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Sein Wissen ist weltweit gefragt

Einer der bisherigen Einsätz führte Dr. Wolfgang Stiehler (l.) nach Mexiko. Dort beriet er Samuel Hernandez, Leiter einer Forellenanlage in San Miguel.
Einer der bisherigen Einsätz führte Dr. Wolfgang Stiehler (l.) nach Mexiko. Dort beriet er Samuel Hernandez, Leiter einer Forellenanlage in San Miguel. FOTO: privat
Halbendorf. Wolfgang Stiehler war 20 Jahre Präsident des Landesfischereiverbandes in Sachsen. Noch bevor 2013 feststand, dass er bei der Wahl nicht mehr antritt, hat sich der 73-Jährige beim Senior-Experten-Service (SES) in Bonn registrieren lassen.

Aktuell ist er zum zehnten Mal im Einsatz, dieses Mal im Kosovo.

Andere Menschen in Ihrem Alter genießen ihren Ruhestand. Warum ist das so gar nicht Ihr Ding?

Wolfgang Stiehler Für mich ist das noch nie etwas gewesen, den Tag auf der Couch zu verbringen. Ich bin fit, körperlich und geistig. Warum soll ich mein Wissen, meine jahrzehnte langen beruflichen Erfahrungen für mich behalten? In vielen Ländern sind die Leute auf dem Fischerei-Gebiet, was den praktischen Hintergrund angeht, nicht so besattelt. Wir sind unter Bedingungen groß geworden, wo wir viel improvisieren mussten. Das ist in den Ländern günstig. Du musst Lösungen anbieten, die praktikabel sind, keine Wunschvorstellungen.

Wie ist das Procedere vor so einem Hilfseinsatz?

Wolfgang Stiehler Das ist gut organisiert. Über die deutschen Botschaften wird der SES angefragt. In Bonn guckt man, welcher Experte in Frage käme, und melden sich dann bei mir. Ich entscheide, ob ich den Einsatz möchte oder nicht. Wenn ich weiß, das ist nicht mein Gebiet, ich könnte nicht helfen, dann hab ich auch schon abgelehnt. Ich will ja keinen Urlaub machen. Sag ich zu, gehen meine Unterlagen an den Antragsteller, der entscheidet dann. Der Vorteil: du bist dann willkommen. Eine gute Basis für die Zusammenarbeit.

Wie viele Experten-Reisen schlagen inzwischen zu Buche?
Wolfgang Stiehler Jetzt geht's zum zehnten Einsatz, es ist mein zweiter im Kosovo. Ansonsten war ich in der Mongolei, Usbekistan, Bulgarien, Mexiko, zweimal in Aserbaidschan, Kasachstan und Indonesien.

Worum geht es im Kosovo?
Wolfgang Stiehler In Istog, rund sechzig Kilometer von Pritina, besteht schon seit vielen Jahren eine Forellenanlage, die nach 2000 privatisiert wurde. Dazu gehören eine ausgezeichnete Gastronomie und ein Hotel. Die Leute fahren weite Wege, um hier zu essen. Auch der Absatzmarkt ist sehr gut, so dass dort noch mehr produziert werden könnte. Aber dafür muss der Sauerstoffgehalt des Wassers erhöht werden.

Ist das eine schwierige Aufgabe, die da auf Sie wartet?
Wolfgang Stiehler Ich denke nicht, denn eine Lösung für das eigentliche Problem haben wir schon im September 2016 gefunden. Das Wasser für die Anlage kommt aus den Bergen. Auf halber Strecke zwischen Quelle und Anlage befindet sich eine Wasserkraftanlage. Von dort erfolgt nun der Sauerstoffeintrag in die Rohrleitung zur Forellenanlage. Der Effekt war enorm. Die Betreiber waren total von den Socken, als ich ihnen diese Lösung präsentierte. Bis vergangene Woche haben sie das auch so praktiziert. Jetzt hakt es irgendwo, ich soll helfen. Das sollte in drei, vier Tagen erledigt sein.

