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| 11:15 Uhr

Weißwasser
Raus aus dem Nebel des Schweigens

In Deutschland hat nach Angaben des Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs jedes siebte bis achte Kind Missbrauchserfahrungen.
In Deutschland hat nach Angaben des Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs jedes siebte bis achte Kind Missbrauchserfahrungen. FOTO: dpa / Maja Hitij
Weißwasser. Mit einem Vortrag zum Thema sexueller Missbrauch geht eine Betroffene in Weißwasser an die Öffentlichkeit. Von Christian Köhler

„Ich habe bis zu meinem 20. Lebensjahr immer wieder sexuelle Gewalt erlebt“, erzählt Michaela Neumann-Frank im Haus am Hain in Weißwasser am Donnerstagabend. Im Raum herrscht absolute Stille, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Das Soziale Netzwerk Lausitz (SNL) hat die Dresdnerin im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit eingeladen. Die Rednerin ist aufgeregt, es fällt ihr schwer, immer die richtigen Worte zu finden. Das kann typisch für Menschen sein, die eine traumatische Erfahrung haben. Auch nach so vielen Jahren. Und trotz ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Weißen Ring. „Ich bin zunächst in der Schule öfter ohnmächtig geworden, konnte mir nicht erklären, warum das immer wieder passiert“, erzählt die 44-Jährige weiter und sagt: „Heute weiß ich, warum.“ Im Umgang mit dem Erlebten ist es ihr wichtig, anderen Betroffenen zu helfen. Das habe ihr auch selbst geholfen. „Ich leite eine Selbsthilfegruppe und habe im Laufe der Jahre mit mehr als 1000 Betroffenen gesprochen“, berichtet sie.

Sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch haben gerade in den vergangenen Jahren verstärkt Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden. Vor allem die „Me too“-Debatte hat daran großen Anteil. Mit ihr nämlich wurde erneut deutlich, dass sexuelle Gewalt viele Facetten hat, längst nicht auf einen körperlichen Übergriff beschränkt ist. „Blicke, das Zeigen von Bildern und auch Sprache können sexuelle Gewalt beinhalten“, erklärt Michaela Neumann-Frank. Und nicht erst seit „Me too“ ist klar: sexueller Missbrauch kann überall stattfinden – in der Familie, am Arbeitsplatz, in Kirchenkreisen, in der Schule und vor allem im Internet.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für 2017 weist deutschlandweit 13 539 Übergriffe auf Kinder aus. Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland, Wilhelm Rörig, teilt mit: Es sei davon auszugehen, dass „jede/r Siebte bis Achte in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat“. Das sind in Deutschland rund eine Million Mädchen und Jungen. „Man kann sagen, dass jährlich etwa 260 000 Fälle von Missbrauch aller Altersstufen hinzukommen“, richtet sich Michaela Neumann-Frank an die Zuhörer.

Um zu verdeutlichen, wie sich ein Betroffener fühlt, könne man sich vorstellen, man sei in der Steppe und ein Löwe kommt auf einen zu. „Ich hätte eine riesen Angst“, ruft eine Frau spontan. Eine andere sagt, in ihr würde das Adrenalin nach oben schnellen „und ich würde rennen, so schnell ich kann“. Das aber, so schätzt Michaela Neumann-Frank ein, geschehe in der Wirklichkeit kaum. Opfer könnten zwar wählen zwischen Angriff, Flucht und Totstellen, „aber am häufigsten erstarren die Menschen in einer Gefahrensituation, wenn es keine Flucht- oder Angriffsmöglichkeit gibt“.

In der Folge einer solchen Extremsituation sind Betroffene überfordert, haben kaum Bewältigungsstrategien. Der Körper selbst ist es, der nun unterbewusst eingreift. Das Gedächtnissystem etwa verhindert eine genaue Erinnerung, indem die linke und rechte Gehirnhälfte die Erinnerungsbruchstücke nicht verbinden. „Das ist auch der Grund, warum sich Betroffene zunächst nicht an das schlimme Erlebnis erinnern“, berichtet Michaela Neumann-Frank von sich selbst. Erst im Laufe der Zeit, ausgelöst durch „Trigger“, kommen Bruchstücke wieder an die Oberfläche. „Sie können es sich so vorstellen: Wenn Feuerwehrleute einen bestimmten Geruch wahrnehmen, kommt ihnen sofort ein Erlebnis in den Sinn, was sie mit dem Geruch verbinden.“ Ein Trigger ist also ein Reiz, der eine Erinnerung hervorruft, an die man sich sonst nicht erinnern würde. Während eine „normale Erinnerung“, wie etwa an den ersten Liebeskummer, im Laufe der Jahre verblasst, bringt eine traumatische Erinnerung ein sofortiges Wiedererleben. „Und das bedeutet Stress, es lässt einen nicht mehr los und man fängt an, Vermeidungsstrategien zu entwickeln, Triggern aus dem Weg zu gehen“, erklärt die Dresdnerin.

Depressionen, Ängste, Sprachlosigkeit, Schuldgefühle oder auch ein geringes Selbstwertgefühl können Folgen eines sexuellen Missbrauchs sein. Gerade die Angst vor dem Kontrollverlust schränke zudem das Alltägliche, das Wohlbefinden ein. „Man kann nicht einfach spontan irgendwo hinfahren, weil man dann keine Sicherheit hat“, sagt sie.

Wie aber geht man mit einem Betroffenen um? „Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist Mitleid. Mitgefühl ist das Zauberwort“, gibt Michaela Neumann-Frank zu verstehen. Und da ist noch etwas: „Geheimnisse gehen gar nicht.“ Betroffene wünschen sich Vertrauen zu ihren Angehörigen. Gerade dann, wenn nach dem Missbrauch gesagt wird, „das ist unser kleines Geheimnis“, darf es später aus Sicht der Beraterin keine Geheimnisse geben. Auf Augenhöhe miteinander sein, keine Wertungen geben und nichts versprechen, was man nicht halten kann, seien die Grundpfeiler für Betroffene. „Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstschutz für Betroffene und Helfer gehören ebenso dazu“, sagt Michaela Neumann-Frank.

Ein wichtiges Thema ist zudem die Frage: Anzeige Ja oder Nein? „Es lässt sich nicht so leicht sagen“, sagt Michaela Neumann-Frank. Aus ihrer Sicht stehe die Genesung im Vordergrund, dann erst die strafrechtliche Auseinandersetzung. Und die hat es immer in sich: „Wenn man eine Anzeige macht, gibt es keine Therapie bis alle Aussagen der Beteiligten vorliegen“, erklärt die Beraterin. Vor und während des Prozesses geht es darum, dass die Aussagen des Opfers beständig und detailliert sein müssen. „Und eine Therapie verhindert, dass die Tat einheitlich erzählt wird.“ Es gelte also abzuwägen und in jedem Falle zuvor eine Rechtsberatung zu beanspruchen.

Zum Schluss wird Michaela Neumann-Frank gefragt, ob man einen Missbrauch überhaupt therapieren kann. „Ja“, sagt sie, „aber man muss es wollen. Mit Zwang geht nichts.“