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| 16:52 Uhr

Ausgezeichnet in Sachsen
Schwedenurlaub ist „schuld“ am Preis

 Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl freuen sich über ihren Preis. Doch Ausruhen, noch dazu im Zelt, gilt keineswegs. Denn jetzt heißt es, weiter aktiv werden, was die Vermarktung ihrer Homepage betrifft.
Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl freuen sich über ihren Preis. Doch Ausruhen, noch dazu im Zelt, gilt keineswegs. Denn jetzt heißt es, weiter aktiv werden, was die Vermarktung ihrer Homepage betrifft. FOTO: Christine Schulz
Kringelsdorf. Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl aus Kringelsdorf freuen sich über den Sächsischen Tourismuspreis für ihr Portal „1 Nite Tent“. Die Ehre ist allerdings auch mit Arbeit verbunden. Von Regina Weiß

  Vom Boxberger Ortsteil Kringelsdorf bis zur Grenze nach Weißrussland sind es rund 900 Kilometer. Nicht gerade die nächste Ecke, wo man eine sächsische Idee verorten würde. Und dennoch hat sie es dorthin geschafft. Willy Klein aus Bad Muskau, der mit dem Fahrrad zwischenzeitlich das Baltikum erreicht hat, hat dafür gesorgt, dass die Plattform „1 Nite Tent“ (eine Nacht im Zelt) nun auch in Weißrussland ihren ersten Standort vermelden kann. Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl aus Kringelsdorf freuen sich darüber. Und nicht nur über das. Im Moment erleben sie einen einzigen Freudentaumel.

Ende Juni sind die beiden Lausitzer im Ideenwettbewerb „So geht sächsisch“ für ihre digitale Landkarte mit Angeboten fürs freie Zelten auf Privatgrundstücken ausgezeichnet worden (die RUNDSCHAU berichtete). Aus anfangs 200 Bewerbungen kristallisierten sich 30 heraus. Dann entschied die Jury. Zu den acht Preisträgern zählen auch die Kringelsdorfer.

Das geschafft zu haben, müssen sie erst mal sozusagen sacken lassen. Zu dem 10 000 Euro-Preisgeld sagt Anne-Sophie beispielsweise, dass das für sie nach wie vor eine unvorstellbare Summe sei. Diese komme aber genau zur rechten Zeit, denn ihr Projekt soll wachsen. Nur allein von persönlichem Engagement der beiden nicht unbedingt machbar. Da helfe sozusagen jeder Euro. Außerdem ist das auch die Intention, die sich hinter dem Preis „verbirgt“. Das Preisgeld soll Verwendung finden, um die Ideen weiter zu qualifizieren. Großes Ziel ist es, dass sich alle acht Preisträger bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin 2021 präsentieren sollen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Wie hat die Geschichte eigentlich angefangen. Ein Schwedenurlaub ist sozusagen „schuld“ am Preis und ein bisschen auch der Wein. In Schweden gilt bekanntlich das Jedermanns-Recht. Das ist ein Gewohnheitsrecht, welches allen Menschen bestimmte grundlegende Rechte bei der Nutzung der Wildnis und gewissen privaten Landeigentums zugesteht. Darunter fällt auch das Zelten. Dieses Zelten am Strand oder in der schönen Natur hat nachgewirkt. Wäre so etwas nicht auch für Deutschland denkbar? Eine Frage, die er dann schon bei der Rückfahrt im Auto stellt. Patrick Pirl hätte damals gern eine Pause gemacht und das Zelt für eine Übernachtung genutzt. Doch Wildcampen kann einem in Deutschland echt teuer zu stehen kommen.

In einer lauen Sommernacht auf einem Balkon in Dresden wird die Frage wieder aufgenommen. Hier kommt der Wein ins Spiel, er beflügelt die Gedanken ... Denn diese Freiheit in Schweden zu genießen, sei der eine Punkt gewesen. Doch dieses Jedermannsrecht habe ja noch viel mehr in petto, wissen Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl seitdem. Es hat den beiden unvergessliche Erlebnisse beschert. „Wir fühlten uns so beschenkt“, erinnert sich Anne-Sophie und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Die Geschenke waren Emotionen wie Herzlichkeit bis hin zur Teilhabe am Leben der Gastgeber durch spontane Einladungen oder Tipps für den Urlaub. Etwas, was der Pauschalurlauber allgemein nicht unbedingt erfährt.

