Von Gabi Nitsche

Es ist einer der unschönen Herbsttage mit viel Wind und viel Regen. Die jahrhundertalte Eiche hinter seinem Atelier musste in ihrem früheren Leben ganz anderen Wetterunbilden standhalten. „Stark wie eine Eiche eben…“ Doch wenn Holzkünstler Thomas Schwarz an der Skulptur arbeitet, kann er Regen nicht gebrauchen.

Der Schleifer klettert die Leiter auf den mehrmals verzweigten Stamm, will die Schutzhülle abnehmen und das entstehende Kunstwerk zeigen. Mit weit ausgestreckten Armen bekommt Thomas Schwarz die Hülle am hinteren Zipfel zu greifen. Und dann ist der Blick frei – ein imposanter Seeadler mit weit ausgestreckten Flügeln reckt den Kopf nach vorn, als würde er jeden Augenblick in die Lüfte abheben. Daneben macht es sich ein Bär gemütlich. Schwarz streicht über einen Adlerflügel und meint: „Das ist eine Auftragsarbeit, und es macht Freude, die Figuren aus der über drei Tonnen schweren Eiche herauszuarbeiten.“

Seeadler und Bär in Eichenholz verewigt

Der Schleifer erklärt das Besondere: „Ich habe zuletzt ja verstärkt abstrakte Skulpturen und Formen geschaffen. Nun widme mich auch wieder figürlichen Werken.“ Neben Seeadler und Bär soll diese Eiche noch weitere Figuren erhalten. „Das ist körperlich sehr anstrengend, ich bin mit unterschiedlichsten Werkzeugen zugange von der großen Kettensäge über sämtliche Bildhauer-Werkzeuge bis hin zu den feinsten Schleifmaterialien.“

Thomas Schwarz verleiht diesen hölzernen Tieren eine Lebendigkeit, die den Betrachter staunen lässt. Inspiriert habe ihn der Hamburger Erich Gerer. „Wir sind bereits längere Zeit befreundet. Er ist ein wahrer Künstler und hat mit sechseinhalb Metern den höchsten Bären der Welt geschnitzt und es damit ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Erich hat ein unheimliches Gespür für das Figürliche. Seine Werke sind originalgetreu“, gerät Thomas Schwarz ins Schwärmen. 2019 besuchte ihn der Hamburger in Schleife und sei angetan gewesen von der Natur hier.

1000 Besucher pro Jahr

Der Hamburger sei nicht sein einziger Besucher, so Thomas Schwarz schmunzelnd. „Um die 1000 sind es schon im Jahr, die unter anderen zum Tag des offenen Ateliers oder zu den Atelierskonzerten kommen.“ Gefragt sind immer häufiger auch Führungen durch sein Schaffensdomizil. „Es gibt darunter Leute, die mehrmals dabei sind und genau verfolgen, was und wie es entsteht.“

Für die Stippvisiten hat sich der Schleifer drei Themenkomplexe überlegt, auf die er den Fokus ausrichtet. „Einmal ist es ‚Pückler‘, denn viele meiner Kunstwerke haben eine Beziehung zu Pückler und vor allem zum Jagdschloss-Areal, weil die Bäume von dort sind.“ Ein anderer Rundgang gebührt den „Holzarten“ – mehr als 100 verschiedene sind bei ihm zu fühlen, zu riechen und zu erleben. Das dritte Angebot betrifft das künstlerische Schaffen des Schleifers des Jahrgangs 1968. Thomas Schwarz fügt lachend hinzu: „Eigentlich kommt oft eine Themenmischung heraus.“

Von der Forstwirtschaft zur Kunst

Auf den Weg zu ihm machen sich neben Interessierten aus der unmittelbaren Region vor allem Leute aus Sachsen, Brandenburg und Berlin. Wobei auch gern Vereine und Firmen bei ihm anklopfen, sich Atelier und Skulpturengarten zeigen und seine Geschichte(n) erzählen lassen. Und der Holzkünstler plaudert dann gern aus dem Nähkästchen – natur- und heimatverbunden. Seit er sich vor knapp zehn Jahren selbstständig machte, kann er auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Übrigens habe er diesen Schritt von damals noch nicht eine Minute bereut. „Es gibt schwierige Zeiten, aber das Schöne überwiegt. Wenn ich nur daran denke, was für tolle Menschen ich kennenlerne und es welche gibt, die Kunstwerke von mir sammeln, dann wird mir warm ums Herz.“ Als er sich damals entschied, den sicheren Job in der Forstwirtschaft aufzugeben und als freischaffender Holzkünstler für sein Auskommen zu sorgen, wollte das als Familie gut überlegt sein. „Als wir das Bauvorhaben hier anpackten, studierten beide Töchter“, deutet er die damalige Situation an.

Thomas Schwarz ist überzeugt: „Man muss sein Leben selbst in die Hand nehmen, kann sich nicht nur auf andere verlassen. Dazu brauchst du aber Menschen mit Visionen um dich.“ Er spannt den Bogen auf das Jetzt und Hier, sagt leidenschaftlich: „Ich sehe viel Potenzial in der Lausitz. Es gibt etliche Schnittpunkte positiv denkender Menschen, die das schaffen können.“ Darauf baue er. Auch im Gemeinderat, für den er 2019 zum ersten Mal antrat und als Parteiloser für die CDU gewählt wurde.

Gastkünstler am Tag des offenen Ateliers

Die Eichen-Skulptur ist nicht das einzige aktuelle Werk. „Ich arbeite zur gleichen Zeit an verschiedenen Dingen. Die Abwechslung hilft mir“, erklärt Thomas Schwarz. So schafft er gerade verschiedene kubistische Arbeiten, also kleinere Sachen. „Das ist ganz anders als das Figürliche, und dabei bekomme ich den Kopf frei.“ Zum Beispiel auch für einen täuschend echt aussehenden Fötus, den der Schleifer gerade in dem Holz einer bei einem Tornado bei Panschwitz-Kuckau geborstenen Linde gefertigt hat. Umgeben von geschnitzten Borkenkäfergängen regt Schwarz mit der Nachbildung an, über die Gegensätze in unserer Zeit nachzudenken. Der Linde sagt man nach, es sei das Holz der Liebe und Fruchtbarkeit.

Gegensätze unter den Menschen, in der Natur und Gesellschaft spiegeln sich in dem künstlerischen Schaffen von Thomas Schwarz wider. Diese Vielfalt in Holz können die Besucher beim nächsten Tag des offenen Ateliers am 17. November erleben. „In jedem Jahr lade ich dazu einen Gastkünstler ein. Diesmal freue ich mich auf Gudrun Feuerriegel und auf ihre Werken, die sie zu Papier bringt.“ Die Sagarin, die sich dieses Jahr als Lehrerin in den Ruhestand verabschiedete, zeigt neben einem Querschnitt aus ihrem künstlerischen Schaffen auch mehrere Aktstudien.

Wer den neuen Kalender „Skulpturen 2020“ erwerben möchte, muss nicht länger warten. Erhältlich ist dieser ab sofort bei Hugendubel Weißwasser, im SKC Schleife, im Atelier an der Spremberger Straße 45 in Schleife und über den Online-Shop auf der Internetseite www.der-holzkünstler.de Der Kalender zeigt einen Streifzug durch das Schaffen von Thomas Schwarz. Zum dritten Mal gibt dieser einen Jahreskalender heraus. Fotos und Gestaltung übernahm erneut Multi-Künstler Frank Stein, ebenfalls aus Schleife.