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Bürgermeister-Gespräch
Der Nachholbedarf in den Dörfern ist enorm

Reinhard Bork schwingt bei der Grundsteinlegung für den deutsch-sorbischen Schulkomplex die Maurerkelle.
Reinhard Bork schwingt bei der Grundsteinlegung für den deutsch-sorbischen Schulkomplex die Maurerkelle. FOTO: Regina Weiß / LR
Schleife. Das veränderte Revierkonzept hat Schleife vor völlig neue Herausforderungen gestellt.

In einer Interview-Reihe mit den Verwaltungschefs der Region schauen diese auf das Jahr 2017 zurück und geben Auskunft zu 2018. Heute: Reinhard Bork (67/parteilos), Bürgermeister der Gemeinde Schleife.

Herr Bork, vor einem Jahr stand über dem Interview mit Ihnen „Das Wichtigste 2017: Klare Entscheidung zu Nochten II“. Drei Monate später lag diese auf dem Tisch. Wie würden Sie die Leag-Entscheidung gegen die Tagebau-Erweiterung mit nur einem Wort beschreiben? Als Katastrophe?

Reinhard Bork: Nein, Katastrophe trifft es überhaupt nicht. Und in einem Wort lässt sich das schwer sagen, denn jeder empfindet es ja anders. Ich sehe es irgendwie als Befreiung. Endlich wussten wir alle, woran wir sind. Diese Klarheit war wichtig, sie hätte viel eher ausgesprochen werden müssen. 2014 zum Beispiel, als die ganze Hängepartie begann… Für einige war das neue Revierkonzept der Leag Ende März eine gute Nachricht – gerade für die Älteren, die nun im höheren Alter nicht umsiedeln müssen. Viele Jüngere sehen es anders. Sie hatten sich mit der Umsiedlung angefreundet, darin auch eine Chance gesehen. Durch einige Familien geht ein regelrechter Riss in dieser Sache.

Warum?

Bork: Ganz einfach: Seit etwa zehn Jahren hat sich alles nur noch um das Thema Umsiedlung gedreht. Oftmals haben sich mehrere Generationen eingeschränkt, leben auf kleinstem Raum auf den alten Höfen. Die jungen Leute freuten sich verständlicherweise auf neue Häuser am neuen Standort. Nun muss niemand mehr aus unseren Dörfern oder Schleife-Süd sein Dorf verlassen, weil die Kohlebagger vor der Haustür stehen.

Was ist die Konsequenz?

Bork: Der Nachholbedarf, was Bau- und Sanierungsvorhaben angeht, ist enorm. Aber es gibt auch junge Leute, die hier ihre Felle davonschwimmen sehen, was Arbeitsplätze angeht, sollte eines Tages mit der Braunkohle Schluss sein. Es sind schon einige weggezogen. Die Reihen in Vereinen lichten sich, es fehlt schon hier und da Jugend, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe Sorge, dass dadurch Einiges zum Erliegen kommen könnte.

Was kann getan werden, um die Jugend hier zu halten?

Bork: Die Ex-Umsiedlungsgebiete müssen zum Beispiel schnellstmöglich für die Zukunft tauglich gemacht werden. Das hat für mich jetzt Vorrang. Hier gibt es schon konkrete Vorstellungen und Projekte in Rohne und erste Ansätze in Mulkwitz. Jetzt geht es darum, Dorfentwicklungskonzepte aufzustellen. In Rohne könnten sich junge Familien ansiedeln. Grundstücke gibt es etliche. Bedauerlich ist:  Sachsen hat derzeit keine Förderprogramme. Da sollte sich etwas ändern.

Sie haben wiederholt betont, in einer Gemeinde darf es nicht Bürger zweier Klassen geben…

Bork: Ja, das ist immer noch meine Meinung, wenn ich nur an den Wärmeliefervertrag denke. Davon sollten auch die Umsiedler an den neuen Wohnorten profitieren. Das war vom Unternehmen zugesagt. Die Leag hat davon Abstand genommen.  Auf Drängen von Trebendorf und uns gab es ein Angebot. Aus unserer Sicht nicht akzeptabel. Wir haben beide ein Gegenangebot gemacht – aus unserer Sicht eine faire Sache für die Leag und die Kommunen. Dazu laufen die Gespräche. Außerdem sind wir mit Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg und Spreegas dabei, ein Konzept für die Wärmeversorgung über ein Gasnetz in den Ortsteilen vorzustellen. Wir sehen eine Möglichkeit für eine gemeinsame Trasse mit Abwasser und Breitband. Aber zeitgleich funktioniert das wohl nicht. Jedes Unternehmen bringt seine eigene Tiefbaufirma mit. Das bedeutet, dass Straßen wohl oder übel mehrfach aufgerissen werden müssen. Wir hoffen, dass wenigstens auf den privaten Grundstücken nur einmal geschachtet werden muss. Die Leute erklären uns für verrückt, wenn sie dreimal buddeln müssen. Im öffentlichen Raum ist das wohl nicht zu verhindern.