Wem das jetzt bekannt vorkommt, der hat vielleicht schon etwas von Couchsurfing gehört oder es sogar selbst ausprobiert. Hierbei stellt man Gästen aus anderen (Bundes)-Ländern eine Couch oder ein Bett für die Übernachtung zur Verfügung. So ähnlich läuft eine „1 Nite Tent“. Private Grundstückbesitzer stellen die Wiese in ihrem Garten für eine Übernachtung an den Camper bereit. Derzeit nähert sich das Angebot den 100. „Unser Hotspot ist natürlich noch die Lausitz“, weiß Anne-Sophie. Dort wurde ihre Facebook-Seite zuerst gelikte und fand Unterstützer. So auch in der Raumpionierstation Oberlausitz. Vor einem Jahr ist die Internetseite online gegangenen. Und wächst seitdem.

Das Angebot ist zudem mehr als nur ein Platz zum Schlafen für eine Nacht. Es steht für Gastfreundschaft und Weltoffenheit. Sicherlich wichtige Dinge in den heutigen Zeiten, finden die Initiatoren. Der 32-Jährige und seine 30-Jährige Partnerin wollen mit ihrer Plattform nicht nur den sozialen Austausch fördern, sondern auch die Menschen an den Campingerlebnissen teilhaben lassen. Noch ist die Blog-Funktion der Internetseite etwas vernachlässigt, aber das soll sich nun bald ändern.

Außerdem planen die beiden Campingfreunde eine Sommertour von Campingwiese zu -wiese. Diese soll, so ist es der Plan, in einem Buch münden, kündigt Patrick Pirl an. Er verweist im Gespräch mit der RUNDSCHAU auf den Verkehrsclub Deutschland und Yooweedoo, die Zukunftsmacher. Von beiden wird „1 Nite Tent“ ebenfalls unterstützt. Dabei geht es um nachhaltiges Reisen. Zu Fuß, mit dem Rad, per Bahn oder dem ÖPNV soll möglichst das eigene Land erkundet werden. Dass man dabei durchaus zu Herzen gehenden Erlebnisse haben kann, wissen Hußler und Pirl aus eigener Erfahrung. Von Kringelsdorf sind sie im vergangenen Sommer losmarschiert. Nach drei Stunden waren sie in Neuliebel und damit im Nachbardorf Rietschen. Und doch war es wie das Erkunden einer anderen kleinen Welt. Eintauchen in die Natur beim Wandern durch dieselbe und dann gibt es ein Ankommen wie bei guten Freunden. So passiert es im besten Fall. Und die Gastgeber haben auch was davon, denn zu ihnen kommen Gesprächspartner und ihre Geschichten. So haben alle Seiten etwas davon.

Eins wollen Patrick Pirl und Anne-Sophie Hußler noch entkräften: Sie sind nicht angetreten, um dem gewerblichen Camping-Tourismus Konkurrenz zu machen. Ihr Angebot ermöglicht vielmehr Interessenten, unabhängig vom eigenen Geldbeutel Urlaub zu machen. Denn die Kringelsdorfer können belegen, dass sich jeder Sechste in Deutschland eine Reise nicht leisten kann.

Siehe Internetseite: https://1nitetent.com/

 Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl freuen sich über ihren Preis. Doch Ausruhen, noch dazu im Zelt, gilt keineswegs. Denn jetzt heißt es, weiter aktiv werden, was die Vermarktung ihrer Homepage betrifft.
Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl freuen sich über ihren Preis. Doch Ausruhen, noch dazu im Zelt, gilt keineswegs. Denn jetzt heißt es, weiter aktiv werden, was die Vermarktung ihrer Homepage betrifft. FOTO: Christine Schulz