ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:02 Uhr

Lesekonzert
Wunderschöne Gitarrensongs und harter literarischer Tobak

Mario „Mojo“ Mogollones (l.) und Thomas Papritz spielen im alten, leeren Fachwerkhaus an der Bergschen Kirchgasse 2 in Bad Muskau.  Ende August will es Papritz mit seiner Frau Susann Preuß beziehen.
Mario „Mojo“ Mogollones (l.) und Thomas Papritz spielen im alten, leeren Fachwerkhaus an der Bergschen Kirchgasse 2 in Bad Muskau. Ende August will es Papritz mit seiner Frau Susann Preuß beziehen. FOTO: Ingolf Tschätsch
Bad Muskau. Die Band SpencersTraum gibt eine Premiere in einem alten Fachwerkhaus in Bad Muskau –ein ungewöhnliches Sommerabend-Lesekonzert mit Gitarrist und Songschreiber Thomas Papritz. Von Ingolf Tschätsch

Sommerabend-Lesekonzert an der Bergschen Kirchgasse 2. So die Ankündigung. Bergsche Kirchgasse? Noch nie von einem Veranstaltungsort dort gehört. Ein altes, völlig leeres Fachwerkhaus mit einem kleinen Anbau dran. Drinnen ein paar Stühle mit Besuchern, vorn zwei Männer mit Gitarren. Ein Bob-Dylan-Song von 1964 ertönt in der Idylle des Parkes. Beginn einer ungewöhnlichen Veranstaltung in ungewohnter Umgebung an diesem lauen Freitagabend. Die beiden Musiker sind Thomas Papritz, der zu diesem Konzert eingeladen hat, und Mario „Mojo“ Mogollones – bekannt als Band Spencers­Traum.

Papritz, Gitarrist und Songschreiber, ist in der hiesigen Musikszene längst kein Unbekannter. Der gebürtige Leipziger hat seinen Lebensmittelpunkt von Weißwasser nach Bad Muskau verlegt. Auf dem Anwesen, nur ein kleines Stück vom jetzigen entfernt, hat SpencersTraum mit einigen Sommer-Open-Airs in der Parkstadt musikalisch von sich Reden gemacht. Nun beschreitet Thomas Papritz zusammen mit seiner Partnerin Susann Preuß mit dem erworbenen alten Fachwerkhaus – von dem mehr oder weniger die Grundmauern standen, wie er erzählt – wieder Neuland. „Zwei Jahre haben wir hier hart gearbeitet. Jetzt geht es in die Zielgerade. Ende August wollen wir einziehen“, erfahren die Zuhörer von dem 56-Jährigen.

Es soll eine Lesung mit lakonischen, tragischen, komischen, lustigen Kurzgeschichten werden, die vom Autor Papritz selbst vorgetragen werden. Das Ganze mit dazu passenden eigenen und bekannten englisch-amerikanischen Songs gewürzt.

Weil sich zu Anfang die Besucherzahl in Grenzen hält, verschiebt der Hausherr diesen Programmteil eine halbe Stunde nach hinten in Erwartung noch angekündigter Gäste. Dafür gibt’s Musik – bekannte Titel aus dem Folk-Rock und hausgemachte. Bob Dylan, Jonny Cash und Co. lassen grüßen. Aber auch Schöpfungen aus der eigenen Feder wie „Licht und Schatten“, „Küss mich und sag nicht Goodbye“, „Bis zum Ende unserer Zeit“ – eine Liebeserklärung an seine Frau Susann. Beifall. Papritz, der Song-Poet. Ein Hauskonzert von eigenwilligem Reiz, eine Premiere auf neuem Terrain, nimmt seinen Lauf. Mario „Mojo“ Mogollones erweist sich dabei als Multitalent, wechselt mal vom Schlagzeug zur Gitarre und dann wieder zu seinen Drums, Gesang eingeschlossen.

Mittlerweile haben sich auf der Terrasse weitere Schaulustige eingefunden – Freunde, gute Bekannte, aber auch Leute, die Spencers­Traum noch nie gehört haben. Die Lesung kann beginnen. Der laue Sommerabend erfährt eine jähe Wendung. Brutale Realität steht plötzlich im Raum: Ein braver Junge, gottgläubig erzogen, wird zum Manne, erlebt den Irakkrieg, konvertiert zum Islam, wird ein Gotteskrieger. Wird er ein Selbstmordattentäter? Ende offen.

Papritz, der alles selbst geschrieben hat, konfrontiert den Zuhörer mit den ungeschminkten aktuellen Problemen in dieser Welt und lässt seine literarische Gestalt fragen: Warum, Gott, lässt du das alles zu? Auch wenn für den einen oder anderen der schöne Sommerabend mit toller Musik jetzt vielleicht einen Stilbruch erfährt, hat der Autor zumindest eines erreicht – Nachdenken über das, was wir lieber wegschieben, nicht hören und sehen wollen.

Zum Schluss hauen Thomas Papritz und Mario „Mojo“ Mogollones noch einmal musikalisch richtig rein. Entspannung und harmonischer Ausklang nach dem harten literarischen Tobak zuvor.

„Wir haben den Weg hierher nicht bereut. Der Wechsel von Musik und Lesung hat uns gefallen, obwohl ich hauptsächlich wegen der Musik gekommen bin. Wenn die Band hier in der Nähe mal wieder auftreten sollte, vielleicht im Broilereck in Weißwaser, gehen wir bestimmt hin, denn wir sind jetzt neugierig geworden“, sagt die Bad Muskauerin Hannelore Gaebel, die mit ihrem Mann Wolfram zu den Besuchern gehört.

Bergsche Kirchgasse 2 – unbekannt. Nun nicht mehr.