Wo gibt es noch Tante-Emma-Läden in Weißwasser? Selbst Jürgen Albrecht kommt da ins Grübeln: "Sind es nun drei oder vier? So genau weiß ich das gar nicht." Fest steht nur, dass sich diese Art Geschäfte an den Fingern einer Hand abzählen lassen. Jürgen Albrecht kann zu diesem kleinen Häuflein gerechnet werden, fast ein Exot im Bereich des Weißwasseraner Handels. 1908 eröffnete Opa Hermann an der jetzigen Bautzener Straße 63 sein Kolonialwarengeschäft. Nach ihm kam Vater Karl-Heinz und nach dessen Tod 1981 führte Jürgen Albrecht die Tradition der Familie fort, betreibt den Laden in dem über 100-jährigen Haus in dritter Generation. Lebensmittel, Obst- und Gemüse, Tabakwaren, Luftdruck- und Gaswaffen, Messer gehören zum Sortiment. Ob es eine vierte Generation geben wird? "Das lässt sich heute noch nicht sagen. Schön wäre es ja, wenn Sohn Robert das Geschäft später mal übernehmen würde. Aber er ist erst 16", so der 58-Jährige. Was auffällt, außer Ehefrau Roswitha gibt es keine weiteren Verkäuferinnen im Laden. "Ja, wir hatten mal sechs Verkäuferinnen, auch noch kurz nach der Wende. Aber es ist schwer, gerade in der Lebensmittelbranche zu bestehen. Es läuft eher schlecht als recht", so Abrecht und wird konkreter. Die Supermärkte, die großen Handelsketten, würden den Kleinen das Wasser abgraben, sagt er. "Die erhielten Förderungen, weil sie sich im Osten ansiedelten, wie ich weiß. Außerdem können sie Steuervorteile nutzen. Da schaue ich als kleiner Gewerbetreibender in die Röhre", macht der 58-Jährige seinem Ärger Luft. Er ist außerdem der Meinung, dass es in Weißwasser viel zu viele Supermärkte gibt. "Die Stadt ist überproportional damit versorgt. Das, was jetzt an solchen Einkaufsmöglichkeiten vorhanden ist, ist auf die ursprüngliche Einwohnerzahl von rund 40 000 ausgelegt. Inzwischen sind doch so viele weggezogen. Die Stadt ist fast um die Hälfte geschrumpft." Jürgen Albrecht lässt auch an der großen Politik kein gutes Haar. Er blickt weit zurück, bis in die Kaiserzeit, als noch Opa Albrecht hinterm Ladentisch stand. "Damals hat der Staat etwa zehn Prozent an Steuern von uns eingenommen, jetzt sind es schon über 50 Prozent. Wo soll das alles noch hinführen? Die Strom- und Benzinpreise beispielsweise klettern unaufhörlich. Uns bleibt dann nichts weiter übrig, diese steigenden Kosten so auszugleichen, dass wir die Preise anheben müssen, was wiederum leider die Kunden trifft", erklärt der Weißwasseraner Geschäftsmann verbittert. Wie aber hat er es dann über all die lange Zeit geschafft, sich über Wasser zu halten? "Durch Genügsamkeit und Sparsamkeit. Wir sind 15 Jahre schon nicht mehr in Urlaub gefahren", kommt es prompt aus dem Mund des Unternehmers. Sieht er für die Zukunft eine Chance für die Tante-Emma-Läden? "Ich weiß nicht so recht. Auf jeden Fall meine ich, dass sie eine Daseinsberechtigung haben. Sie gehören ganz einfach zu den Innenstädten dazu. Und wir als kleine Händler und Gewerbetreibende haben noch die Möglichkeit, auf die Kunden und ihre Wünsche individuell einzugehen, durch freundliche, zuvorkommende und fachgerechte Bedienung und Beratung zu überzeugen. Nur das ist unsere Chance", spricht Jürgen Albrecht und wendet sich wieder dem Tagesgeschäft zu. Zum Thema Tante-Emma-Läden Im Thema der Woche greift die Weißwasseraner RUNDSCHAU jeweils einen aktuellen Anlass in der Region auf und beleuchtet ihn jeden Tag aus aus einem unterschiedlichen Blickwinkel. Diese Woche geht es um die Tante-Emma-Läden. Ihre Meinungen und Tipps dazu richten Sie bitte an red.weisswasser@lr-online.de oder Lausitzer Rundschau, 02943 Weißwasser, Bautzener Str. 62.