Wie lange dauern solche Einsätze gewöhnlich?
Wolfgang Stiehler Zwei Wochen. Ich sag immer, was ich in dieser Zeit nicht lösen kann, löse ich auch nicht in vier. Das wird in Tansania nicht anders sein. Es gibt eine Anfrage von einem Kloster in der Nähe des Kilimandscharo. Die Informationen bisher sind spärlich, die Möglichkeiten dort begrenzt. Denn die Gewohnheiten in Afrika sind ganz unterschiedlich. Zum Beispiel lässt sich mit dem Buntbarsch aus dem Victoriasee was machen. Aber intensive Produktion, wie es die Leute möchten, nicht. Vorteilhafter ist der Afrikanische Wels, der aber in einigen Ländern dort nicht sehr beliebt ist. Was möglich ist, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen, das muss ich vor Ort sehen.

Was war besonders interessant?
Wolfgang Stiehler Meine Einsätze in Aserbaidschan. Dort, unterhalb des Stausees, wo der Fluss Kura gespeist wird, hat ein junger Mann einen völlig neuen Fischereibetrieb aufgemacht mit Teichen und Karpfenproduktion. Ringsherum Unland. Die Anlage lief jedoch nicht so wie erhofft. Ich war 2015 und noch einmal 2016 dort, hab ihm unter die Arme gegriffen zum Beispiel mit einem Bewirtschaftungsplan.

Und wie ist der Stand aktuell?
Wolfgang Stiehler Die Anlage läuft, die Produktionspalette soll noch erweitert werden. Und wenn es mal eine Frage gibt, klären wir die per E-Mail. Außerdem war er im Januar auch hier, hat sich die Aufzuchtanlage der Kreba-Fisch GmbH in Schwarz Pumpe angeschaut. Dort werden im Winter 30-Gramm-Karpfen zu 500 Gramm schweren Exemplaren aufgezogen. Wenn sie dann in die Teiche eingesetzt werden, können Kormorane sie nicht mehr so einfach greifen. Die Aufzuchtanlage ist die Grundlage für die Speisefisch-Produktion der GmbH. Mit 400 bis 500 Tonnen der größte Produzent in Sachsen.

Gibt es noch weitere Erfolgsgeschichten dank Ihnen als Senior-Experten?
Wolfgang Stiehler Ja, eine davon spielt in Indonesien, in der 700 000 Einwohner zählenden Stadt Tasikmalaya. Es ist eine Gegend vulkanischen Ursprungs. Dort haben sie eine kleine Anlage errichtet - der Rahmen ist aus Bambus, die Becken mit Wachstuch ausgelegt. Dort halten sie den einheimischen Fisch Gurami, der Sauerstoff aus der Luft nimmt. Aber diese Sorte wächst nur langsam, ist also nicht für intensive Produktion geeignet. 2016 wurde ich um Rat gefragt. Die Produktion ist auf afrikanischen Wels umgestellt worden. Der hat zwar kein so gutes Image, aber sie filetieren ihn jetzt. Das kannten sie bis dahin kaum. Anfang Mai kommen von den Indonesiern einige her, dann zeig ich ihnen eine Produktions- und Verarbeitungsstätte für afrikanischen Wels bei Jessen.

Da sind Sie ja also ständig auf Achse, um Ihr Wissen an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Wird Ihnen das nicht zu viel?
Wolfgang Stiehler Nicht wirklich. Die 70-Jährigen von heute sind die 60-Jährigen von früher - du musst Dich eben fit halten. Ich gehe nach wie vor zu Weiterbildungen, bin noch Geschäftsführer in Kreba, zwar nicht mit Tagesgeschäft, aber beratend und das unentgeltlich. Es gibt eben noch Verrückte auf der Welt . . . (lacht)

Aber wie ist es um die sportliche Fitness bestellt?
Wolfgang Stiehler Ohne Sport geht es nicht bei mir. Radfahren, Skaten, Tennis, und seit letztem Jahr Schieri beim Freizeit-Eishockey-Team "Die Chiefs". Das macht alles viel Spaß. Wehwehchen kenn ich nicht. Und wenn, dann ignoriere ich sie.

