Das Arbeitszimmer ist von Branko Frischke ziemlich groß. Dreitausend Leute passen immerhin hier rein. Manchmal kommen auch ein paar mehr. Wenn sich so viel Besuch angekündigt hat, ist Branko Frischke garantiert hier. Dann sagt er zu den Leuten: „Willkommen im Fuchsbau“ oder so etwas in der Art.

Das kann er. Es ist sein Job. Das liebt er. Und zwar so sehr, um aus der Hauptstadt in die alte Heimat zu kommen. Er sitzt meist „unten im Kampfgericht“. So nennen die Insider den kleinen Raum am hinteren Eingang des Fuchsbaus. Dort trifft sich der Teil des Funktionsteams, der offizielle Kampfrichteraufgaben wahrnimmt. „So oft wie möglich“ ist Branko Frischke im Fuchsbau. Und manchmal solange wie möglich.

Heute hat er früh ein Nachwuchsspiel als Sprecher begleitet, danach das Freilaufen auf dem Eis genutzt und ist dann gleich hiergeblieben. Zu Eishockeyspielen geht er seit Kindertagen. Vater Bodo Frischke hatte ihn immer mitgenommen. Ganz sicher weiß Branko Frischke, wann er sein letztes Heimspiel der Füchse verpasst hat. In der Saison 2004/2005. In der ersten Sturmreihe der Füchse spielten damals Kapitän Mattias Wikström, Topscorer Martin Sekera und ein Stürmer namens Dirk Rohrbach. Während letzterer hier auf fünfundzwanzig Tore und einunddreißig Vorlagen kam, spielte Branko Frischke noch im heimatlichen Schleife Fußball. Nebenher sah er dem Eishockeynachwuchs bei Heimauftritten zu und half gelegentlich im Kampfgericht aus. Bis eines Tages der Hallensprecher fehlte.

Margitta Riehle kam auf ihn zu, ob er es denn nicht versuchen wolle. Jahre darauf fragte Renè Reinert, ob er denn bei den Profis einspringen könne – die drei etatmäßigen Sprecher waren kurzfristig ausgefallen. Kurze Zeit später wurde er der einzige Stadionsprecher. In den zurückliegenden zehn Jahren kommt er auf rund dreihundert Heimspiele am Stück.

Und wie kommt er als Fan mit den Emotionen klar? „Ausblenden“, sagt er. Außer bei der Ansage der Torschützen, da dürfen sie raus. Zeit für klare Ansagen. Branko Frischke verlässt den kleinen Raum in Richtung Eisfläche. Vor der Tür kicken vier Männer mit einem Fußball. „Die Schiri’s“, sagt Branko Frischke. An der Bandenöffnung in der Fankurve fummelt der Eismeister an der Eismaschine. Die Spieler beider Teams sind bereits zur Erwärmung auf dem Eis. An den Tischen hinter dem Plexiglas gleich neben dem Eis sind sie heute zu siebent im Kampfgericht. Aufgaben werden verteilt. Keiner geht leer aus. Ein letzter Technikcheck. In einen Eimer voller Eis packt Branko eine Handvoll Pucks rein. Nur eisgekühlte Scheiben dürfen ins Spiel gebracht werden.

Dann geht’s los: Branko Frischke gibt Geburtstagsgrüße an das Publikum weiter. Dann die Mannschaftsvorstellungen, und endlich geht es los. Die Halle lärmt. Emotionen. Im Kampfgericht hoffen und leiden sie mit. Nach dem ersten torlosen Drittel gehen alle hoch in die Kneipe zum Quatschen und Händeschütteln. Wann fällt das erste Tor? 1:0! Emotionen. 2:0, 3:0. Branko erlaubt sich ein klitzekleines Lächeln. Die Emotionen dürfen beim Torjubel raus. Wieder Pause. Entspanntes Miteinander im Fuchsbau. Später das 4:0, 5:0. „Oh wie ist das schön“, singen die Fans. Dann schießen die Gäste drei Tore am Stück. Kollektives Aufstöhnen. Die Füchse verlieren die Ordnung. Der Sprecher leidet mit. Am Ende wird es für drei Punkte reichen.

Das Management steckt die Info zur Auszeichnung des „Besten Spielers“ durch. Ansage, Verabschiedung. Die Fans singen noch ein Weilchen, während der Sprecher schon zusammenpackt. Die Pressekonferenz beginnt gleich. Branko Frischke moderiert und übersetzt. Wieder Emotionen. Dann geht es nach Hause. Branko Frischke nimmt den kürzesten Weg nach Berlin. Morgen früh muss er spätestens um Sieben Uhr raus. Seine Freundin Jeanette schläft dann schon. In der Halle singen ein paar letzte Fans siegestrunken. Die Kneipe schließt gleich. Die Security sammelt sich am Ausgang.

Die „Stimme im Stadion“ vergräbt die Hände tief in den Taschen seines schwarzen Mantels und geht still an ihnen vorbei in die Dunkelheit. Laut sein ist nicht seine Sache. Emotion und Tradition auf der einen Seite, sowie Respekt und Fairplay auf der anderen müssen ausgewogen zur Sprache kommen. Der Fuchsbau ist da für „Bewohner“ wie „Besucher“ gleichermaßen hellhörig und sensibel. „Bis Freitag, zum Heimspiel“, sagt Branko Frischke. Er wird wieder da sein. Möglichst lange. Wie immer.