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| 01:42 Uhr

Rund um die Uhr hilfsbereit

Weißwasser. Sie engagieren sich für ihren Verein, Kunst oder Sport, das Leben in Dorf und Stadt. Dabei zählen sie nicht die Stunden ihrer ehrenamtlichen Arbeit, von der viele profitieren. Es sind Menschen, Macher im besten Wortsinn, die aber nicht unbedingt viel darüber reden. Die RUNDSCHAU rückt sie mit der Serie „Aller Ehren wert“ in den Fokus. Heute: Karin Döring aus Weißwasser, Vorstandsmitglied in dem „Verein gegenseitiger Hilfe für Alkoholkranke“ Von Anja Guhlan

Sie hat ein offenes Ohr für jedermann, der zu ihr kommt. Sie redet mit ihm, gibt ihm Tipps und Ratschläge und hilft Menschen, den Alltag auch ohne Alkohol zu bestehen.

Das war nicht immer so. Sie selbst kämpfte jahrelang mit der Sucht nach Alkohol. „Das fing bei mir schon in den Jugendjahren an“, gesteht die heute 66-Jährige. Karin Döring musste durch den frühen Tod ihrer Mutter schnell auf den eigenen Beinen stehen. Den Trost suchte sie damals im Alkohol.

„Doch irgendwann kam ich an einen Punkt, da ging gar nichts mehr“, erinnert sie sich. Das Leben früher beschreibt sie wie einen dunklen Tunnel, in den sie schleichend hineingeraten ist. Erst als sie befürchten musste, dass sie durch ihre Trinkerei ihre Arbeitsstelle verlieren könnte, entschloss sich Karin Döring zum Entzug und einer anschließenden Therapie. „Das war damals eine große Motivation“, weiß sie heute.

Am 6. Dezember 1980 begann für Karin Döring dann ihr neues Leben – ein Dasein ohne Alkohol. „An diesem Tag kam ich aus dem Entzug wieder nach Weißwasser. Und ich schwor mir, trocken zu bleiben. Das bevorstehende Weihnachtsfest machte mir damals noch eine Menge Angst“, erinnert sie sich.

Dass sie sich damals entschloss, einer Selbsthilfegruppe beizutreten, war ihr größtes Glück. Der damals noch genannte „Therapeutische Club“ half ihr, den Alltag ohne Alkohol jeden Tag aufs Neue zu überstehen. Sie fand zurück zu einem Leben voller Energie und Hoffnung. Heute sind beispielswiese Feiern für sie keine angsteinflößenden Veranstaltungen mehr. Sie hat gelernt, zu ihrer Abstinenz zu stehen, sagt bestimmend Nein zum Alkohol und kann trotzdem feiern.

Nach der politischen Wende drohte der „Therapeutische Club“ auseinanderzubrechen. Nur einem festen Stamm von Mitgliedern war es zu verdanken, dass die Selbsthilfegruppe weiterhin bestand.

Darunter befand sich auch Karin Döring. So gründete sie im Jahr 1990 den ersten „Verein gegenseitiger Hilfe für Alkoholkranke und Angehörige“. Zehn Mitglieder finden sich seitdem einmal im Monat für eine Gesprächsrunde in der Gruppe zusammen. „Dort wird über alles gesprochen. Nicht nur über das Kapitel Alkohol. Ein jeder unterstützt den anderen, wenn man manchmal nicht mehr weiter weiߓ, erklärt Karin Döring.

Und das auch darüber hinaus. Karin Döring ist eigentlich rund um die Uhr erreichbar. „Ich weiß wie schlimm es ist, wenn man Hilfe braucht. Diejenigen die sich überwinden und um Hilfe bitten, denen helfe ich gerne“, erzählt sie.

„Zu glauben, man käme aus der Alkoholsucht alleine wieder raus oder als Abstinenzler zu sagen, das kann mir nicht mehr passieren, sind Trugschlüsse“, sagt die 66-Jährige, für die jeder Tag ohne Alkohol ein großer Erfolg ist. Mittlerweile zählt die Weißwasseranerin nicht mehr nur Tage, sondern ganze Jahre ohne Alkohol.

Die lebenslustige und offene Frau kennt heute keine Langeweile mehr. Ihr Terminkalender ist immer voll. Entweder es finden mit der Gruppe Radtouren, Grillabende oder Gaststättenbesuche statt. Oder ihr Enkelkind ist zu Besuch.

„Ein geregelter Tagesablauf mit sinnvoller Beschäftigung ist ganz wichtig“, erklärt sie. „Dadurch bleibt man auch geistig fit. Aber auch die Gemeinschaft tut mir gut.“

Heute will die gebürtige Weißwasseranerin vorrangig anderen Suchtkranken helfen. „Es ist ein gutes Gefühl, anderen zu helfen und Suchtkranke wieder auf den richtigen Weg zu bringen“, sagt sie. Für ihr ehrenamtliches Engagement gegenüber Suchtkranken ist Karin Döring im Jahr 2005 sogar mit der Annen-Medaille vom Freistaat Sachsen ausgezeichnet worden.

Doch rühmen will sich Karin Döring mit ihrer Auszeichnung nicht. Vielmehr rät sie Betroffenen, die heutigen Möglichkeiten fachlicher Beratung zu nutzen und auch Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen. Im Erfahrungsaustausch würden häufig Parallelen zu eigenen Problemen deutlich.

In ihren Augen hat jeder Suchtkranke eine zweite Chance verdient, sein Leben wieder auf den richtigen Weg zu bringen: „Das einzige, was ein Alkoholsüchtiger dazu benötigt, ist der Wille, wieder zu sich selbst zu finden.“

Karin Döring engagiert sich seit 31 Jahren in der ältesten Selbsthilfegruppe in Weißwasser. Foto: Guhlan
Karin Döring engagiert sich seit 31 Jahren in der ältesten Selbsthilfegruppe in Weißwasser. Foto: Guhlan FOTO: Guhlan