ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:58 Uhr

Sechsjährige Hängepartie nun vorbei

Wenn der Tagebau Nochten ausgekohlt ist, geht's an die Vorräte im Abbaufeld II.
Wenn der Tagebau Nochten ausgekohlt ist, geht's an die Vorräte im Abbaufeld II. FOTO: Joachim Rehle/jor1
Schleife/Trebendorf. Jahrelang schwebte das Damoklesschwert über den Dörfern Trebendorf, Schleife, Rohne, Mulkwitz und Mühlrose. Jetzt ist es entschieden: Vattenfall kann den bestehenden Tagebau Nochten um das zweite Abbaufeld erweitern. Die Entscheidung pro Bergbau hat Manfred Nickels letzten Funken Hoffnung zerstört. Gabi Nitsche

Manfred Nickel schaut mit seinen 71 Jahren selten griesgrämig drein. Der Rohner gehört zu den Frohnaturen, die ihre Menschen schnell für etwas begeistern können. Vor allem lässt er sich nicht so einfach unterkriegen, sagt Nickel von sich. Doch die Entscheidung für das Abbaufeld II mache ihm zu schaffen. "Ich bin jemand, der auch mal was verdrängen kann. Aber das geht mir ganz schön an die Nieren. Heute Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Mir ist einfach viel zu viel durch den Kopf gegangen."

Nickel habe immer noch ein kleines Fünkchen Hoffnung gehabt, dass Rohne und die anderen Dörfer nicht der Kohle weichen müssen. Dieser Funken ist nun zerstört. "Nun versuche ich mit meiner Familie, den Weg zum neuen Rohne zu gehen. Wir werden versuchen, das, was uns genommen wird, kleiner neu zu bauen."

Aber an den Tag, an dem sein Hof fallen wird, darf Manfred Nickel nicht denken. "Das wird ganz schlimm", nimmt er an. Seine Eltern haben ihn gebaut. Erst wohnte Nickel mit ihnen dort, heute sind es sein Sohn und dessen Familie. Jeder Stein, jeder Strauch ist mit Erinnerungen verbunden. "Doch egal, wie weh mir das tut - meine Großeltern haben immer gesagt, man muss an die Jugend denken." Nickel meint damit das neue Rohne, das am Rand von Schleife entsteht und welches zur Heimat werden soll.

Njepila-Hof zieht mit

Und zu diesem neuen Rohne gehört auch der Njepila-Hof, eine Stätte im Dorf, in der sorbische Traditionen nicht nur bewahrt, sondern gelebt werden. Nickel ist Vereinsvorsitzender. Etwas anderes, als den in mühevoller Arbeit über viele Jahre auf- und umgebauten Hof 1:1 nach Neu-Rohne umzusetzen, kommt für ihn nicht infrage. "Das haben wir gefordert, und das ist auch so von der Gemeinde mit Vattenfall ausgehandelt worden." Wie das funktionieren könnte mit dem Umsetzen des Vierseitenhofes hat Nickel schon vor Jahren aufgeschrieben. "Solange mein Herz schlägt, kämpfe ich darum, dass so viele originale Teile des 206-jährigen Gebäudes erhalten bleiben", versichert Manfred Nickel.

Ein komplizierter Konflikt

Jörg Funda leitet den Ortschaftsrat in Rohne und gehört dem Schleifer Gemeinderat an. Beide Gremien haben sich gegen die Erweiterung des Tagebaus Nochten ausgesprochen. "Das bedeutet nicht, dass ich gegen den Bergbau bin. Aber wir wollen nicht umsiedeln. Das ist der komplizierte Konflikt, den wir aushalten müssen", sagt Funda. "Wir haben alles, was mit dem Abbaufeld II und der Umsiedlung zusammenhängt, vorbereitet und, damit es gut wird, mit ganzem Herzen geplant. Aber du planst eben etwas, was du eigentlich nicht willst", beschreibt Funda die Situation.

Doch bei allen negativen Begleiterscheinungen sei es gut, dass nun endlich Klarheit herrsche, die Hängepartie über sechs Jahre vorbei sei. "Immer wieder hat man sich gefragt, ob der Tagebau nun kommt oder nicht. Die Entscheidung jetzt hat einen reinigenden Effekt. Nun müssen wir uns der Zukunft zuwenden."

Nie wieder werde er mit seiner Familie so wohnen können wie jetzt am Rand von Rohne. Das kritisiert Tagebau-Gegner Ingo Schuster, einer von 1700 betroffenen Umsiedlern. "Für den Schutz von Tieren schafft der Staat Sondergenehmigungen, aber nicht für uns Umsiedler." Denn er habe keine Chance, in einer ähnlichen Lage im Außenbereich von Neu-Rohne zu bauen. Die Genehmigung sei ihm versagt worden.

Gut für den Arbeitsplatz

Eine, die sich über die Entscheidung pro Nochten II freut, ist Nicole Paulick. Die Klein Trebendorferin arbeitet bei Vattenfall als Spezialmechanikerin im Tagebau. "Es geht um meinen Arbeitsplatz, und da ist die Entscheidung gut." Dass sie dadurch umsiedeln muss, sei kein Problem für sie. "Womit ich ein Problem habe, das sind die Austauschflächen", gibt sie unumwunden zu. "Jetzt gehe ich über die Straße und habe Wald und Wiese vor mir."

