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| 14:40 Uhr

Gesundheit
Teufelszeug Alkohol und Drogen

Carina Schubel, Kerstin Schönwald und Felix Jost von der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Weißwasser/Niesky der Diakonie Görlitz-Hoyerswerda (v.l.n.r.).
Carina Schubel, Kerstin Schönwald und Felix Jost von der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Weißwasser/Niesky der Diakonie Görlitz-Hoyerswerda (v.l.n.r.). FOTO: Gabi Nitsche
Weißwasser. „Alkohol ist nach wie vor die Droge Nr. 1 in Deutschland.“ Weißwasser macht da keine Ausnahme. Das sagt Kerstin Schönwald von der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Weißwasser (SBB) der Diakonie Görlitz Hoyerswerda. Von Gabi Nitsche

Von den insgesamt 340 Klienten (davon 249 männlich; 85 Arbeiter/Angestellte; 141 Alg-II-Empfänger), die die Beratungsstelle aktuell betreut, haben 216 ein akutes Alkoholproblem. Die 25- bis 49-Jährigen würden die größte Gruppe dabei ausmachen. Doch selbst viele über 50-Jährige schauen regelmäßig zu tief ins Glas. Kerstin Schönwald spricht von der Sucht im Alter, die Anlass zur Sorge gibt. „Manche sind vorzeitig aus dem Berufsleben, kommen damit gar nicht klar, greifen zur Flasche. Andere trinken und denken, damit Probleme bewältigen zu können.“
Die unter 18-Jährigen sind in der SBB eher gering vertreten, sagt Carina Schubel.  Sie ist Sozialpädagogin und Sozialtherapeutin Sucht. Zum Team in Weißwasser gehören noch der Psychologe Felix Jost und der Kommunikationspsychologe Denny Baxalary. In unterschiedlicher Personalbesetzung gibt es die Beratungsstelle seit 20  Jahren in Weißwasser. Vor allem seit der Jahrtausendwende gehe es neben Alkohol- verstärkt um Drogenmissbrauch, seit 2010 massiv um die synthetische Droge Crystal. Der Höhepunkt sei hier 2015/2016 erreicht worden, und seither gehe es auf hohem Niveau weiter.

Mit verschiedenen Angeboten wollen die Berater möglichst frühzeitig dazwischen grätschen. Zum Beispiel mit Fred – dahinter steckt die Frühintervention für Erstauffällige Drogen-Klienten inclusive Alkohol. Bei diesem Projekt, wo auch mit Schulen kooperiert wird, gehe es um ein Gruppenangebot.
Es gibt Beispiele dafür, so Kerstin Schönwald, dass es funktioniere. Die jungen Leute setzen sich dabei mit dem Thema auseinander. „Uns geht es darum, sie zu sensibilisieren für den Umgang mit Suchtmitteln“, so die Chefin. Die Abhängigkeit von Crystal verlaufe nach anfänglichem Gut-drauf-Sein rasant, bei anderen Drogen dauere das länger und habe dann krasse Auswirkungen auf den Süchtigen.  „Crystal ist ein Problem der Grenzregion im Dreiländereck, in anderen Regionen gibt es diese Masse an Süchtigen nicht“, weiß Kerstin Schönwald.

Für 2017 stehen 69 Drogen-Klienten (50 männlich) zu Buche, 50 davon Neuzugänge. Fast die Hälfte davon Crystal-Süchtige. Wobei der Konsum von Cannabis in den letzten zwei Jahren zugenommen habe. Das liege zum einen daran, so Kerstin Schönwald, weil der Preis für Crystal gestiegen sei. Zum anderen wirken sich die repressiven Maßnahmen von Polizei & Co. aus. Doch auch das ist statistisch belegbar: Es gibt eine Reihe Konsumenten, die Alkohol und Amphetamine wie Crystal missbrauchen.

Immer wieder machen die Mitarbeiter die Erfahrung, dass Betroffene oder Familienangehörige, die in Sorge um ihre Kinder oder Lebenspartner sind, recht spät um Hilfe und Rat bitten. Oft erst, wenn die Sucht fortgeschritten ist.  Laut Statistik meist erst etwa zehn Jahre nach dem ersten Konsum.
Carina Schubel wirbt dafür, nicht zu lange zu warten. Je zeitiger, desto erfolgversprechender können sie und ihre Kollegen die nötige fachliche Hilfe bieten. „Wir stülpen ja niemandem etwas über, sondern gucken, wie wir Licht ins Dunkel bringen können. Dann suchen wir nach einer Lösung.“ Die Beratung kostet nichts, und was in der Beratungsstelle besprochen wird, bleibe dort. „Wir haben Schweigepflicht, auch der Polizei gegenüber“, betont Kerstin Schönwald. Sie habe es schon oft erlebt, dass die Polizei es dennoch versuche. „Einen Versuch ihrerseits war es sicherlich wert, aber sie erfahren bei uns nichts und dürfen auch hier niemanden festnehmen …“
Die Chefin unterstreicht: „Die Beratungsstelle ist ein Schutzraum. Menschen in Not, die zu uns kommen und um Hilfe bitten, sollen diese auch erhalten.“ Die offene Sprechstunde dienstags von 13 bis 15 Uhr ist ein Instrument, kurzfristig den Kontakt zu suchen. Wer möchte, könne sich auch anonym an die Berater wenden.

Promillesündern und oder Drogenkonsumenten, die im Straßenverkehr auffällig wurden, schreibt der Gesetzgeber eine Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) vor, um den eingebüßten Führerschein je wieder zu bekommen. Die speziellen SBB-Kurse bereiten die Betroffenen darauf vor, und das ist kostenpflichtig. Der nächste Termin ist der 28. Mai. Doch ohne Anmeldung ist eine Teilnahme nicht möglich.

Immer mehr gewinnt Prävention an Bedeutung. Darauf stellt sich auch das Team der Beratungsstelle ein. Carina Schubel berichtet von geplanten Veranstaltungen in Schulen. „Klasse 2000“ ist ein Beispiel dafür und auf Grundschulen ausgerichtet. Außerdem kommen die Berater auch in Firmen und Einrichtungen und klären auf.

Wie erfolgreich ist die Arbeit der Beratungsstelle? „Der Erfolg lässt sich nicht wirklich messen. Jeder abstinente Tag ist ein Erfolg für unsere Klienten. Aber wenn Leute nicht wieder in den Alltag finden würden, würden wir hier nicht sitzen.“ Das sei der Antrieb, so die Chefin.
Von heute auf morgen seine Sucht loszuwerden – das funktioniere nur selten. Deshalb geht es nicht nur um ambulante Therapieangebote, sondern auch um Vermittlung stationärer Entgiftungen. Zu diesem Mittel mussten die Berater bisher 40-mal greifen. 2017 stellten 19 Klienten einen Antrag auf eine ambulante beziehungsweise stationäre Reha-Maßnahme Sucht. Doch nicht jeder hat die Kraft und Ausdauer, den eingeschlagenen Weg gegen die Sucht bis zu Ende zu gehen, bricht ab oder wird rückfällig. In der Beratungsstelle steht diesen dennoch die Tür offen.