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Trachten, Tänze und saure Gurken

Der "Hochzeitsbitter" schaut sich in der Hochzeitsgesellschaft um.
Der "Hochzeitsbitter" schaut sich in der Hochzeitsgesellschaft um. FOTO: amz1
Schleife. Es ist eine Vorstellung ganz nach dem Geschmack der Menschen aus der mittleren Lausitz gewesen. Das Sorbische Nationalensemble (SNE) aus Bautzen hat in Schleife seine 60. Vogelhochzeit aufgeführt. amz1

Das Publikum im Sorbischen Kulturzentrum, das bis auf den letzten Platz besetzt war, wurde bei der Aufführung der Vogelhochzeit mit auf eine Reise durch die vergangenen sechs Jahrzehnte genommen. Neben Trachten, Tänzen und viel Musik durch das eigens mitgebrachte Orchester kamen auch die berühmten Lausitzer Gurken nicht zu kurz.

Unter dem Programmpunkt "Spreewaldgurken" wurde das saure Gemüse kurzerhand im Publikum ausgeschenkt, wo es gut mundete. Warum dieser Imbiss gereicht wurde, erklärte der Hochzeitsbitter, in persona Jurij Schiemann vom SNE, wie folgt: "Die Gurken sind wie ein Teil von uns: mal klein und zart wie ein Häschen, mal groß und grob wie ein Rammbock."

Das 100-minütige Programm strotzte nur so von sorbischer Lebensfreude. Egal, ob betrunkener Ehemann, wissenschaftliche Umfrage in einem Bauerndorf oder die "Europäische Speisekarte": Es gab kaum einen Lebensbereich, der außen vorblieb und nicht Beachtung fand.

Natürlich fehlten auch "Standardwerke" nicht, wie das pathetisch vorgetragene Lied "Lubka leluja" oder das allseits bekannte "Anka, sei fröhlich". Hinzu kamen feurige Zigeunertänze sowie jugoslawische und polnische Volkslieder. Nach Angaben von SNE-Sprecher Stefan Zuschke wirkten 52 Künstler auf der Bühne mit, davon allein 24 Musiker im Orchester unter Leitung von Andreas Pabst, 16 Sänger im Chor sowie zwölf Balletttänzer. Hinzu kamen noch die tüchtigen Techniker und Transporteure.

Das Publikum im Sorbischen Kulturzentrum zeigte sich ausnahmslos begeistert. Beispielsweise Gudrun Wetzor aus Weißwasser: "Ich wäre am liebsten auf die Bühne gestürmt und hätte mitgetanzt", erklärte sie euphorisch. Klar, dass das langjährige Mitglied des Weißwasseraner Stadtchores mitgesungen hat. Nicht zuletzt besäßen sie und ihr Mann ein Faible für slawische Musik. Ebenso begeistert ist auch Heidemarie Richter aus Schleife: "Das Programm hat mir hervorragend gefallen, ich kann es nur weiterempfehlen." Im Publikum weilt auch die Schleifer Pfarrerin Jadwiga Mahling. Ihr Kommentar: "Kurzweilig, humorvoll, einfach wunderbar."

Im Jahr 1957 präsentierte das SNE erstmals die Vogelhochzeit als eigenes Programm. Nur zwei Jahre später, so ist in der Chronik nachzulesen, gab es die ersten Auftritte in der Niederlausitz. Meist war ein Hochzeitsbitter dabei. Ältere Besucher werden sich noch an Namen wie an Beno Solta und Bjarnat Rentsch erinnern, die in den 1960er und 1970er-Jahren mit viel Witz und tiefgründigem Humor durchs Programm führten.

Allerdings kam dieses nicht immer gut beim Publikum an. In der Kritik standen insbesondere deutschsprachige Teile. So wird die Vogelhochzeit heute wieder komplett in Sorbisch präsentiert. Für die Nicht-Sprachkundigen stehen Übersetzungsgeräte zur Verfügung. Der Brauch der Vogelhochzeit reicht wahrscheinlich schon in die Zeit um das Jahr 1700 zurück. Es war den hiesigen Lehrkräften ein Anliegen, die Kinder für die Not der Vögel im Winter zu sensibilisieren. Aufgrund der "Kleinen Eiszeit" in Mitteleuropa waren damals die Winter wesentlich strenger als heute. Die Kulturprogramme zur Vogelhochzeit gehen indes auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Ab 1880 organisierten die Crostwitzer Bauern im Hochwinter gesellige Unterhaltungsabende. .

Weitere Impressionen der

60. Vogelhochzeite in Schleife

gibt es unter www.lr-online.de/bilder