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Traditionspflege
Warum die Rohnschen ihre Männer mästen

Gemütliche Stimmung bei der Kirmes auf dem Njepila-Hof in Rohne.
Gemütliche Stimmung bei der Kirmes auf dem Njepila-Hof in Rohne. FOTO: amz
Rohne. Njepila-Hof lädt zur traditionellen Kirmes ein. Die Besucher lassen sich selbst gebackenen Kuchen schmecken.

Traditionell im späteren Herbst wird in der Lausitz Kirmes gefeiert. Die Termine sind von Ort zu Ort unterschiedlich. Im Kirchspiel Schleife ist das „Erntedankfest in Familie“ immer am Sonntag nach St. Ursula an der Reihe.

Der Gedenktag für die heilige Ursula fällt stets auf den 21. Oktober. So darf in diesem Jahr einmal gleich 24 Stunden später gefeiert werden.

Der Njepila-Hof in Rohne hat diese Tradition bereits vor zehn Jahren wiederbelebt. Damals war der Backofen in Betrieb gegangen. Aufgetischt wird immer reichlich Essen.

Zur Auswahl stehen der legendäre Kirmeskuchen, beispielsweise Streusel und Mohn, sowie herzhafte Speisen, etwa Wurst- und Käsebrote. „Bei der Kirmes steht das gemütliche Beisammensein im Vordergrund“, erklärt Manfred Richter, Vorstandsmitglied vom Njepila-Hof-Verein.

Erst Ende Oktober sei dafür Zeit. Denn die Feldarbeit sei weitgehend durch, die Ernte eingebracht, das meiste Getreide gedroschen. „Und die Bauern wollen ja auch mal feiern“, so Richter. Früher haben sich die Familien ihre näheren Verwandten zur Kirmes eingeladen. Dann kamen die ersten Gänsekeulen auf den Tisch. Als Vorspeise gab es Eiersuppe mit Hühnerfleisch. Am Nachmittag durfte der Blechkuchen verzehrt werden. Bereits eine Woche vor dem Fest mussten Haus und Hof gesäubert, musste geschlachtet, gebacken und gekocht werden.

In manchen Orten wurde abends zum Kirmestanz eingeladen. Der stand vor allem bei der Jugend hoch im Kurs, gab es doch da die Chance, den zukünftigen Mann beziehungsweise die zukünftige Frau kennenzulernen.

Der erste Tanz fand indes auf der Terrasse vor der Gastwirtschaft statt. Durch die bis weit ins Dorf schallende Musik sollten weitere Gäste angelockt werden.

Bis heute gibt es sogar extra Kirmes-Lieder. Eines hat der Rohnsche Dieter Reddo aus Neustadt (Spree) mitgebracht.

„Die Neustädter gehörten bis zum Jahr 1905 zum Schleifer Kirchspiel“, begründet der Hobbyhistoriker. Fündig geworden sei er bei der Neustädterin Helene Boh, die Text und Noten für ein siebenstrophiges sorbisches Kirmeslied besaß. Seitdem wird es auch zur Rohnschen Kirmes auf dem Njepila-Hof mit Unterstützung einer Kapelle gesungen.

Apropos Sorben: In der westslawischen Sprache steht „Kermus“ für Kirmes. Wörtlich übersetzt bedeutet dies laut Dieter Reddo „Mäste den Mann“.

Tatsächlich wird bis heute bei den Erntefesten in Familie reichlich gegessen. Allerdings nicht nur von den Männern.

Eine Regel wird im Kirchspiel Schleife kirmesmäßig nie außer Acht gelassen. Nämlich, dass, wenn der Ursula-Tag auf einen Sonntag fällt, erst eine Woche später gefeiert werden darf. Pfarrer Mildner, der 44 Jahre im Kirchspiel tätig war, pflegte immer zu sagen, dass „Ursula zwar mit backen dürfe, allerdings nicht mit essen“.

Aus diesem Grund findet im kommenden Jahr die Kirmes auf dem Njepila-Hof erst am 28. Oktober statt. Mancher könnte nun befürchten, dass bis dahin schon der zu Ursula gebackene Kuchen alt sei. Aber die Rohnschen Vereinsmitglieder versichern, dass dafür eine Lösung gefunden werde. Ist ja schließlich noch ein Jahr Zeit.

(amz)