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| 21:46 Uhr

Engagiert im Amt
Schleifer Pfarrerin reißt Mauern ein

Am liebsten ist Pfarrerin Jadwiga Mahling in ihrem Kirchspiel mit dem Fahrrad auf Achse. Die Entfernungen zwischen den Dörfern sind kurz.
Am liebsten ist Pfarrerin Jadwiga Mahling in ihrem Kirchspiel mit dem Fahrrad auf Achse. Die Entfernungen zwischen den Dörfern sind kurz. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Schleife. Seit einem Jahr ist Jadwiga Mahling im Pfarrdienst. Jetzt lädt sie zu politischen Gesprächen. Von Torsten Richter-Zippack

Eigentlich, so sagt Jadwiga Mahling, fühlt sie sich im Schleifer Kirchspiel rundum wohl. „Mit unseren 1700 Gemeindegliedern in den acht Dörfern haben wir eine Menge Potenzial, viele Menschen wollen sich engagieren. Es läuft also, und ich bin sehr gern hier.“ Aber in den Dörfern und Städten der Region gibt es eine Entwicklung, die die Pfarrerin sehr beunruhigt.

„Es tut mir persönlich weh, wenn Leute, die 40 Jahre hinter Mauern lebten, jetzt nach neuen Mauern und Grenzen rufen.“ Mehr noch: „Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen.“ Schließlich, so sieht es Jadwiga Mahling, habe die Lausitz nur eine Zukunft in einem geeinigtem, grenzenlosen Europa.

Um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, gehört die Kirchenfrau zu den Protagonisten einer neuen Veranstaltungsreihe. „Forum Kirche und Gesellschaft“ lautet der Titel dieser Gespräche zu vorwiegend politischen Themen. Außerdem ist eine Fürbittenreihe angedacht. Dabei formulieren die Gemeinden aus dem Kirchenkreis der schlesischen Oberlausitz ihre Anliegen, und die weiteren Gemeinden beten dafür. „Wir setzen auf die stärkende Kraft des Gebets“, erklärt Jadwiga Mahling.

Sie beklagt, dass viele Menschen gerade beim Thema Migranten und Flüchtlinge große Wissenslücken haben, die es mit Wissen zu füllen gelte. „Ich selbst habe über ein Jahr im Libanon und in Syrien gelebt und kenne die dortigen Gesellschaften und Befindlichkeiten der Menschen ganz gut. Daher kann ich hierzulande häufig geschürten Vorurteilen mit Fachwissen entgegentreten“, sagt die Kirchenfrau. Nach vorherigen Gesprächen, so berichtet die 34-Jährige, sind nicht wenige Leute auf sie zugekommen, um sich für die neuen Sichtweisen zu bedanken.

Darüber hinaus setzt Jadwiga Mahling stark auf die Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Gemeinde. Wenn alles klappt wie geplant, soll noch in diesem Jahr auf dem Schleifer Pfarrgelände ein Bibelspielplatz gebaut und eingeweiht werden. Mittelpunkt, so erklärt die Pfarrerin, bildet eine hölzerne Arche Noah, die die Kinder erobern dürfen.

Ebenfalls ganz neu sind die Kirchenmäuse. Ab September treffen sich Null- bis Dreijährige mit ihren Eltern bei der neuen Gemeindepädagogin Carolin Jakob. „Wir wollen Kinder und Eltern auch direkt nach der Taufe aktiv weiter begleiten“, sagt Mahling. Dass dieses Engagement honoriert wird, zeigen die jüngst stattgefundenen Bibeltage. Über 30 Kinder hatten daran teilgenommen, dabei längst nicht alle aus religiös gebundenen Familien. Und demnächst können die „Konfis“, die künftigen Konfirmanden, in der Schleifer Kirche übernachten. „Wir setzen auf Erlebnisse. Davon werden die Teilnehmer noch in zehn oder 20 Jahren erzählen“, ist sich die Pfarrerin sicher.

Ganz besonders am Herzen liegt der gebürtigen Bautzenerin die Bewahrung des Sorbischen im Kirchspiel. „Anfangs hatten die Gemeindeglieder Bedenken, ob die Gottesdienste fortan nur noch in Sorbisch stattfänden. Aber ich habe Ihnen erklärt, dass ich auch fließend Deutsch spreche“, berichtet Jadwiga Mahling augenzwinkernd. Seit dem Jahr 2015 gibt es die sorbischen Pfadfinder, die sich alle zwei Wochen treffen, um Gottes gute Schöpfung zu entdecken. „Wir besuchen dabei auch ältere Menschen im Kirchspiel, die wiederum aus ihrem Leben berichten, teilweise auf Sorbisch. So lernen die Kinder ihre Heimat besser kennen und lieben“, erklärt Mahling. Sie selbst ist seit 80 Jahren die erste sorbischsprachige Pfarrerin in Schleife. Im Jahr 1938 wurde der ebenfalls sorbisch sprechende Kirchenmann Gottfried Rösler von den Nazis ausgewiesen.

Kurios: Obwohl Jadwiga Mahling eine lebensbejahende Frau voller Energie ist, vollzieht sie besonders gern Beerdigungen. „Natürlich ist der Anlass immer tief traurig, dafür ergeben sich aber mit den Hinterbliebenen beste und tiefste Gespräche“, berichtet sie aus ihren Erfahrungen. „Die Menschen schenken einem Vertrauen. Das ist eine der höchsten Wertschätzungen, die man erfahren kann.“ Pro Jahr summieren sich die kirchlichen Beerdigungen auf 30 bis 40. „Aber ich würde mich auch sehr freuen, wenn sich mal wieder jemand für eine große sorbische Hochzeit mit allem Drum und Dran entschlösse“, so Mahling.

Nächster Termin Gesprächsreihe
Forum Kirche und Gesellschaft,
Dienstag, 28. August, 18 Uhr
in Weißwasser (Kirchstraße 2)