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| 15:26 Uhr

Industriekonzept Oberlausitz
Sonderweg als Chance für Siemenswerk in Görlitz?

Siemensmitarbeiter aus Görlitz demonstrieren vor Beginn der Hauptversammlung in München gegen den geplanten Stellenabbau.
Siemensmitarbeiter aus Görlitz demonstrieren vor Beginn der Hauptversammlung in München gegen den geplanten Stellenabbau. FOTO: Sven Hoppe / dpa
München/Görlitz. Gibt es doch noch Hoffnung für das Siemenswerk in Görlitz? Konzernchef Joe Kaeser brachte am Mittwoch bei der Jahreshauptversammlung ein „Industriekonzept Oberlausitz“ ins Spiel. Was soll das sein?

Der Siemens-Chef hat die geplanten massiven Einschnitte im Kraftwerksgeschäft wegen der anhaltenden Probleme in der Sparte als unvermeidlich verteidigt. Angesichts schrumpfender Umsätze und eines Ergebniseinbruchs im ersten Geschäftsquartal sei der Handlungsbedarf „sogar dringlicher geworden“, sagte Kaeser am Mittwoch vor Beginn der Hauptversammlung in München. Siemens will in der Sparte tausende Jobs streichen und hatte auch die Schließung von Werken angekündigt, darunter auch der Standort in Görlitz. Nun brachte Kaeser am Rande des Aktionärstreffens eine mögliche Lösung für den Standort ins Spiel.

Man erwäge ein „Industriekonzept Oberlausitz“, sagte Kaeser. Vorstellbar wäre etwa, dass das Werk eigenständiger werde, dabei aber zunächst unter dem Dach von Siemens verbleibe. In einigen Jahren könnte der Standort dann in einem Industrie-Verbund aufgehen. Nötig wäre dann wohl auch eine Umsteuerung bei den Produkten, etwa hin zu Speichertechnologien. Um solche Erwägungen umzusetzen, bedürfe es aber der Mitwirkung der Bundes- und Landesregierung sowie anderer Beteiligter, sagte Kaeser. Erst jüngst hatte er den Beschäftigten in Görlitz am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos Hoffnung gemacht.

Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG.
Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG. FOTO: Sven Hoppe / dpa

Die umstrittenen Abbaupläne stießen auch bei den Aktionären auf Vorbehalte. „Stellenabbau muss das letzte Mittel sein“, sagte Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz am Mittwoch auf der Siemens-Hauptversammlung in München. „Ich möchte Sie gerne in die Verantwortung nehmen: Suchen Sie eine andere Lösung.“ Auch Marcus Poppe vom Vermögensverwalter Deutsche Asset Management mahnte die Siemens-Führung, nicht leichtfertig komplette Standorte zu schließen. „Siemens muss nicht nur Rendite liefern, sondern auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen“, sagte Poppe.

Arbeitnehmervertreter laufen seit Wochen Sturm gegen die Abbaupläne, mit denen Siemens auf den Markteinbruch vor allem bei großen Gasturbinen reagiert. Vor der Münchner Olympiahalle, in der die Hauptversammlung stattfand, protestierten Beschäftigte verschiedener Standorte. Kaeser bekräftigte jedoch die Notwendigkeit, die Probleme in der Sparte in den Griff zu bekommen. Der rückläufige Markt bei fossiler Energieerzeugung sei „keine temporäre Eintrübung, sondern zeigt die erwartete dramatische Entwicklung“, sagte der Konzernchef. „Behauptungen, dass unsere Werke in Offenbach, Erfurt, Mülheim oder auch Görlitz voll ausgelastet und sogar profitabel seien, sind ein Mythos oder Stimmen aus vergangenen Zeiten“, sagte er. „Mit der Realität heute haben sie jedenfalls nichts zu tun.“

Für das erste Quartal konnte Kaeser den Anlegern dank des Verkaufs von Aktien des Lichtspezialisten Osram und der Effekte aus der US-Steuerreform einen Gewinnanstieg um 12 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro vorlegen. Der Umsatz nahm um 3 Prozent auf 19,8 Milliarden und der Auftragseingang um 14 Prozent auf 22,5 Milliarden Euro zu. Zu dem Wachstum trug allerdings vor allem der Zusammenschluss mit dem spanischen Windkraft-Anbieter Siemens Gamesa bei.

Schwächer entwickelte sich hingegen nicht nur die Kraftwerkssparte. Gewinnrückgänge musste auch die kurz vor dem Börsengang stehende Medizintechnik-Sparte Healthineers hinnehmen. Allerdings gehört das Geschäft weiter zu den größten Ertragsbringern bei Siemens. Neue Details zum Börsengang gab es nicht. Es steht der Zeitplan, das Geschäft im ersten Kalenderhalbjahr an die Börse zu bringen, spekuliert wird über einen Termin vor Ostern.

Auch im Geschäft mit der Digitalisierung verdiente der Konzern insgesamt weniger als vor einem Jahr. Deutlich besser entwickelte sich hingegen das Zuggeschäft, das bis zum Jahresende mit dem französischen Wettbewerber Alstom zusammengeschlossen werden soll.

(dpa/bob)