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Sippenhaft nach dem Attentat

Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg.
Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg. FOTO: André Kurtas
„Das Ziel meiner Vorträge ist es, nachfolgende Generationen an die Tat meines Onkels zu erinnern“ , erklärt Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg. Das sei die Motivation des Neffen des Hitler-Attentäters, der am Donnerstag in der Zivildienstschule Schleife als Zeitzeuge über Widerstand und Sippenhaft berichtete. Die Veranstaltung war der Auftakt zum Politischen Forum Lausitz an der Zivildienstschule. Von André Kurtas

Leiterin Margitta Bergmann konnte dazu zahlreiche Interessenten aller Altersgruppen begrüßen. Zusätzlich mussten noch Stühle herangeschafft werden, um jedem Besucher einen Sitzplatz bieten zu können.
Zustande kam dieses Forum unter dem Motto „Der 20. Juli 1944 und seine Folgen“ , das in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für Politische Bildung von Thomas Kornek moderiert wurde. Es war schon beeindruckend, wie der 77-jährige Neffe Stauffenbergs über seine persönlichen geschichtlichen Erinnerungen berichtete. „In erster Linie ist es dem glücklichen Zustand zu verdanken, dass meine Schwester damals ein Tagebuch führte und alles aufzeichnete, ich selbst hätte schon wieder vieles vergessen“ , so der ehemalige Forstmeister und Ökonom, der heute immer noch einen Forstbetrieb leitet. Der Vater des Hitler-Attentäters und der Großvater des 77-jährigen waren Brüder. Die Witwe des Obersten Graf von Stauffenberg wohnt wie er ebenfalls in Oberfranken. Sie ist über 90 Jahre, sei querschnittsgelähmt, aber geistig fit, so der Redner. Sie habe ihr Schicksal großartig getragen. „Ich kam einen Tag vor dem Attentat im Führerhauptquartier vom Internat am Bodensee auf den Gutshof der Eltern bei Jettingen nahe Günzburg nach Hause“ , so Stauffenberg. Sein Großvater wurde zwei Tage nach dem missglückten Attentat verhaftet, seine Eltern am 11. August. „Als damals 17-Jähriger habe ich von diesem Attentat nichts gewusst. Ich wurde verhört, durfte mich im Ort zwar frei bewegen, ihn aber nicht verlassen. Ein SS-Mann hat drei Wochen lang immer an unserem Esstisch gesessen. Das hat meinen Appetit nicht gerade erhöht“ , so Graf Stauffenberg. Als „Gnade Gottes“ sieht es der Zeitzeuge, dass seine Familie und er nach neun Monaten Haft in mehreren Gefängnissen und Konzentrationslagern am 30. April 1945 in Freiheit kamen. „Ich erinnere mich noch an die Worte des SS-Führers Heinrich Himmler, der ankündigte, dass die Sippe Stauffenberg ,bis ins letzte Glied' ausgelöscht wird.“
Seinen Vortrag in Schleife gliederte Stauffenberg in zwei Teile. Zuerst ging es um die bekannten Ereignisse des 20. Juli 1944, aber auch um die früheren Versuche, Hitler zu beseitigen.
In Teil zwei wurde anderen das persönliche Erleben in dieser Zeit reflektiert, um so einen Beitrag zu leisten, „damit das Gedenken nicht zur Pflichtübung wird“ . Die Fragen des Publikums zielten danach vor allem auf die persönlichen Eindrücke eines Jugendlichen.
Wie stand der Neffe des Attentäters persönlich zu seinem Onkel„ „Ich habe ihn als einen immer fröhlichen und positiv denkenden Menschen mit großer Ausstrahlung in Erinnerung“ , so Stauffenberg. Beeindruckend schilderte er auch die Folgen des missglückten Attentats für die Familie: Sippenhaft für alle Angehörigen über 15 Jahre, die Jüngeren kasernierte die Gestapo unter falschen Namen in NS-Kinderheimen. Aus der Sicht des damals 17-jährigen Schülers schilderte Stauffenberg anschaulich seine neunmonatige Odyssee durch die Kerker der Nationalsozialisten. „Allerdings nicht, um mein Schicksal besonders hervorzuheben“ , betonte er nachdrücklich, „es hat viel schlimmere Auswüchse gegeben“ . Nach Aufenthalten in Gefängnissen kam die Familie ins Konzentrationslager Stutthof: „Zum ersten Mal waren wir in einem Konzentrationslager, doch sahen wir eigentlich nichts davon“ . Die Sippenhäftlinge lebten im streng abgeschirmten Sonderlager. Seiner „privilegierten Stellung als Sonderhäftling“ ist sich Stauffenberg bewusst, „das ganze Ausmaß des Grauens der Konzentrationslager haben wir erst nach dem Krieg richtig erfasst.“ Bedrohlich empfand er weniger die Haftbedingungen als viel mehr die ständige Ungewissheit. „Der Zusammenhalt in der Familie war eine große Hilfe.“
Wie hätte sich Deutschland wohl nach einem erfolgreichen Attentat entwickelt“ Das wollten jugendliche Zuhörer in Schleife von Stauffenberg in Erfahrung bringen. „Schwer zu sagen, vielleicht hätte es einen Bürgerkrieg gegeben.“
Natürlich wollten die Besucher vom Neffen des Hitler-Attentäters auch wissen, ob er stolz auf die Tat seines Onkels sei. „Ja, vom ersten Moment an war ich stolz auf ihn“ , so Stauffenberg. Er betonte, dass er im vergangenen Jahr erstmals im Osten Deutschlands zu Gast war und während seiner Vorträge die Erfahrung gemacht habe, dass hier intensiver Fragen als im Westen gestellt werden. Auf die Frage, wie er die derzeit „braune Gefahr“ in Deutschland einschätze, antwortete Stauffenberg: „So groß die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist, so groß ist auch die Gefahr. Man muss die Augen immer offen halten und dagegen einschreiten.“ Stauffenberg möchte so lange es geht, mit seinen Vorträgen an seinen Onkel und dessen historische Tat erinnern.