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| 21:44 Uhr

Porträt
Wie Schwester Agnes auf der blauen Schwalbe

Rita Lisk mit einem Souvenir aus Afrika im gemütlichen Wohnzimmer ihres Hauses in Gablenz.
Rita Lisk mit einem Souvenir aus Afrika im gemütlichen Wohnzimmer ihres Hauses in Gablenz. FOTO: Ingolf Tschätsch
GABLENZ. Die Gablenzerin Rita Lisk blickt 50 Jahre zurück und sagt: „Gemeindeschwester - das war für mich das Schönste im Leben“ Von Ingolf Tschätsch

Im Februar 1968 wurde Rita Lisk Gemeindeschwester für Gablenz und Kromlau. 22 Jahre lang war sie für die Menschen in den beiden Dörfern da. Damit gehörte sie einst zu den Dienst ältesten Gemeindeschwestern im damaligen Kreis Weißwasser. Heute - genau 50 Jahre später - sind diese Strukturen der medizinischen Versorgung auf dem Land wieder im Gespräch. Rita Lisk erinnert sich.

Als die RUNDSCHAU sie in ihrem Haus in Gablenz besucht, in dem sie mit ihrem Mann Wolfgang wohnt, öffnet eine geistig und körperliche fitte Seniorin die Tür. „Im November werde ich 80. Da fliege ich mit Wolfgang und Freunden nach Mauritius“, erzählt sie dem erstaunten Gast. Da sie kaum nennenswerte  Wehwehchen habe, mache ihr auch so ein langer Flug nichts aus.  Reisen sei sowieso ihre große Leidenschaft. An der Wand hängt das große Holzrelief eines Elefanten, im Wohnzimmer verstreut viele weitere  Souvenirs von vielen Reisen nach Afrika, zum Beispiel nach Senegal, Tunesien, Kenia, Namibia, Südafrika.

Es ist nun schon gut 50 Jahre her, dass für die  Seniorin ein neues Kapitel ihrer beruflichen Entwicklung in Gablenz und Kromlau begann. Sie kam aus Weißwasser, war dort Leitende Schwester im Krankenhaus. „Als meine Kolleginnen, Freunde und Bekannte von meinem Schritt erfuhren, haben nicht wenige den Kopf geschüttelt. Was, du willst auf diese Kuhbläcke! Dort gibt es doch nichts, dort ist doch nichts los, musste ich mir anhören“, blickt Rita Lisk zurück. „Von wegen, was es hier in Gablenz zu jener Zeit nicht alles gab! Wir hatten Konsum, Fleischer, Bäcker, Landwarenhaus, Modehaus, Maßschneiderei, Post, Kindergarten, Schule, zwei Gaststätten, Gemeindeschwesternstation mit Arztsprechstunde . . . Ein blühendes Dorf.“

Genauso gut kann sich die 79-Jährige noch an ihren ersten Arbeitstag im Dorf erinnern: „Das war der 11. Februar 1968, ein Sonntag. Es herrschten 12 Grad minus. Mittags begann es zu schneien. Später lagen die Schneemassen anderthalb Meter hoch.“  Rita Lisk hatte gerade ihr jetziges Wohnhaus bezogen, das damals noch der Gemeinde gehörte und in dem sich auch die Schwesternstation befand. Es war sozusagen ein fliegender Wechsel mit ihrer Vorgängerin, Gemeindeschwester Rosa Schramm, die in Rita Liskes Neubauwohnung in Weißwasser zog. Die Neugablenzerin hatte noch gar nicht richtig die Zeit gehabt, sich in ihrer neuen Arbeitsstätte umzusehen, wusste auf Anhieb auch nicht genau, wo alle medizinischen Geräte ihren Platz hatten. Stunden später, mitten in der Nacht um 0.30 Uhr, dann schon der erste Fall. Ein junger Mann stand mit dem Rezept seiner Mutter vor der frischgebackenen Gemeindeschwester. Sie musste helfen, fand aber nicht gleich die entsprechende Medizintechnik. Dabei konnte sie wegen des Schnees nicht mit dem Fahrrad fahren, sondern musste zu der Patientin in das Gutshaus stapfen. Der Drahtesel war übrigens viele Jahre das Dienstfahrzeug der Gablenzerin, bevor sie zuletzt auf eine blaue Schwalbe umstieg - Schwester Agnes aus dem DDR-Fernsehen lässt grüßen.

Am Montag darauf hat sich Rita Lisk dann bei den wichtigsten Stellen und Personen im Ort vorgestellt - Gemeindeverwaltung, Schule, Kindergarten und beim ABV. Ihr Fortbewegungsmittel dabei - die Skier.

Noch viele Episoden kann Rita Lisk zum Besten geben, so, als wären sie erst gestern passiert. Den Kindern sei sie besonders ans Herz gewachsen gewesen. „Ein kleines Mädchen hatte mal zu Hause einen Zettel auf dem Tisch als Nachricht an die Eltern hinterlassen, auf dem geschrieben stand: Mutti, mach dir keine Sorgen. Ich bin nicht krank. Ich bin bloß bei die Hunde“, erzählt die Seniorin und muss noch heute über die kindliche Schreibweise lachen. Zur Erklärung: Die Gablenzerin war damals Züchterin von Jagdteckeln gewesen.

Zehn Jahre war Rita Lisk Gemeindeschwester bei Dr. Ingeborg Feige und weitere zwölf Jahre bei Dr. Klaus Büchner, ebenfalls Gablenzer, der nur wenige Meter entfernt von Liskes wohnt. Von Frau Feige schwärmt sie jetzt noch. Zu ihr habe sie ein besonders enges kollegiales Verhältnis gehabt. „Sie konnte sehr streng sein, dafür war sie bekannt, aber genauso herzlich und niemals nachtragend.“ 1996 haben Rita Lisk und ihr Mann die frühere Ärztin, schon hochbetagt, auf Sylt besucht, wo sie zuletzt gewohnt hat. „Frau Dr. Feige und mir standen die Tränen in den Augen, als wir uns wiedersahen“, erinnert sich die 79-Jährige an diesen emotionalen Moment. Kurze Zeit später ist die bekannte und beliebte Medizinerin iin ihrer neuen Wahlheimat gestorben.

Wie sieht Rita Lisk heute - mit dem Abstand von so vielen Jahren - den Beruf einer Gemeindeschwester? „Wir waren sozusagen der verlängerte Arm des Arztes, haben selbstständig gearbeitet und ihm eine Menge abgenommen. Da waren nicht nur die üblichen Tätigkeiten wie Anlegen von Verbänden, das Spritzen, was Schwestern heutzutage gewöhnlich auch tun. Ich denke da an die Mütterberatungen, die Untersuchungen für die Schul- und Kindergartenkinder, die Reihenuntersuchungen oder die für den Nachweis der Berufstauglichkeit, um nur einiges zu nennen. Und wir haben viel Schreibkram übernommen und Statistiken geführt“, sagt die Gablenzerin. Jetzt würden die Wartezimmer der Praxen voll sein, die Ärzte überlastet und mit Bürokratie überhäuft werden, so dass für die Patienten kaum noch richtig Zeit bleibt. Rita Lisk plädiert aus voller Überzeugung für das, was sich aus ihrer Sicht damals bewährt habe - der Landarzt im Zusammenwirken mit der Gemeindeschwester.

Ganz zum Schluss unseres Gesprächs betont Rita Lisk: „Ich war mit Leib und Seele Gemeindeschwester. Gemeindeschwester - das war für mich das Schönste im Leben.“