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| 16:19 Uhr

Heimatgeschichte
„So, jetzt ist die Kirche gesprengt“

Boxberg. Heute auf den Tag genau vor 40 Jahren ist das Tzschellner Gotteshaus vernichtet worden. Angeblich aus Sicherheitsgründen. Von Torsten Richter-Zippack

Der 16. Juli 1978 ist ein Sonntag, der sich ganz tief in die Seelen der Tzschellner eingebrannt hat. Denn an jenem Tag wurde ihre Fachwerkkirche gesprengt. Offiziell aus Gründen der Sicherheit, wie es in Unterlagen aus der damaligen Zeit heißt. Tatsächlich aber musste das uralte Gebäude dem näher rückenden Tagebau Nochten weichen. Das komplette Dorf fiel bis zum Jahr 1979 dieser Grube zum Opfer. Insgesamt gut 300 Menschen, die 61 Gehöfte bewohnten, wurden zwangsumgesiedelt.

„Wir wussten bereits vorher von der kommenden Katastrophe“, erinnert sich Andreas Neumann-Nochten, Sohn des letzten Tzschellner Pfarrers Fritz Neumann. Als es dann passiert war, habe der Vater zu ihm resigniert gesagt: „So, jetzt ist die Kirche gesprengt worden.“ Ausgerechnet der malerische Fachwerkbau, der sich auf einer der höchsten Stellen des Spreedorfes südwestlich von Weißwasser erhob. „Das Gotteshaus war damals eigentlich noch gut in Schuss“ erinnert sich Neumann-Nochten. Mehr noch: „Man hätte es ohne Weiteres zerlegen und anderenorts wieder aufbauen können.“ Das war tatsächlich geplant. Die Kirche sollte im nahen Boxberg wieder aufgebaut werden. Dieses Vorhaben wurde von den DDR-Oberen letztendlich jedoch abgelehnt. Zum einen, weil die meisten­ Tzschellner nach Weißwasser und Schleife zogen. Zum anderen, weil Boxberg wegen seines Kraftwerks als sozialistische Industriegemeinde galt. Und da war für Kirchen kein Platz. Immerhin wurde im Schöpsort am 5. September 1982 ein Gemeindehaus eröffnet.

Wer nun die Tzschellner Fachwerkkirche gesprengt hat? Andreas Neumann-Nochten kann nur mutmaßen: „Vielleicht war es die Nationale Volksarmee.“ Denn: Nach der Umsiedlung der meisten Einwohner nutzte die Armee das sterbende Dorf längere Zeit als Übungsgelände. Damit war Tzschelln kein Einzelfall. Auch in anderen, in der Devastierung befindlichen Orten trainierte die Truppe. Ein Beispiel bildet das Dörfchen Gosda westlich von Spremberg, wie mehrere Zeitzeugen bestätigen. Dieser Ort wurde in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre aufgegeben.

Der letzte Gottesdienst in der­ Tzschellner Kirche fand am Reformationstag, dem 31. Oktober 1975, statt, ist in der Chronik vermerkt. Bereits im April 1976 wurde der Denkmalschutz für die Kirche aufgehoben. Bis zum Jahresende erfolgte die Bergung des wertvollen Inventars. Die Glocken kamen dem künftigen Boxberger Gemeindehaus zugute, die Heiligenfiguren, zwei Marienbüsten und die vier Evangelikalen, fanden ihren Weg in die Nochtener Kirche. Der Altar wird in diesem Jahr gerade restauriert, sagt Andreas Neumann-Nochten. Er befindet sich in der Görlitzer Nikolaikirche. Anno 1977 wurde das Gotteshaus mehrfach geplündert. Selbst die Orgel wurde dabei zerstört.

Nach der Kirchensprengung fuhr Neumann-Nochten mehrfach mit dem Fahrrad nach Tzschelln. Den damals angehenden Künstler ließen die übrig gebliebenen, inzwischen überwucherten Ruinen nicht in Ruhe. „Ich habe das Gesehene auf Papier gebracht“, erzählt der Maler, der heute in Görlitz lebt. Derzeit sind die Motive in einer Ausstellung im Schullandheim Reichwalde zu sehen.

Monika Schillack, geborene Adam, musste Tzschelln Ende März 1977 für immer verlassen. „Wir gehörten mit zu den Letzten“, erinnert sie sich. Die Familie lebte damals in der Villa der Pappenfabrik, rund 200 Meter vom Gotteshaus entfernt. „Wir haben im Jahr 1972 in der Kirche geheiratet. Und ein Jahr später wurde dort unser Sohn getauft“, erzählt die heute in Sprey Lebende. „Kurz vor unserer Umsiedlung haben wir manchmal Geschepper gehört. Da hatte jemand die Kirchenfenster eingeworfen.“ Nach ihrer Umsiedlung ist Monika Schillack nicht mehr ins Dorf zurückgekehrt. „Ich wollte mir diesen Anblick ersparen. Da hätte man wohl Depressionen bekommen können.“

Christina Wolsch, die Vorsitzende des Tzschellner Heimatvereins, bewahrt noch einen besonderen Schatz aus der Tzschellner Kirche auf. „Uns hat jemand mehrere alte Orgelpfeifen aus unserem Gotteshaus gebracht. Die halten wir natürlich in ganz besonderen Ehren.“