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Aufarbeitung der Wendezeit
Rentnergeneration fühlt sich wiederholt verletzt

Ulrich Teichert meldete sich zu Wort und sprach zur Nachwendezeit.
Ulrich Teichert meldete sich zu Wort und sprach zur Nachwendezeit. FOTO: Arlt Martina
Weißwasser. Über die als Demütigung empfundene Zeit nach der Wende und jetzige Probleme spricht Ministerin Köpping mit Weißwasseranern. Von Martina Arlt

„Endlich hört uns nach 28 Jahren Wendezeit einmal einer zu“, hat Ulrich Teichert am Dienstagabend bei einer Gesprächsrunde besonders die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD) gelobt. Denn oft werde der Osten ganz falsch dargestellt.
Die Ministerin  war es auch, die  die Nachwendezeit in den Mittelpunkt der Diskussion stellte. Sie  hatte dabei den Bundestagsabgeordneten Thomas Jurk und Landtagsabgeordneten Thomas Baum (beide SPD) an ihrer Seite. 30 Besucher waren zu der Runde unter dem Titel „Schlaglicht Nachwende – Erfolgsgeschichte ohne Verlierer?“

Der Weißwasseraner Uli Teichert hat viele Jahre im Telux-Werk gearbeitet. „Wir produzierten teilweise 80 Prozent für das Ausland. Doch als die Wende kam, mussten wir innerhalb von eineinhalb Jahren den Betrieb so herunterfahren und so viele Mitarbeiter von den damals fast 2000 Beschäftigten entlassen. Diese Situation konnte ich nicht ertragen, obwohl ich im Betriebsrat war und davor verschont geblieben wäre.“ Der Lichtschalter sei sozusagen über Nacht ausgegangen.  Doch was kam danach? „Man hat sich mit ABM und Mini-Jobs über Wasser gehalten“, so Teichert weiter, der heute Rentner ist. „Nun  mussten erst so viele Jahre ins Land gehen, dass uns überhaupt einmal einer zuhört. Die DDR wollen wir alle auch nicht mehr. Doch wir müssen aufpassen, dass unsere Region nicht abgehängt wird. Oft könnten Fördermittel beantragt werden, doch das geht nicht, weil die Gemeinden meist nicht ihren Eigenanteil aufbringen können. In Weißwasser ist zum Beispiel kein Geld für ein Stadtfest da. Doch die Vereine machen in der Stadt das Leben aus. Man kann oft die Welt nicht mehr verstehen.“
Petra Köpping kennt die Sorgen der Menschen, die die Wende auch mit sich brachte. Denn sie bekleidete Bürgermeisterfunktionen, war als Landrätin tätig. Arbeitsplätze brachen weg, die Menschen stellten sich in Schlangen am Arbeitsamt an. Das empfanden sie als Demütigung, denn die arbeitende Bevölkerung aus dem Osten kannte so etwas nicht. „Es war ein großer Umbruch für das ganze Leben. Und wenn sie nun in der Generation sind, für die die Rentenbescheide eintreffen, sind sie noch einmal verletzt. Denn die Renten sind zum Teil so niedrig, dass man davon nicht leben kann. Dann sagen sich die Menschen, das kann doch nicht der Lohn für mein Arbeitsleben sein“, so Petra Köpping.

In den 1990er-Jahren hatten die Menschen meist mit sich zu tun, um den Alltag wieder neu zu ordnen, um finanziell zu überleben. Es war auch die Zeit, wo eine ganze Generation in Richtung Westen abwanderte.

Petra Köpping macht es sich zur Aufgabe, die Wendezeit genauer in den Fokus zu rücken. Sie möchte einfach mit Menschen ins Gespräch kommen, über Erfolge, Ungerechtigkeiten, Verletzungen oder Zäsuren in der Berufslaufbahn reden. „Wir möchten keine Ossi-Wessi-Diskussionen entfachen. Verständnis und Miteinander sollen in den Vordergrund rücken, es soll gemeinsam auf Augenhöhe diskutiert werden. Wir müssen Tacheles reden, nicht jammern. Die Politiker müssen Lösungen vorschlagen. Wir wollen gemeinsam um unsere Interessen kämpfen, anders geht es nicht“, so die Ministerin.