| 02:45 Uhr

Rosemarie Schuster: "Vater wollte seine Grützemühle mitnehmen"

Rosemarie Schuster und Bärbel Reddo (r.) betrachteten beim Tzschelln-Treffen die Bilder ihres gewesenen Dorfes.
Rosemarie Schuster und Bärbel Reddo (r.) betrachteten beim Tzschelln-Treffen die Bilder ihres gewesenen Dorfes. FOTO: amz1
Krauschwitz. Genau 40 Jahre sind ins Land gegangen, als die allermeisten Tzschellner ihr Dorf für immer verlassen mussten. amz1

Insgesamt wurden Mitte der 1970er-Jahre rund 200 Menschen für den fortschreitenden Tagebau Nochten umgesiedelt. Viele von ihnen sind heute im Heimatverein Tzschelln organisiert. Am Sonnabend trafen sich 85 Mitglieder und Sympathisanten in der Krauschwitzer "Linde" und erinnerten an ihr gewesenes Dorf.

Mancher hat den Abschied nie verkraftet. Beispielsweise die Familie von Rosemarie Schuster, geborene Zschippang. "Ich bin im Jahr 1952 im Ortsteil Altes Fließ geboren. Wir wohnten in einem Einzelgehöft, das direkt an die Spree grenzte. Die Kindheit war einfach wunderschön", erinnert sich Schuster. "Kein Wunder, dass vor allem meinem Vater der Abschied so unendlich schwer fiel", berichtet sie weiter. Ursprünglich sollten die Zschippangs eine Neubauwohnung in Weißwasser beziehen. "Doch das hätte Vater nicht verkraftet." So sei es gelungen, ein Häuschen zu kaufen. "Mein Vater wollte unbedingt seine Grütze- und Hirsemühle mitnehmen", weiß Rosemarie Schuster. "Er hatte sich sogar ans Denkmalsamt gewandt. Doch Hilfe gab es keine. Zudem wurden selbst die Mühlsteine gestohlen. So konnte er nur noch einzelne Teile mit in die neue Heimat nehmen."

Das Grundstück der Zschippangs existiert noch heute. Natürlich ist das Gehöft längst verschwunden, doch zumindest ein paar alte Obstbäume sollen dort noch von der früheren Nutzung künden. Besuchen kann Rosemarie Schuster den Ort ihrer unbeschwerten Kindheit indes trotzdem nicht. "Das Areal erstreckt sich heute auf dem Bundeswehr-Übungsplatz."

Anders dagegen bei Bärbel Reddo, geborene Schillack. "Dort, wo unser Haus einst stand, verläuft heute in unmittelbarer Nähe die Spreestraße", berichtet die geborene Tzschellnerin. Sie zog bereits im Jahr 1974 weg, ihre Eltern folgten 24 Monate später. "Als Kinder hat es uns weniger gestört, doch die Eltern hatten mächtig zu leiden", erinnert sich die heutige Weißwasseranerin. "Besonders um das große Spargelfeld tat es uns sehr leid." Immerhin gelang es der Familie, sich ein neues Heim selbst zu bauen.

Glatt 90 Mitglieder umfasst der Heimatverein Tzschelln im Oktober 2016, sagt Vorsitzende Christina Wolsch. Ein prominentes Mitglied war erst vor wenigen Wochen heimgerufen worden. Der letzte Bürgermeister des Dorfes, Max Knothe, wurde 90 Jahre alt. Sein Grab befindet sich in seiner Wahlheimat Weißwasser. Auf dem dortigen Friedhof ist auch das Gemeinschaftsgrab der Tzschellner zu finden. Der dortige Gedenkstein wurde erst vor Kurzem etwas aus dem üppigen Grün befreit. Falls das Wetter mitspielt, so kündigt Christina Wolsch an, solle noch in diesem Jahr dessen verblichene Inschrift erneuert werden. Falls nicht, dann im Frühjahr 2017.

Auch an der Ortserinnerungsstätte an der Spree gibt es Neues. Dort wurden Sitzgarnituren aufgestellt. Zudem ist die dortige Infotafel um ein Luftbild reicher geworden. Dieses zeigt das Dorf im Sommer 1966.

Im kommenden Jahr werde es dort wieder ein Picknick geben, der Termin stehe bereits fest, nämlich Sonnabend, 12. August. Und im Oktober folge das traditionelle Treffen in der Krauschwitzer "Linde".