Vor dem Hintergrund des neuen Revierkonzeptes sind Ende Mai die drängendsten Maßnahmen im Bereich der kommunalen Infrastruktur besiegelt worden – und das mit den Unterschriften von Schleife und Trebendorf, vom Landrat, von der Leag und der sächsischen Staatskanzlei.  Einige Punkte dieses Nachholbedarfs haben Sie schon angesprochen.  Was gehört noch dazu?

Bork: Es geht um die Abwasserentsorgung, Breitbandversorgung, den Neubau der Kita Rohne sowie die Ausstattung und die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr. Wir haben unsere Hausaufgaben dazu gemacht, Beschlüsse gefasst, entsprechende Vorplanungen angestellt, sodass der sich abzeichnende Eigenanteil beziffert werden kann. Das drängendste Thema im Hinblick auf die Umsetzung dieser Vorhaben ist dabei die Frage, wie wir vor dem Hintergrund des verordneten Haushaltsstrukturkonzeptes die Mittel für die Anschubfinanzierung beziehungsweise die weiteren Planungsschritte aufbringen können.  Der Leag muss man zugutehalten, dass uns das Unternehmen bei der Realisierung unterstützen möchte, wobei es von Fall zu Fall geprüft wird. Irgendwelche Summen stehen nicht im Raum. Ein Ja gibt es bereits, was die Restaurierung von noch 50 sorbischen Grabsteinen für Rohne angeht.

Wie weit ist es beim Thema Förderung Bio-Kleinkläranlagen? Das Land hat den Betroffenen jeweils 1500 Euro zugesagt.

Bork: Es steht die Frage noch im Raum, wie die zugesagten Fördergelder abgesichert werden für die Bürger, deren Grundstücke zukünftig dauerhaft dezentral entsorgt werden, aber auch für uns als Gemeinde im Hinblick auf den weiteren Ausbau der zentralen Entsorgung. Aber ich habe keine Sorge, dass Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmer die Situation hier vergisst. Er hat zwar jetzt eine andere Sicht und viele Baustellen in Sachsen, aber ihm müssen wir wohl keine langen Briefe schreiben. Positiv ist auch, dass Dr. Jens Albrecht weiterhin in der Staatskanzlei tätig ist. Zu ihm haben wir den direkten Draht und sitzen Mitte Januar zum Thema Abwasser zusammen.

Aber hinter Breitbandausbau steht kein Fragezeichen mehr, oder?

Bork: Das stimmt. Wir haben den Bewilligungsbescheid für 50 Prozent Förderung vom Bund und die Zusage für 40 Prozent vom Land erhalten, und Sachsen will ja auch noch die restlichen zehn Prozent übernehmen. Das wäre eine große Erleichterung für uns.

Wo drückt ansonsten der Schuh?

Bork: Schleife braucht in Gänze ein Entwicklungskonzept. Zehn Jahre waren wir auf Umsiedlung ausgerichtet. Nun kommen wir an die Flächen nicht heran, die wir für Ansiedlungen und Eigenheimbau benötigen, weil sie der Leag gehören. Hier besteht unbedingt Handlungsbedarf. Denn wir haben nicht mehr viele Möglichkeiten für Lückenbebauung. Mich beschäftigt auch, wie es mit dem Gewerbegebiet weitergeht. Laut Schleifer Vertrag von 2008 hatte sich das Bergbauunternehmen verpflichtet, es zu entwickeln.

Das war zu Vattenfall-Zeiten ...

Bork: Und zu Zeiten, als die bundesdeutsche Energiepolitik noch verlässlich erschien. Das ist sie längst nicht mehr. Sie ist unkalkulierbar  und zu einem Risiko für die Menschen im Lausitzer Revier geworden. Und das hört anscheinend nicht auf, wie die Sondierungsgespräche der Kanzlerin mit den Grünen und der FDP uns gelehrt haben. Wenn die Kanzlerin ohne Zögern bereit war, sieben Gigawatt Braunkohlestrom zu opfern und damit unsere Region, dann sagt das viel. Energiewende ist ja gut und schön, aber sie muss handwerklich gut gemacht werden. Chaotische Zustände braucht niemand und auch nicht, dass am Ende noch der Braunkohlestrom in den Nachbarländern eingekauft wird. Wir können nicht zusehen, dass mühsam Erarbeitetes wie der Industriepark Schwarze Pumpe und, und, und infrage gestellt werden. Da liegt mir jegliches Kirchturmdenken fern, weswegen ich die Lausitzrunde auch mit Kräften unterstütze. Wir brauchen vom Bund verlässliche Zusagen für die Strukturentwicklung. Hier geht es um Tausende Arbeitsplätze. Ich verstehe die Leute hier, dass sie aus lauter Frust und Verbitterung so gewählt haben. Sie sehen doch, wie sehr wir um alles ringen müssen, aber der Bund für andere Sachen Geld zur Genüge ausgibt. Wir haben über lange Zeit die Energiepolitik mitgetragen. Das kann jetzt nicht der Dank dafür sein. In Deutschland läuft einiges aus dem Ruder…

