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Polen in Sachsen – Sachsen in Polen

Porträt-Zeichnung Johann Christian Schuch. Foto: Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
Porträt-Zeichnung Johann Christian Schuch. Foto: Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit FOTO: Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
Dresden. Als vor einigen Wochen die Nachricht von der Schließung der Dauerausstellung des Dresdner Kraszewski-Museums die Runde machte, war der Schreck in der Stadt groß. Von Robert Schröpfer

Nicht nur ein Ort deutsch-polnischer Verständigung schien bedroht, weil der polnische Staat Kulturgüter nicht mehr länger als fünf Jahre ins Ausland auszuleihen gestattete. Auch ein Museum für den Verfasser eines sächsischen Literaturdenkmals war in Gefahr: Schließlich hat der Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski, der einen Teil seiner mehr als 20 Jahre im Dresdner Exil in dem Haus verbrachte, mit seiner Sachsen-Romantrilogie über die Gräfin Cosel, den Grafen Brühl und den Siebenjährigen Krieg Bücher verfasst, die das kulturelle Gedächtnis des Bundeslandes bis heute prägen. Vor allem die Verfilmung unter dem Titel "Sachsens Glanz und Preußens Gloria" ist populär.

Nur sechs Wochen nach dem Abzug der polnischen Leihgaben kann das kleine Museum am Rande der Neustadt, das als Zweigstelle zum Dresdner Stadtmuseum gehört, nun aber mit der ersten der künftig vorgesehenen Sonderausstellungen aufwarten. Und auch wenn nach der Zusage des Freistaats über 35 000 Euro eine Entscheidung der Stadt Dresden über eine einmalige Förderung in derselben Höhe für neue Vitrinen, Beleuchtung und den größeren Aufwand wechselnder Ausstellungen noch aussteht, scheint das Haus selbst fest entschlossen, die erzwungene Neuorientierung in erster Linie als Chance zu verstehen.

"Wir haben uns fünfzig Jahre lang mit polnischer Migration nach Deutschland beschäftigt, jetzt drehen wir das Ganze einmal um", freut sich ostentativ Museumsleiterin Joanna Magacz. Denn unter dem Titel "Polen aus freier Wahl" wendet sich die von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Warschau übernommene Ausstellung mit Texttafeln, Bildern und Videointerviews deutschen Einwandererfamilien in Warschau zu. So wie Kraszewski Sachsens Kultur mitprägte, gestalteten sie Architektur, Wirtschaft, Künste und das gesellschaftliche Leben Polens mit.

Da ist zum Beispiel der Sachse Johann Christian Schuch, der Ende des 18. Jahrhunderts den Warschauer Lazienki-Park im Stil des Klassizismus umgestaltete und dessen Nachfahre Tadeusz Florian Schuch in den 1960er-Jahren bei der Errichtung der ersten U-Bahnlinie der Stadt mitwirkte. Da ist die Familie Wedel, die 1851 eine Süßwarenfabrikation in Warschau eröffnete und deren Name in Polen zu einem Synonym für Süßigkeiten wurde. Da sind die Beyers, die Ulrichs, Werners, Schieles und Szyllers, Geistliche, Künstler und Industrielle, deren Namen in Polen viele kennen, die aber kaum einer mit ihrer deutschen Herkunft in Verbindung bringen würde.

Dass deutsche Einwanderer in Warschau anders als im preußisch beherrschten Teil Polens keine geschlossene Minderheit bildeten, sondern sich assimilierten, führt Kurator Tomasz Markiewicz auf die Attraktivität der dortigen Stadtgesellschaft zurück. Im Gegensatz zu den erst mit der Industrialisierung entwickelten Städten der Provinz wie Posen oder Lodz, hatte die Hauptstadt früh ein eigenständiges wirtschaftliches und kulturelles Leben zu bieten. Neben Russen und vor allem Juden lebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rund 10 000 deutschstämmige Polen in Warschau, von denen sich nur die wenigsten noch als Deutsche fühlten. Auch während der deutschen Schreckensherrschaft im Zweiten Weltkrieg hielten die meisten von ihnen zu Polen.

In der Volksrepublik der Nachkriegsjahrzehnte - auch das verschweigt die Ausstellung nicht - hatten es deutschstämmige Polen vielfach nicht leicht. Zwar wurden sie anders als die Bewohner der deutschen Ostgebiete und sogenannte Volksdeutsche nicht vertrieben. Die Erinnerung an ihren positiven Beitrag aber wurde durch das Trauma der deutschen Verbrechen verdrängt. Dass sie wieder ins Bewusstsein rückten, ist vor allem einer Memoirenliteratur, die ab 1989 erscheinen konnte, und auch dieser Ausstellung zu verdanken.

Bis 15. Juli im Kraszewski-Museum, Nordstraße 28, mittwochs bis sonntags 13 bis 18 Uhr.