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Rohre wandern unter die Erde

Die blauen Rohrleitungen werden unter die Erde gezogen. Den Platz dafür hat vorher der Bohrer unterirdisch geschaffen.
Die blauen Rohrleitungen werden unter die Erde gezogen. Den Platz dafür hat vorher der Bohrer unterirdisch geschaffen. FOTO: Regina Weiß
Boxberg/Weißwasser. Das Wort eignet sich für jeden Zungenbrecher. Doch Petra Brünner und Marco Hülse geht es ganz leicht über die Lippen. Regina Weiß

Kein Wunder, mit dem langen Wort Horizontalspülbohrverfahren haben die Geschäftsführerin des Wasserzweckverbandes Mittlere Neiße Schöps und der Sachgebietsleiter der Stadtwerke Weißwasser ja seit Monaten mehrfach die Woche zu tun. Denn seit Frühjahr wird in diesem Verfahren die neue Trinkwasserleitung zwischen Boxberg und Weißwasser verlegt. Mittlerweile sind mehr als 80 Prozent der Leitung unter der Erde.

Der Platz, an dem sich der Bohrer in den Lausitzer Sand schiebt, würde jedes Kinderherz höher schlagen lassen. Eine "Matschgrube" erster Kajüte springt dem Laien geradezu ins Auge. Doch es ist kein Matsch, durch das sich das Gestänge dreht. Es sind die Reste von Betonit. Dieses Mittel kommt zum Einsatz, um das durchbohrte Erdreich zu stabilisieren. Denn dort, wo gebohrt wird, wird später das Trinkwasserrohr eingezogen. Ähnlich wie beim Tunnelbau - nur viel kleiner - schiebt sich ein Bohrkopf durch das Erdreich. Er ist steuerbar. Das muss er auch, denn er "marschiert" in zweieinhalb Meter Tiefe nicht nur nach vorn, sondern auch nach unten und dann wieder hoch. Denn die Rohrleitungen werden nicht ganz eben im Erdreich versenkt, sondern müssen einen kleinen Bogen schlagen. Alle fünf Meter wird der Bohrkopf mit einer Sonde geortet, damit auch alles nach Plan verläuft. Das Loch, das einen Durchmesser von 600 Millimetern hat, bietet dann den Rohren mit ihrem Durchmesser von 450 Millimetern genügend Platz. Auf maximal 420 Meter verläuft so ein Teilabschnitt. Für das Rohr Platz zu schaffen, dauert ungefähr zwei Wochen. Die Leitung selber wird dann eingezogen.

Auch wenn der Kampfmittelbeseitigungsdienst auf der Trinkwassertrasse mehr zu tun hatte als ursprünglich gedacht, und auch manche Rohrlieferung länger brauchte, bis sie dort war, liegen die Arbeiten für die 20 Kilometer lange Trinkwasserleitung im Plan. "Ende Oktober sind wir mit den Bauarbeiten durch", sagt Luurd van der Leest, Oberbauleiter des Projektes. Dass es zügig vorangeht, sorgen vier Anlagen und mehrere Bautrupps, die zeitgleich arbeiten. Autofahrer haben das entlang der B 156 vor allem dadurch mitbekommen, dass an mehreren Stellen die Geschwindigkeit auf 70 km/h reduziert worden war. Doch das ist Geschichte, denn neben Weißwasser haben sich nun die Bauarbeiten an den Rand von Boxberg verlagert.

Was sich hier auf der Zielgeraden befindet, ist ein deutschlandweit einzigartiges Projekt, wissen die Verantwortlichen. Dabei sollte es anfangs gar nicht im Horizontalspülbohrverfahren gebaut werden. Geplant war eine offene Bauweise, also ein sehr langes Grabensystem. Die Entscheidung für die "Tunnelbauweise" hat nicht nur eine Millionen-Einsparung zur Folge, sondern auch einen viel geringeren Eingriff in die Natur.

Ende 2017 soll die neue Leitung in Betrieb gehen. Sie muss frisch gehalten werden, heißt es im Fachjargon, um einem Verkeimen vorzubeugen.

Parallel zum Bau der neuen Leitung, die 7,7 Millionen Euro kostet, laufen die Planungen für die Trinkwassergewinnung aus dem Uferfiltrat des Bärwälder Sees. Schließlich will man zeitnah gewappnet sein, wenn es das Okay grundsätzlich kommt. Geht es nach Petra Brünners Bauchgefühl, dann ist die Entscheidung zu 90 Prozent sicher. Würde der Bau der Trinkwasserleitung von Boxberg nach Sdier 16 Millionen Euro kosten, kann die Gewinnung aus dem Uferfiltrat samt Umbau des Wasserwerks Boxberg mit sechs bis sieben Millionen Euro deutlich kostengünstiger ausfallen. Und was natürlich auch nicht von der Hand zu weisen ist: "Wir machen uns nicht von Dritten abhängig.", so Petra Brünner.