Herr Sonntag, wenn Sie ein Resümee zu einem Jahr Mindestlohn in Ostsachsen ziehen müssten, wie sähe das aus?
Äußerst positiv, da der Mindestlohn nicht zu den befürchteten Auswirkungen geführt hat. Ganz im Gegenteil: wir haben einen Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen.

Welche Gewerke und Branchen haben denn am meisten von den 8,50 Euro profitiert?
Positive Auswirkungen sind vor allem im ostdeutschen Handel zu verzeichnen. Viele der ehemaligen Minijobs sind in reguläre Beschäftigung umgewandelt worden. Außerdem ist eine Einkommensverbesserung bei den Angestellten im Verkauf von über 17 Prozent in Ostdeutschland zu verzeichnen.

Haben vor allem Frauen nun mehr im Portemonnaie?
Da nach wie vor viele Frauen Teilzeit gearbeitet haben und noch arbeiten, zudem auch viele Frauen in eher schlecht bezahlten Dienstleistungsbereichen tätig sind, sind sie vorrangig die Profiteure vom Mindestlohn und haben für sich und ihre Familien tatsächlich mehr im Portemonnaie.

Und zu den befürchteten Jobverlusten ist es nicht gekommen?
Ich habe schon gesagt, dass die Beschäftigung in Ostsachsen zugenommen hat. So gibt es für den Landkreis Görlitz einen Anstieg von regulärer Beschäftigung um 0,3 Prozent und 274 Stellen. Deutlicher fallen die Zahlen im Landkreis Bautzen aus: hier ist im ersten Quartal 2015 ein Anstieg von einem Prozent und 1043 Stellen zu verzeichnen. Auch die Agentur für Arbeit Bautzen spricht in ihren Arbeitsmarktberichten und den entsprechenden Erläuterungen von einem Aufbau der Beschäftigung.

Gerade vom Gaststättengewerbe hieß es, dass es Preissteigerungen, Entlassungen und viel zu viel Schreibarbeit geben würde. Ist das so?
Im Gaststättengewerbe wurde im Vorfeld viel geklagt. Jedoch ist festzustellen, dass dort ein Lohnzuwachs von über 18 Prozent erreicht werden konnte - auch und gerade durch den Mindestlohn. Ebenso ist festzustellen, dass viele Aushilfskräfte festangestellt wurden und es dem Gastgewerbe unterm Strich trotz Mindestlohn in der Regel besser geht. Übrigens, das Argument mit der Dokumentation, also der vielen Schreibarbeit, habe ich noch nie verstanden. Es ist einfach normal, dass die geleistete Arbeit und die geleisteten Stunden dokumentiert werden. Wie sonst will ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter bezahlen, wenn nicht nach abgerechnetem Stundenzettel.

Wo sehen Sie noch Probleme mit dem Mindestlohn?
Grundsätzlich sehe ich keine Probleme mit dem Mindestlohn. Überall, wo es noch durch Tarifvertragsregelungen Ausnahmen gibt, werden diese in absehbarer Zeit angepasst.

Sollte der Mindestlohn auch für Flüchtlinge gelten?
Gleiches Geld für gleiche Arbeit - von daher gilt natürlich nach geltendem Recht der Mindestlohn für alle, die in Deutschland regulär arbeiten. Wenn Flüchtlinge aufgrund ihres Status arbeiten dürfen, sollte natürlich auch für sie der Mindestlohn gelten.

Sind Ihnen "Vermeidungsstrategien" bekannt, den Mindestlohn zu umgehen?
Ja, nach wie vor gibt es schwarze Schafe, die "kreativ" in der Arbeitszeitgestaltung sind und nicht alle Stunden, die gearbeitet wurden, auch entlohnen. Zum Teil werden auch die Zulagen von Weihnachts- oder Urlaubsgeld gestrichen. Ohne Weiteres gibt es auch die Beispiele, wo Arbeitnehmer im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber illegal beschäftigt werden. Hier muss man aber deutlich sagen, wo kein Kläger, da kein Richter. Hier helfen nur verstärkte Kontrollen durch den Zoll.

Letzte Frage: Sind 8,50 Euro aus Ihrer Sicht angemessen oder sollte es künftig mehr geben?
Ich halte die Regelung, dass die Tarifvertragsparteien oder die Mindestlohnkommission die Höhe des Mindestlohnes zukünftig aushandeln, für den richtigen Weg. Über die Frage, was angemessen ist, wird seitdem es Lohnarbeit gibt, gestritten. Ich würde mir wünschen, dass der Mindestlohn möglichst bald eine Höhe erreicht, damit die "Mindestlöhner" bei einer 35 oder 40 Stundenwoche von ihrer geleisteten Arbeit leben und sich so auch eine auskömmliche Rente erarbeiten können.

Kommentar: Alles hängt mit allem zusammen

Zum Thema:
Am 1. Januar 2015 wurde der Mindestlohn in Deutschland eingeführt. Noch gibt es einige Ausnahmen beim Mindestlohn: So gelten für einige Branchen Übergangsregelungen bis 2017. Bei Saisonarbeitern dürfen die Kosten für Kost und Logis mit dem Mindestlohn verrechnet werden. Minderjährigen Praktikanten ohne abgeschlossene Berufsausbildung steht kein Mindestlohn zu. Darauf weist das Bundesarbeitsministerium hin. Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns habe nach einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung keine negativen Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt gehabt. Im Gegenteil: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sei gerade in traditionellen Niedriglohnbranchen deutlich gestiegen, berichtete die Stiftung am Ende des Jahres.