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| 14:37 Uhr

Naturschutz
Sieben Störche fliegen in die Freiheit

Hier entlassen die Görlitzer Tierpark-Mitarbeiter die Jungstörche in die Freiheit. Bald werden sie sich in Trupps zusammenschließen und dann gemeinsam nach Afrika aufbrechen.
Hier entlassen die Görlitzer Tierpark-Mitarbeiter die Jungstörche in die Freiheit. Bald werden sie sich in Trupps zusammenschließen und dann gemeinsam nach Afrika aufbrechen. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Wartha. Mehrere Adebare sind im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft ausgewildert worden. Darunter befinden sich auch vier Tiere aus Weißkeißel. Alle müssen nun nach Afrika fliegen. Von Torsten Richter-Zippack

Pünktlich um 9 Uhr beginnt das Naturschauspiel am Haus der Tausend Teiche des Biosphärenreservates Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft in Wartha bei Bautzen. Mehrere Männer und Frauen des Görlitzer Naturschutztierparks laden insgesamt sieben Pappkartons aus ihrem Transporter und schaffen diese auf eine nahe gelegene Wiese. Die Behälter sind stark durchlöchert. Schließlich benötigen die darin befindlichen Weißstörche ausreichend Atemluft. Auf Stroh kauert pro Karton jeweils ein Adebar. „Wir haben die Tiere heute Morgen eingefangen, um sie für den Transport vorzubereiten“, erklärt Manuel Lüling, Lehrling im Görlitzer Tierpark. Kurze Zeit später werden die Kisten geöffnet, und ein Storch nach dem anderen startet in Richtung Freiheit. Fünf der sieben Rotstrümpfe sind sofort verschwunden, zwei Exemplare schreiten erst mal die Wiese ab. Einige Zeit später fliegen auch sie davon.

Zwei der Findelstörche stammen aus dem Dörfchen Briesing nördlich von Bautzen. „Ihre drei Geschwister flogen aus, diese beiden sind entweder aus dem Horst geworfen worden oder herausgefallen“, erzählt die Görlitzer Tierpflegerin Manuela Kleemann. Ein weiterer verunglückter Rotstrumpf stammt aus Seifersdorf. Und da waren noch die vier Eier aus dem Weißkeißeler Horst hoch über der Gemeindeverwaltung. Nach Angaben von Gemeindearbeiter Henri Hänchen sind die Eier aus dem Nest geborgen worden, nachdem ein Elternvogel tödlich verunglückt aufgefunden worden war. „Zunächst wurde der Brutkasten angeworfen“, erinnert sich Manuela Kleemann, die in der Wildtierauffangstation im Görlitzer Tierpark tätig ist. Nach dem erfolgreichen Schlupf durften die Nachwuchsstörche schnabelgerechte Kleinstportionen von Mäusen, Ratten, Küken und Fischen verspeisen. Obwohl sie dann in der Tierpark-Voliere aufwuchsen, können die Weißkeißeler Störche durchaus fliegen. „Das liegt in ihren Genen. Nicht zuletzt befindet sich in der Voliere ein Baum, an dem sie das Hoch- und Herunterfliegen üben können“, erklärt die Tierpflegerin.

Insgesamt sieben Weißstörche werden durch den Görlitzer Tierpark in Zusammenarbeit mit dem Biosphärenreservat im August 2018 ausgewildert, zwölf Monate zuvor waren es sechs. Es handelt sich durchweg um verunglückte oder ausgestoßene Tiere, die in den vergangenen Monaten in der Tierpark-Wildtierauffangstation gesundgepflegt beziehungsweise aufgepäppelt wurden. An einem der Störche ist ein grünes Kreuz auf dem Gefieder zu erkennen. „Die Stelle wurde mit einem entsprechenden Spray behandelt“, erklärt Manuela Kleemann. Denn an den Narben sollen sich keine Fliegen und weiteres Ungeziefer zu schaffen machen.

Jedes Tier hat Stefan Siegel vom Förderverein der Sächsischen Vogelschutzwarte Neschwitz mit einem Stahlring versehen. „Quasi der Personalausweis der Störche“, erklärt der junge Mann. Er hofft, dass die Jungstörche in wenigen Jahren selbst in der Oberlausitz brüten und für Nachwuchs sorgen werden.

Auf die erst ein paar Monate alten Adebare wartet jetzt ihre erste Reise nach Afrika. In den nächsten Tagen und Wochen werden sie aufbrechen und über den Balkan, die Türkei sowie den Nahen Osten nach Ost- und Südafrika in ihre Überwinterungsquartiere reisen. Die meisten sächsischen Störche, die östlich der Elbe leben, nehmen diesen Weg, sagt Dirk Weis, Artenschutzexperte beim Biosphärenreservat. Die übrigen Tiere ziehen dagegen über Frankreich und Spanien gen Süden. Ist das Wetter günstig, überwintern sie gleich in Südwesteuropa. Diese Route gilt als weniger risikoreich.

Nach Angaben von Torsten Roch, dem Leiter des Oberlausitzer Schutzgebietes, gibt es in diesem Jahr im Reservat vier Brutpaare in Wessel, Commerau bei Klicks, Steinitz und Guttau mit 14 Jungvögeln. „2018 ist ein gutes Storchenjahr“, resümiert der Fachmann.  Zwölf Monate zuvor waren es fünf Brutpaare mit neun Jungtieren.

Werden diese Zahlen allerdings mit den Verhältnissen Anfang der 1990er-Jahre ins Verhältnis gesetzt, schrillen die Alarmglocken. „Wir hatten damals hier 36 Brutpaare“, erinnert sich Dirk Weis. Den enormen Rückgang führt der Experte auf veränderte Bedingungen in der Landwirtschaft zurück. „Die Industrialisierung auf den Grünländern wirkt sich auf die Störche negativ aus. Da wird einmal über die Wiese gefahren. Dann gibt es zwar ein großes Nahrungsangebot, aber das war es auch. Das früher übliche Wirtschaften, dass jeden Tag mal ein Stück Wiese gehauen wurde, kam den Störchen mehr entgegen“, erklärt Weis. Nicht zuletzt werden viele Rinder heutzutage aus Kostengründen in Ställen gehalten. Somit gelangen die Störche nicht mehr an die vielen Insekten im Kuhdung.“ Das Biosphärenreservat versuche aber, mit entsprechenden Projekten und Kooperationen gegenzusteuern. Doch dies könne nur ein Anfang sein.

In diesen Kisten sind die jungen Störche vom Görlitzer Tierpark ins Biosphärenreservat transportiert worden.
In diesen Kisten sind die jungen Störche vom Görlitzer Tierpark ins Biosphärenreservat transportiert worden. FOTO: Torsten Richter-Zippack