Trauen Sie Angela Merkel zu, dass Sie das Ruder noch einmal rumreißt?

Bork: Nein, es ist Zeit für einen Rücktritt. Ich war immer Merkel-Befürworter, aber davon hab ich mich völlig gelöst. Es geht mir nicht nur um Deutschland, sie setzt Europa aufs Spiel.

Kommen wir zurück nach Schleife. Was war 2017 ein besonderer Grund, sich als Bürgermeister zu freuen?

Bork: Das war die Grundsteinlegung für den Schulkomplex  im September. Was mussten wir für Steine aus dem Weg räumen bis dahin. Ich darf gar nicht daran denken, denn eigentlich sollte der Komplex schon 2015 fertig sein, stand im Schleifer-Vertrag mit Vattenfall geschrieben. Stattdessen stand das Vorhaben mehrmals auf der Kippe. Nun läuft der Bau, und ich bin heilfroh über die Baufirma Sächsischer Landbau Bautzen, die sich total in den Rohbau reinkniet und schon viel geschafft hat. Jetzt sind sogar die Umrisse der Grundschule schon zu erkennen. Traurig nur, dass immer wieder Diebe auf der Baustelle unterwegs sind.

Was sagen Sie dazu, dass sich die Mühlroser so eindeutig für Schleife als neuen Wohnort entschieden haben?

Bork: Das freut mich sehr. Ich hoffe, die Sache zieht sich nicht ewig hin, und ich erwarte, wir werden von der Leag in die weiteren Planungsschritte für die Umsiedlung einbezogen.

Mit Waldemar Locke ist ein Mühlroser jetzt zum neuen Bürgermeister der Gemeinde Trebendorf gewählt worden…

Bork: Ich kann nur hoffen, dass die Bürger ihm eine faire Chance geben. Als Bürgermeister-Kollege stehe ich ihm gern zur Seite. Vernünftig zusammenarbeiten in der Verwaltungsgemeinschaft – das ist wichtig. Wir drei, also Waldemar Locke für Trebendorf, Helmut Krautz für Groß Düben und ich sitzen in einem Boot. Da muss die Schlagzahl stimmen.

Und was ist mit Ihrer Schlagkraft? Stichwort Gesundheit.

Bork: Gesundheitlich hat es mich 2017 etwa ein Vierteljahr aus der Bahn geworfen. Jetzt fühle ich mich wieder gut und habe auch einiges an meinem Arbeitspensum geändert, trete schon kürzer und versuche die Wochenenden freizuhalten. So oft wie früher brennt dann hier kein Licht mehr im Büro. Sonntagnachmittag ist Enkeltag. Eigentlich… Meinen Stellvertretern bin ich sehr dankbar, dass diese die Aufgaben übernommen haben. Vor allem Jörg Funda musste ja ins kalte Wasser springen und hat das super gemacht. Es war genau die Zeit, als es um den Maßnahmenplan ging. Der ist in erster Linie sein Verdienst und der von Amtsleiter Steffen Seidlich. Es hat gut funktioniert.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Bork: Würde ich mir eine  bessere „Chemie“ in der Verwaltung wünschen. Wir beschäftigen uns teilweise zu viel mit uns selbst. Ich vermisse vor allem manches Mal Vernunft, wenn es um die Sicht auf Dinge geht. Nicht das Kleine sollte im Fokus stehen, sondern das Ganze …

Mit Reinhard Bork sprach
GAbi Nitsche

Manfred Hermasch (l.) hat sein Mandat als CDU-Gemeinderat niedergelegt. Bürgermeister Reinhard Bork dankte dem Rohner für dessen unermüdlichen Einsatz im Interesse der Gemeinde Schleife. Foto: ni
Manfred Hermasch (l.) hat sein Mandat als CDU-Gemeinderat niedergelegt. Bürgermeister Reinhard Bork dankte dem Rohner für dessen unermüdlichen Einsatz im Interesse der Gemeinde Schleife. Foto: ni FOTO: Gabi Nitsche