelt Anita Szonn. Nach der Heirat mit ihrem Mann Harald 1975 zog sie von Daubitz nach Rietschen. "Nach der Geburt meiner Kinder konnte ich nur noch halbtags im Labor arbeiten", erinnert sie sich.

Dafür ist sie noch heute ihrem Vorgesetzten dankbar, denn so blieb nicht nur mehr Zeit für die Familie, sondern auch für die Musik in der Kirche. Noch weit vor der Wende hatte Anita Szonn damit begonnen, einen Kirchenchor in Rietschen aufzubauen. "Es gab Zeiten, da habe ich mit mehr als 30 Kindern zusammen gesungen", erzählt sie. Heute sind die bereits erwachsen und so manche Kinder haben inzwischen selbst Kinder bekommen und singen bei der Kantorin im Chor. Als Christine Zelder in den Ruhestand gegangen ist, übernahm Anita Szonn auch die kirchenmusikalische Leitung während des Gottesdienstes in Daubitz. Später kam auch noch Kosel hinzu. Es sei dabei nicht immer einfach gewesen, an alle Termine zu denken. "Naja, ich kann schon verstehen, wenn sich manche geärgert haben, dass ich vielleicht nicht immer pünktlich zur Stelle war", gibt sich lächelnd zu. Und auch ihre Familie hat verschiedentlich auf sie warten müssen: "Wir haben manchmal zu Heiligabend auf meine Frau gewartet", erinnert sich auch Ehemann Harald Szonn und fügt an: "Anita ist damals noch mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und ich erinnere mich, wie ich aus dem Fenster schaute und meine Frau bei größtem Schneegestöber angeradelt kam." Beide denken in diesem Moment noch mit Freude an den ersten Chorauftritt zu einer Christnacht in Rietschen zurück. "Da ist so einiges schief gelaufen, aber Küster Paul Ziegert hat sich so gefreut, dass wir gesungen haben", erzählt sie.

Übernahme der Gastwirtschaft

Als die Gemeinde beschloss, den Erlichthof aufzubauen und die Schrotholzhäuser, die dem Tagebau weichen sollte, in einem Dorf wieder aufzubauen, ergriffen die Szonns ihre Chance. "Wenn ich daran zurückdenke, muss ich sagen, wir waren wahnsinnig damals", beschreibt Anita Szonn ihre Erinnerung an die Eröffnung der Gaststätte "Forsthaus" auf dem Erlichthof. Die hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann 1998 eröffnet, nachdem durch die Schließung des Rietschener Glaswerkes Harald Szonn wie viele andere die Arbeit verlor. Für die Gastwirtschaft wollte sie die Musik und die Labortätigkeit aufgeben. Gerne gab sie nach der Aufgabe ihrer Arbeit im Labor an: "Ich habe Blutzapfen gegen Bierzapfen eingetauscht."

Bei der Musik jedoch verhielt es sich anders: Obwohl es ein Abschiedskonzert 1996 gegeben hatte, hat es Anita Szonn doch nicht fertiggebracht, sich nur auf die Wirtschaft zu konzentrieren. "Mir lagen die Musik und Menschen so am Herzen, dass ich es einfach nicht konnte", erinnert sie sich. Im Hause Szonn gehört nämlich seit jeher Musik zum Alltag. Noch heute wundere sie sich manchmal und fragt ihre Töchter, wenn diese Lieder summen, wo sie die herhaben. "Sie sagen dann immer zu mir: Mutti, die haben wir damals zusammen gesungen", erzählt Anita Szonn. Und gesungen wurde auch fünfzehn Jahre lang im Forsthaus mit dem Männerchor der Buchfinken. "Wir haben damals sogar das Erlichthoflied auf CD aufgenommen", erzählt Anita Szonn.

Mit 49 Jahren hat sie sich schließlich doch noch ihren großen Wunsch erfüllt: "Das Fernstudium der Kirchenmusik wollte ich noch vor meinem 50. abschließen. Und das habe ich auch geschafft", verrät sie. Ihr Musikwissen gibt sie deshalb gern weiter.

Muss nicht, aber Vieles kann

"Wenn ich gebraucht werde, bin ich da", sagt sie mit Blick auf ihre Arbeit in der Kirchengemeinde. Eigentlich habe sie schon zum 1. Januar aufhören wollen, jedoch bot sie an, bis 1. März weiter zu machen. "Der letzte Gottesdienst, bei dem ich als Kantorin an der Orgel sitze, ist am Sonntag in der kommenden Woche", blickt sie voraus. Dort will sie sich im Beisein ihrer Familie von der Kirchengemeinde verabschieden. Für ihre Kinder und vier Enkel will sie sich dann Zeit nehmen. "Wenn ich meine Familie nicht gehabt hätte, dann hätte ich wohl so Vieles nicht geschafft." Und aus der Welt ist Anita Szonn ja nicht: "Im Gemeinderat und im Forsthaus wird man mich dann öfter sehen", deutet sie an und fügt lächelnd an: "Nichts muss, aber vieles kann."