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| 16:04 Uhr

Interview
„Sechs Kfz-Kennzeichen sind ein Unding“

Der Landkreis Görlitz feiert zehn Jahre des Bestehens. Der Landrat sieht auch allen guten Grund dafür  Von Torsten Richter-Zippack

Ist das Jubiläum zehn Jahre Landkreis Görlitz für Sie ein Grund zum Feiern?

Lange Jawohl, natürlich ist das ein Grund zum Feiern. Die Menschen in unserem Landkreis haben so viel geschaffen wie die Weiterentwicklung des Findlingsparks Nochten, der Muskauer Waldeisenbahn mit ihrer neuen Strecke zum Schweren Berg und die fortlaufenden Sanierungen im Muskauer Park, um nur ein paar Beispiele aus dem Norden des Kreises zu nennen. Darüber hinaus beobachte ich eine große Bereitschaft der ehrenamtlich Tätigen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Wie sieht Ihre persönliche Zehn-Jahre-Landkreis-Bilanz aus?

Lange Durchwachsen. Zum einen haben wir gerade im Bildungsbereich eine Menge geschafft. Ich erinnere dabei an die Sanierung des Berufsschulzentrums in Weißwasser und an den Neubau der Förderschule Rietschen, ebenso diverse Maßnahmen im Straßenbau. Zum anderen hätten wir aber im Strukturwandel und bei der Braunkohle schon weiter sein können. Die große Politik muss uns endlich sagen, bis wann der Kohleausstieg erfolgen soll. Wir brauchen dazu verbindliche Ansagen.

Würden Sie heute noch einmal das Gebiet zwischen Muskauer Faltenbogen und Zittauer Gebirge zu einem Landkreis zusammenführen?

LangeUnser Landkreis besitzt eine künstliche Struktur. Für mich ist dieser Zuschnitt aber richtig. Beispielsweise, weil wir über rund 190 Kilometer Staatsgrenze verfügen. Geht es um die dortige Sicherheit und Infrastruktur, wäre es hinderlich, wenn sich daran mehrere Kreise beteiligen müssten. Darüber hinaus ergänzen sich der Kreisnorden und Süden vorteilhaft. Im Süden haben wir den Strukturwandel schon ganz gut hinbekommen. Davon kann der strukturschwächere Norden  profitieren.

Hat sich inzwischen eine eigene Identität der Bewohner des Landkreises gebildet?

Lange Solch ein Prozess erstreckt sich über mehrere Generationen. Längst nehmen unsere Einwohner den Landkreis Görlitz als Einheit wahr. Es gibt ja auch viel Verbindendes. Ein Beispiel sind unsere Schmalspurbahnen. Sie dampfen sowohl zwischen Weißwasser, Bad Muskau und Kromlau, als auch von Zittau ins Gebirge. Der Kreissportbund ist ebenfalls eine Einheit, ein Prozess, der keineswegs völlig problemlos über die Bühne ging.

Allerdings gibt es sechs gültige Kfz-Kennzeichen für den Landkreis Görlitz. Ist das für eine gemeinsame Identität nicht hinderlich?

LangeDas sehe ich genauso. Die aktuelle Regelung müssen Politiker entschieden haben, die noch nie einen Kreis unter ihren Fittichen hatten. Klar, dass es viele Lokalpatrioten gibt, aber wir alle sind nun mal Einwohner des Landkreises Görlitz, also Kennzeichen GR. Sechs verschiedene Kennzeichen sind ein Unding.

Sind Ihrer Meinung nach weitere Kreisreformen in Sachsen sinnvoll, beispielsweise ein Oberlausitz-Kreis, bestehend aus Görlitz und Bautzen?

Lange Ich halte von Kreisreformen ohnehin wenig. Denn bei jeder Änderung, also Kreisvergrößerung, kommt es zu einer weiteren Entfernung von den Bürgern. Hätten wir in Sachsen noch größere Verwaltungsgebilde, könnte man bereits von Amtshauptmannschaften sprechen. Die würden dann aber kaum noch kreisliche Aufgaben wahrnehmen. Und ich glaube, ein solches Modell wäre unseren Menschen nicht mehr vermittelbar.

Was sind die wichtigsten Landkreis-Projekte der vergangenen zehn Jahre?

Lange Wir haben allein im Bildungsbereich eine dreistellige Millionensumme investiert. Dazu gehören unter anderem die Sanierung der Berufsschulzentren Zittau und Löbau, der Gymnasien in Zittau und Seifhennersdorf sowie die Etablierung des Förderschulstandortes Rietschen. Bei letzterem haben wir den Standort gestärkt, da dort Schüler aus dem gesamten Landkreis unterrichtet werden.

Was ist weniger gelungen?

Lange Wir sind in der Entwicklung des Rothenburger Flugplatzes steckengeblieben. Nach dem Absprung des chinesischen Großinvestors brauchen wir dringend eine Ansiedlung, um den Standort zu erhalten. Des Weiteren wurmt mich, dass die B 178 zwischen der A 4 und Zittau noch immer nicht vollendet ist. Die Planung zieht sich in die Länge. Ich hoffe, dass die Trasse zu Beginn der 2020er-Jahre komplett befahrbar ist, zumal schon jetzt über die Nordverlängerung in Richtung Niederlausitz nachgedacht wird.

Worin sehen Sie die derzeit größte Herausforderung fim Kreis?

Lange Das ist ganz klar der Strukturwandel. Es geht um nichts Geringeres als darum, heute die Weichen zu stellen, wie es der Region in 40 oder 50 Jahren geht. Wir haben mit unserer Lage im Herzen Mitteleuropas beste Chancen. Wichtig ist, dass möglichst bald geklärt wird, wie es mit der Braunkohle weitergeht, und wie die Zukunft in den Görlitzer Siemens- und Bombardier-Werken sowie beim Nieskyer Waggonbau gestaltet werden kann. Ich bin da sehr zuversichtlich. Keinesfalls vergessen möchte ich unsere Land-, Forst- und Teichwirtschaft. Und ich betone, dass es die Land-, Forst- und Teichwirte sind, die diese über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft pflegen und weniger die Naturschützer.

Auf was sind Sie im Landkreis am meisten stolz?

Lange Das sind zweifelsohne seine Menschen. Seit dem Jahr 1990 weht ihnen wirklich auch ein rauher Wind entgegen. Viele haben die Chance ergriffen, ein Unternehmen zu gründen, ohne zu wissen, ob es klappt. Das verdient größten Respekt.

Mit Bernd Lange
sprach Torsten Richter-Zippack