Stichwort Eishockey. Sie sind Gesellschafter bei den Füchsen.
Wolfgang Stiehler Das stimmt, seit mehr als zehn Jahren. Wir haben die Gesellschaft EHC Lausitzer Füchse GmbH damals mit den Unternehmern Bernd Nadebor und René Reinert gegründet, und die drei Namen stehen immer noch dafür ein.

Wie viel Herzblut hängt an den Füchsen?
Wolfgang Stiehler Sehr viel. Ich bin bei jedem Heimspiel in der Eis arena, fahre nach Dresden, wenn sie dort spielen. Der Kontakt zu Geschäftsführer Dirk Rohrbach ist eng, nicht nur in Sachen Sport, sondern vor allem der Finanzen wegen. Wir können nur das bewirtschaften, was wir haben, und er macht das echt gut. Es wurden viele neue Sponsoren gefunden. Und in dieser Saison hat sowieso vieles gepasst - vom Trainer über die Spieler bis zum Finanziellen.

Wenn man das alles zusammenzählt, reicht ein 24-Stunden-Tag aus?
Wolfgang Stiehler Ich komme gut zurecht, es gibt doch auch ruhige Zeiten. Eins steht außerdem fest: Wenn meine Frau Gisela nicht mitspielen würde bei allem, würde das gar nicht funktionieren. Ich helfe ihr, und mache die gesamte Buchhaltung für ihre Hausarzt-Praxis. Eins ist uns beiden sehr wichtig, egal was wir sonst alles machen - das ist unsere Familie. Die hat oberste Priorität.

Gibt es etwas, wo Sie nur mit dem Kopf schütteln?
Wolfgang Stiehler Na klar. Und das nicht selten. Wenn man sieht, was heutzutage noch geht, was nicht. Wenn ich nur an die Entwicklung im Gesundheitswesen denke. Das erlebe ich ja jeden Tag, und das kann einfach nicht gut gehen. Den Ärzten werden Patientenzahlen aufgedrückt, die diese absolut nicht schaffen können. Oder die Bürokratie, der wir ausgeliefert sind, nimmt immer mehr zu. Für mich ohne ersichtlichen Grund funktioniert heute vieles nicht mehr, was vor 20 Jahren ganz normal war. Stichwort Umwelt. Manches Mal sind Tiere für Behörden wertvoller als der Mensch.

Mit Wolfgang Stiehler

sprach Gabi Nitsche

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Der Senior Experten Service (SES) ist die führende deutsche Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder einer beruflichen Auszeit. Seit 1983 gibt der SES weltweit Hilfe zur Selbsthilfe - in allen Branchen und Sektoren. Zurzeit stellen mehr als 12 000 Experten aus allen beruflichen Richtungen ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung. Seit 1983 erfolgten über 40 000 ehrenamtliche Experteneinsätze in mehr als 160 Ländern. Der SES hat seinen Sitz in Bonn. Er wird bundesweit durch Büros und weltweit von rund 180 Repräsentanten in 90 Ländern vertreten. www.ses-bonn.deWolfgang Stiehler, geb. 1944, ist seit seinem elften Lebensjahr in Leipzig aufgewachsen. Seine Eltern waren Journalisten, sein Bruder ist Professor für Medienwissenschaften an der Uni Leipzig. Nach Facharbeiterabschluss und Studium war Kreba seine Wirkungsstätte, von 1968 bis zur Privatisierung 1992 als Produktionsleiter, dann als Geschäftsführer. Die Dissertation in Landwirtschaftswissenschaften schrieb er 1982 mit Joachim Herms zu "Aufzucht pflanzenfressende Fische" (Gras- und Silberkarpfen).Wolfgang Stiehler ist verheiratet, seine Frau ist Allgemeinmedizinerin. Die erwachsenen Kinder, Tochter und Sohn, sind verheiratet, leben in Schleife bzw. Wiesbaden. Zur Familie gehören drei Enkelkinder. Wolfgang Stiehler engagiert sich neben SES und Eissport im Präsidium des Verbandes Deutsche Binnenfischerei und Aquakultur. Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie unsGesprächspartner vor:Lausitzer Rundschau,Straße der Jugend, 54,03050 Cottbus,oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de