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| 20:35 Uhr

Interview mit Meike Biskop, Leiterin der Schäferei der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz
Lausitzer Schäfer wollen mehr Anerkennung

Schäferin Meike Biskop, Schäfer Felix Wagner (l.)  und Ramazon Akobiriov sind in der Naturschutzstation „Östliche Oberlausitz“ in Förstgen aktiv.
Schäferin Meike Biskop, Schäfer Felix Wagner (l.) und Ramazon Akobiriov sind in der Naturschutzstation „Östliche Oberlausitz“ in Förstgen aktiv. FOTO: Bernhard Donke
MÜCKA-FÖRSTGEN. Schäfer in der Oberlausitz haben mit mannigfaltigen Problemen zu kämpfen. Erschwerend hinzu kommt der Dürresommer 2018. Von Torsten Richter-Zippack

  Viel Arbeit, wenig Geld, fehlende Anerkennung und obendrein verheerende Wolfsangriffe: Schäfer haben viele Probleme zu bewältigen. Warum die Naturfreunde trotzdem nicht aufgeben, erklärt Meike Biskop, Leiterin der Schäferei der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz in Mücka-Förstgen, im RUNDSCHAU-Interview.

Lohnt sich Schafhaltung aufgrund der Wolfsangriffe eigentlich noch?

Biskop Der Wolf ist in die Lausitz zurückgekehrt. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihm zu arrangieren. Wir bemühen uns um den bestmöglichen Schutz der Schafe, bauen momentan auch einige strategisch sinnvolle Nachtpferche, in die wir die Tiere nachts wolfssicher einsperren. Trotz alledem erfordert die Investition neben Geld auch viel Zeit, die uns keiner zurück gibt und die an anderen Stellen fehlt.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihre Schäferei.

Biskop Unsere Biotoppflege-Schäferei als Teil der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz hat im Jahr 1992 mit 220 Moorschnucken begonnen, Zwergstrauchheiden, Trockenrasen und Feuchtwiesen im Bioshärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft zu pflegen. Seit 2010 befinden sich auch Burenziegen im Bestand. Dieser besteht gegenwärtig aus 550 Schafen und 52 Ziegen. Die bis zu fünf Herden werden von einem Mitarbeiter und einem Lehrling betreut.

Wie haben die Schafe den futterarmen Dürresommer überstanden? Stehen die Tiere ausreichend im Futter?

Biskop Der Sommer 2018 war ein sehr extremer. Zwischenzeitlich hatten wir Engpässe in der Futterversorgung unserer Tiere. Da wir aber mehrere kleinere, verteilte Flächen mit teilweise sehr unterschiedlicher Pflanzen- und Bodenstruktur besitzen, ebenso zahlreiche Feuchtwiesen, konnten wir diese Engpässe relativ gut managen. Ob jedoch das Heu, das wir selbst produzieren, über den Winter reichen wird, muss sich zeigen. Hier würden wir uns über Heuspenden sehr freuen. Auch der Wasserbedarf der Tiere war dieses Jahr sehr hoch. Mittlerweile hat sich die Lage wieder beruhigt, der späte Regen hat noch etwas Gras nachwachsen lassen.

Was passiert mit den Tieren über den Winter?

Biskop Meist ab Dezember kommen alle Tiere in unseren im Jahr 2014 erbauten Stall nach Förstgen. Dort erhalten sie Heu und Kraftfutter. Im Stall lammen auch unsere im Herbst gedeckten Mutterschafe ab. Die kleinen Lämmer können ab Februar bestaunt werden. Es besteht für Schulklassen die Möglichkeit, Bustransporte über das vom Freistaat geförderte Projekt „Der Wolf und die 7 Burenziegen“ gefördert zu bekommen. Ein weiterer Höhepunkt während der Stallzeit ist unser „Lämmertag“ (26. April 2019), bei dem zahlreiche Angebote rund um Schaf, Ziege und Natur präsentiert werden. Weiterhin bieten wir in den Sommerferien das Schaf- und Ziegencamp an.

Welche Funktion erfüllen die Tiere aus Naturschutzsicht?

Biskop Unsere Schafe und Ziegen pflegen und erhalten ökologisch wertvolle Biotope wie Zwergstrauchheiden, Magerrasen und Feuchtwiesen. Ohne deren Beweidung würden diese zunehmend verbuschen und die dortige pflanzliche und tierische Artenvielfalt zurückgehen. Zudem transportieren besonders die Schafe in ihrer Wolle verschiedene Pflanzensamen, aber auch Insekten zu anderen Flächen und vernetzen diese miteinander. Sie stellen sozusagen ein „Schaf-Taxi“ dar.

Was sind neben den jüngsten Wolfsangriffen und den Auswirkungen der Dürre derzeit Ihre größten Probleme?

Biskop Die Arbeit des Schäfers und dessen Nutzen für die Allgemeinheit und die Natur werden meistens nicht ausreichend an- beziehungsweise erkannt. Beispielsweise wurde der Fördersatz für Hüteschafhaltung, die naturschutzfachlich von hoher Bedeutung ist, abgeschafft. Wir leben von der Biotoppflege und damit auch von Fördergeldern für unsere Dienstleistung. Die bereitgestellten Gelder werden aber immer weniger. Weiterhin erkennen wir einen Trend – weg von der kostenintensiveren Schafbeweidung – hin zur billigeren Mahd. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist dies ein Desaster und kann eigentlich nicht gewollt sein. Zudem besteht ein ständiger Konkurrenzdruck mit anderen, billigeren Unternehmen. Da wir mit langjährigen, fest angestellten Mitarbeitern arbeiten, die eben über dem Mindestlohnniveau tätig sind und es sich bei uns nicht um ein Wirtschaftsunternehmen sondern einen gemeinnützigen Verein handelt, fallen wir trotz fachlich guter Qualifikation bei Ausschreibungen hinten runter.

Sie geben derzeit wieder in diesem Jahr geborene Lämmer ab. Gibt es dafür auch bestimmte Bedingungen?

Biskop Wir verkaufen kastrierte Bocklämmer und diese auch nur lebend. Die Tierstandards müssen eingehalten werden, also sichere und tiergerechte Transportmöglichkeiten. Nutzer des Angebotes sind meistens Privatpersonen oder Fleischereien.

Blicken Sie optimistisch oder eher schwermütig in die Zukunft der Schäferei in der  Oberlausitz?

Biskop Die von der Gesellschaft momentan geschaffenen Arbeitsbedingungen sind sehr erschwerend für uns. Vor allem der Verlust unserer jahrelang gepflegten Flächen, an die wir auch emotional gebunden sind, an die Deutsche Bahn als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen entzieht uns zum einen die Arbeitsgrundlage und natürlich Futterflächen für die Schafherde. Andererseits wird aber auch unsere Daseinsberechtigung als Biotoppfleger infrage gestellt, wenn Firmen statt zu beweiden jetzt die Flächen kostengünstig mähen. Nichtsdestotrotz wollen wir nicht aufgeben sondern so lange wie möglich mit unserer Biotoppflege-Schäferei durchhalten, da wir den Sinn unserer Arbeit kennen. Diesen geben wir seit vielen Jahren im Rahmen der Umweltbildung an die nachfolgenden Generationen weiter. So lange wir die Schäferei am Leben erhalten können, werden wir das auch tun. Es muss ein Umdenken in der Gesellschaft geben und vor allem eine Wertschätzung der schweren Arbeit der Schäfer.

Mit Meike Biskop sprach
Torsten RIchter-Zippack