Eigentlich wollte die gesamte Familie nach Schleife. "Aber die Bauvorschriften sind uns einfach zu eng gefasst." Es müsse mindestens anderthalbgeschossig gebaut werden, auch wenn das die Älteren nicht mehr wollten. Das sei nicht in Ordnung. "Wir haben zwar schon Grundstücke ins Auge gefasst, aber . . ."

Trebendorfs Bürgermeisterin Kerstin Antonius (WG Trebendorf) teilte den Gemeinderäten Mittwochabend in Mühlrose mit, dass der Plan für das Abbaugebiet Nochten II genehmigt worden ist. "Es ist schon eine komische Situation, wo wir so lange darauf gewartet haben, Planungssicherheit zu haben. Die Meldung muss nun jeder erst mal für sich verdauen, sie erst einmal überschlafen", so die Bürgermeisterin. Die Konzepte zur Umsiedlung seien schon sehr weit vorbereitet. Nun sei man aktiv dabei, den Grundlagenvertrag unterschriftsreif zu machen. "Das, was jetzt auf uns zukommt, muss gemeinsam gemeistert werden. Es ist keine einfache Sache", so Antonius. Aus wirtschaftlichen Aspekten sei die Genehmigungsentscheidung sehr bedeutend.

Überrascht, dass der Braunkohlenplan für Nochten II genehmigt wurde, ist Schleifes Bürgermeister Reinhard Bork (parteilos) nicht. Es sei richtig gewesen,

parallel zum Genehmigungsverfahren die Umsiedlung vorzubereiten und nicht erst jetzt damit zu beginnen. "Wir haben die Leute ins Boot geholt, können ihnen Angebote machen."

Ihm sei klar, dass das alles vor allem für die ältere Generation schwierig sei. "Wenn sie uns lassen, dann unterstützen und helfen wir ihnen", bekräftigt Bork. Der Schleifer Gemeindechef nennt als Beispiel die Vormerkaktion für Grundstücke. "Viele wollten erst einmal abwarten, ob der Tagebau tatsächlich kommt. Unser Kommunalberater Thomas Jansen hilft, damit die Betroffenen nicht das Gefühl haben, sie kommen zu spät." Reinhard Bork hätte sich gewünscht, dass zeitgleich mit der Genehmigung auch die ausgehandelten Umsiedlungsverträge mit Vattenfall unterzeichnungsreif wären. Er weiß von einigen, die nur auf das Signal aus Dresden warteten und so gut wie auf gepackten Koffern sitzen würden. Bork spricht von möglichem Termindruck.

"Mit der Genehmigung ist nun eine wichtige Grundlage erfüllt. Wir werden jetzt zeitnah mit den Gemeinden Trebendorf und Schleife Redaktionskonferenzen durchführen und parallel dazu die Vertragstexte in rechtssichere Formen bringen", erklärt Vattenfall-Sprecher Thoralf Schirmer dazu. "Gemeinsam werden wir es mit den Gemeinden vorantreiben."

Die Genehmigung hat das sächsische Innenministerium an bestimmten Maßgaben festgemacht. "Bei der Prüfung des Braunkohlenplans wurde bei einigen Aussagen ein Präzisierungsbedarf festgestellt. Nun muss der Verband überlegen, ob er dem folgt. Aber Auflagen wurden uns nicht erteilt", sagt Dr. Peter Heinrich, der die Geschäftsstelle des Regionalen Planungsverbandes Oberlausitz-Niederschlesien leitet. Am 2. April tagen dazu in Bautzen Braunkohlenausschuss und Verbandsversammlung. Wenn sie den Maßgaben, die laut Heinrich einleuchtend seien, folgen, trete die Genehmigung des Braunkohlenplanes in Kraft.

Zum Thema:
Der genehmigte Vorrat im Abbaufeld I des Tagebaus Nochten reicht laut Vattenfall bei einem Bedarf von circa 20 Millionen Tonnen Rohbraunkohle pro Jahr für die Stromerzeugung noch bis etwa 2027/2028. Deshalb benötigt das Unternehmen nach eigenen Angaben den Vorrat von rund 310 Millionen Tonnen im Abbaufeld II. Aufgrund ihrer Zusammensetzung ist die Kohle aus dem Tagebau Reichwalde nur eingeschränkt für das Kraftwerk Boxberg nutzbar. Parallel zum Genehmigungsverfahren für Nochten II haben die Gemeinden Trebendorf und Schleife mit Vattenfall Verträge für eine sozialverträgliche Umsiedlung verhandelt. Dazu gehört der Umsiedlungszeitraum für 1700 Betroffene. Er reicht vom 1. April 2015 bis Ende 2018 für Klein Trebendorf und Schleife südlich der Bahn. Für Mühlrose, Rohne und Mulkwitz umfasst es die Zeit vom 1. April 2015 bis 31.Dezember 2021. Bergbaulich werden erste Vorfeldbereiche in Anspruch genommen.