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| 01:41 Uhr

Schleifkanne von 1491 in Görlitz übergeben

Auch eine Ministerin kann nicht alles wissen. „Ich habe heute früh nach dem Begriff ‚Schleifkanne' gegoogelt, weil ich wissen wollte, was sich dahinter verbirgt“, bekannte die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange (SPD), vor einigen Tagen bei ihrem Besuch im Schlesischen Museum zu Görlitz. Schließlich war sie gekommen, um die jüngste Neuerwerbung des Museums gebührend zu feiern. Von Uwe Menschner

Die Recherche im Internet brachte ein recht skurriles Ergebnis: "Die gefüllte Kanne war so schwer, dass man sie nicht anheben, sondern nur über den Tisch schleifen konnte." Verwendung fand das Gefäß bei den Freisprechungsfeiern für die Lehrlinge, die daraus ihren Gesellentrunk nahmen - so weit die von Eva-Maria Stange "ergoogelte" Version. Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums, kennt noch weitere Erklärungen für den Begriff "Schleifkanne". "Es könnte sich um ein Sinnbild dafür handeln, dass die jungen Gesellen von ihren älteren Kollegen traktiert, also geschliffen, wurden", meint er.Wie dem auch sei: Jedenfalls spielten Schleifkannen, wie die jetzt vom Schlesischen Museum erworbene, eine wichtige Rolle bei den feierlichen Zusammenkünften - oder auch Gelagen - der früheren Handwerkszünfte. Dass das Schlesische Museum so ein wertvolles Stück - deutschlandweit gibt es nur noch ein knappes Dutzend davon - jetzt sein Eigen nennen kann, verdankt es einer Reihe von großzügigen Spendern. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, die Kulturstiftung der Länder sowie das sächsische Kunstministerium beteiligten sich am Erwerb der Kanne, die sich zuvor im Besitz eines Augsburger Kunsthändlers befand. "Der Preis lag im fünfstelligen Bereich", so Dr. Markus Bauer. Über den genauen Betrag habe man Stillschweigen vereinbart. Mit 36 Zentimetern ist die neue Schleifkanne des Schlesischen Museums außergewöhnlich klein - "normalerweise maßen diese Gefäße 60 bis 70 Zentimeter". Laut Datierung am Gefäßrand stammt sie aus dem Jahre 1491, Form und Dekor erinnern an hochstrebende gotische Kirchenwände. "Der Typus der Schleifkannen bildete sich im 15. Jahrhundert in Schlesien, vermutlich in Breslau, heraus", erklärt der Direktor des Schlesischen Museums. "Sie entstanden nur in einem kurzen Zeitraum und wurden dann durch andere Gefäßformen ersetzt." Die wenigen noch vorhandenen Exemplare werden allesamt in Museen aufbewahrt. Für Kunstministerin Eva-Maria Stange ist die Unterstützung des Schlesischen Museums auch weiterhin eine wichtige Angelegenheit: "Der Landtag hat im Zuge des neuen Doppelhaushaltes einer Aufstockung der Mittel um 50.000 Euro ohne Diskussion zugestimmt", verkündete sie. Immerhin spiele das Museum eine wichtige Rolle in der Konzeption für die Landesausstellung "Via Regia", die 2011 in Görlitz stattfindet.Für 2009 plant das Schlesische Museum Sonderausstellungen zur Bunzlauer Keramik, zu schlesischen Parlamentariern im 20. Jahrhundert sowie zu schlesischen Künstlerinnen von 1880 bis 1945. Außerdem soll das Museumsangebot verstärkt auf Tagestouristen und Reisegruppen ausgerichtet werden, die man bislang noch nicht im gewünschten Maße erreichen.