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Heimatkunde
Schleife ins Herz geschlossen

Jutta Kaiser (r.), Hannelore Handrick (M.) und Rosemarie Berndt berichteten von ihren Erlebnissen während ihrer Zeit beim sorbischen Rundfunk Cottbus.
Jutta Kaiser (r.), Hannelore Handrick (M.) und Rosemarie Berndt berichteten von ihren Erlebnissen während ihrer Zeit beim sorbischen Rundfunk Cottbus. FOTO: Richter-Zippack
Rohne. Jutta Kaiser hat mehr als  38 Jahre für den sorbischen Rundfunk Cottbus gearbeitet. Warum sie das Schleifer Kirchspiel so schätzt, verrät die 78-Jährige jetzt in Rohne. Von Torsten Richter-Zippack

Eines muss Jutta Kaiser ihren Gästen während des zwölften sorbischen Bauerntisches auf dem Rohner Njepila-Hof gleich zu Beginn beichten: „Ich kann zwar niedersorbisch lesen, doch den Schleifer Dialekt beherrsche ich nicht so gut.“ Lediglich ein paar Wendungen sind der langjährigen Journalistin des sorbischen Rundfunks Cottbus im Gedächtnis geblieben. Doch das mache überhaupt nichts. Denn die Menschen aus dem Schleifer Kirchspiel hat Kaiser schon seit Jahrzehnten in ihr Herz geschlossen. „Ich habe die Leute als sehr offen und herzlich kennengelernt. Nach Schleife sind wir immer besonders gern gefahren“, lautet ihre Begründung. Mit „wir“ meint Jutta Kaiser ihre Kolleginnen vom Rundfunk, und zwar Redakteurin Hannelore Handrick, Technikerin Rosemarie Berndt und insbesondere die erste Rundfunkredakteurin für das sorbische Programm überhaupt, Rosemarie Schenker, die in Rohne lebt.

In den Jahren von 1962 bis 2000 haben Kaiser und ihre Mannschaft zahlreiche Sendungen, viele auch live, im Schleifer Kirchspiel aufgenommen. Als größtes Geschenk bezeichnet die Niederlausitzerin, die inzwischen wieder in ihrem ursprünglichen Heimatdorf Guhrow bei Cottbus wohnt, dass sich die Menschen „uns anvertraut haben“. Insbesondere das Tagebauthema habe über Jahrzehnte stets für Emotionen gesorgt. Beispiel Mühlrose: Der Ort, der in den kommenden Jahren dem Tagebau Nochten weichen soll, musste bereits zu DDR-Zeiten mehrere Gehöfte der Kohle überlassen. „Manch traurige Erzählung hat mich tief berührt“, berichtet Jutta Kaiser. Etwa eine Familie, die wegen des Bergbaus Mühlrose verlassen musste und in Klein Trebendorf ein neues Zuhause fand. „Dann sollte auch dieser Ort weichen. Über Jahre mussten die Leute mit der ständigen Unklarheit leben. Das hat schon sehr an den Nerven gezehrt“, erzählt Kaiser. Mit dem neuen Revierkonzept des Bergbaubetreibers Leag wurde letztendlich erst vor knapp zwölf Monaten entschieden, dass Klein Trebendorf bleiben darf. Und dann gibt es das nicht minder dramatische Schicksal des Hans Kulling. Dem sorbischstämmigen Schleifer Lehrer und Sprachwissenschaftler hat Jutta Kaiser in ihrem Buch „Unterwegs in der Heimat“, das erst im Jahr 2017 erschienen ist, ein eigenes Kapitel gewidmet. Grundlage bildet ein Interview mit Kulling aus dem Jahr 1992. Da der Lehrer eine christliche Weltanschauung besaß und offen seine Meinung vertrat, wurde er von der Staatssicherheit observiert und schikaniert. Selbst nach der Wende habe Kulling keine Rehabilitation erfahren, fand die Journalistin heraus. Nicht minder traurig: Seine reichhaltige Sammlung über das heimatliche Kirchspiels sowie die Muskauer Gegend sei verloren gegangen.

Jutta Kaiser denkt mit Dankbarkeit an ihre Rundfunktätigkeit zurück. „Wir waren längst nicht nur in und um Cottbus präsent, sondern auch in der Peripherie. Und gerade in der Schleifer Region war es für uns Pflicht zu erscheinen.“

Während des zwölften sorbischen Bauerntisches auf dem Rohner Njepila-Hof sorgten die Rohner Stimmen mit ihren Liedern für Frühlingsstimmung.
Während des zwölften sorbischen Bauerntisches auf dem Rohner Njepila-Hof sorgten die Rohner Stimmen mit ihren Liedern für Frühlingsstimmung. FOTO: Richter-Zippack