Besonders Berufskrankheiten, die sich während der Arbeit in den Industriebetrieben ausbreiteten, machten immer mehr die professionelle medizinische Versorgung nötig. Sehr wahrscheinlich waren es einige Mitglieder des Turn- und Rettungsvereins, die besondere Aufgaben bei der Lebensrettung im Verein hatten und die effiziente medizinische Betreuung, besonders bei Unfällen und Havarien, forderten. Aber auch die eben eingerichtete Diakonissenstation in Weißwasser forderte für die Krankenversorgung Medikamente, Verbands- und Hilfsmittel. Die Einwohnerzahl hatte sich in nur fünf Jahren von knapp zwei- auf fast dreitausend erhöht, eine Krankenversorgung gab es aber nicht. In dieser kritischen Zeit wandte sich der Muskauer Apothekenbesitzer Richard Manno am 19. August 1897 an den Regierungspräsidenten der preußischen Provinz Schlesien und ersuchte ihn, um die Genehmigung, in der Nachbarortschaft Weißwasser eine Apotheke betreiben zu können. Auch nahm er Kontakt mit der Gemeinde Weißwasser auf, wo er im Amtsvorsteher Raebiger große Unterstützung fand. Am 10. Oktober bat Raebiger während einer Gemeindevertreterversammlung um Unterstützung bei der Gründung einer Muskauer Zweigapotheke in Weißwasser. „Der Gemeinderat glaubt an die Lebensfähigkeit einer solchen im hiesigen Ort und ist auch der Ansicht, dass sie nötig sei, lehnt aber einen Unterstützungsbeitrag ab.“ Geld sei andernorts nötiger einzusetzen, die Leute kamen bisher auch ganz gut ohne einer Apotheke aus, war man hier der Ansicht.
Der Muskauer Apotheker gab nicht auf und beabsichtigte, sein Vorhaben auch ohne Hilfe der Gemeinde Weißwasser durchzuführen. Am 5. Januar 1898 erhielt er vom Oberpräsidenten der Provinz Schlesien „. . . die nur an seine Person geknüpfte Erlaubnis erteilt, in der Ortschaft Weißwasser für den Zeitraum von drei Jahren eine Zweigapotheke zu errichten. . .“ Richard Manno wurde weiterhin dazu verpflichtet, diese Einrichtung „. . . durch einen approbierten vereidigten Apotheker verwalten zu lassen. . .“ Auch dürfe sie im Falle eines Verkaufes der Hauptapotheke in Muskau „. . . weder mit verkauft, noch mit in Anrechnung gebracht werden.“ Zehn Tage später bat das Präsidium den Manno „. . . die Apotheke mit möglichster Beschleunigung zu errichten und mit Ablauf von drei Monaten über den Stand der Sache zu berichten.“ Als diese erste medizinische Einrichtung hier im Ort wenige Zeit später fertig gestellt war, erhielt der Apotheker und Drogist Ernst Grosch den Auftrag, diese in seinem Wohngeschäftshaus an der Henriettenstraße, heute Straße der Glasmacher, als Muskauer Zweigapotheke zu betreiben. Bald reichte das Haus bei der über 6000 zählenden Einwohnerschaft nicht mehr aus, und Apotheker Manno ersuchte im Frühjahr 1900 das Regierungspräsidium in Liegnitz, die Zweigapotheke in andere, geeignetere Räume, der Umstände wegen, verlegen zu dürfen. In diesem Zusammenhang wurde Manno mitgeteilt, dass für das Fortbestehen der Einrichtung als Zweigapotheke nach Ablauf der drei Jahre keine Zusicherung gegeben werden kann. Der Ober-Präsident von Schlesien hatte an die Beachtung der bestehenden Vorschrift erinnert, dass Zweigapotheken in selbstständige Apotheken umgewandelt werden sollen, sobald der Gesch*am p*auml;ftsumsatz die Lebensfähigkeit einer selbstständigen Apotheke annehmen lässt. Diesem Hinweis angefügt war die Bemerkung des Dienstvorgesetzten: „Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass bei dem überaus raschen Wachstum der Ortschaft Weißwasser der Umsatz in der Zweigapotheke dort selbst sich wesentlich gehoben hat.“ Im April 1900 bat nun der Gemeinderat seinerseits den Regierungspräsidenten, um die Errichtung einer Voll-Apotheke im Ort. Am 6. September 1901 erhielt der Apotheker Max Gomulka aus Sagan, heute Zagan in Polen, vom Oberpräsidenten die Konzession zur Errichtung einer neuen Voll-Apotheke in Weißwasser erteilt. Kulka erwarb die im Jahr 1895 an der Nordseite des Marktplatzes erbaute Villa des Rentiers Ch. Willing und eröffnete hier die Adler-Apotheke.
Der bisherige Apotheker und Drogist Ernst Grosch führte anschließend im Jahr 1902 in seinen Geschäftsräumen an der Henriettenstraße 3 die Einrichtung als Adler-Drogerie weiter. Hier handelte er mit Medizin, technischen Drogen, Farben, Fotoartikeln, Seifen und Parfüms. Des Weiteren betrieb er einen Chemikalien-Großvertrieb mit Autotreibstoffen, Öle, Karbid, Acetylengas, Sauerstoff, Säuren, künstlichen Dünger und anderem. Als dritte Branche bestand eine Weinhandlung mit Destillation unter seiner Regie. Das vielseitige Unternehmen und das einstige vertrauensvolle Apothekengeschäft ließ den Drogisten ab dem Jahr 1904 auch noch das Amt des Kassenwarts der Provinzial-Sparkasse für die Preußische Oberlausitz Görlitz, Nebenstelle 15, in Weißwasser übernehmen. Max Kulkas Adler-Apotheke am Marktplatz erfuhr im Jahr 1911 eine Erweiterung. Das Erdgeschoss diente fortan vollständig als Apotheke, und ein darüber entstandenes weiteres Stockwerk stand der Besitzerfamilie als Wohnraum zur Verfügung. Max Kulka genoss in Weißwasser hohes Ansehen und hatte um 1914 eines der 19 Gemeinderatsämter inne. Wohlwollen zollte man ihm auch, als er im Rahmen der Finanzierungslotterie für den Glasmacherbrunnen im Juli 1923 einen wertvollen Preis stiftete. Drei Jahre später wurde Dr. Otto Sandmann als Inhaber der Adler-Apotheke genannt und bewohnte auch die darüber befindliche Wohnung. Während des Krieges, Apotheker Sandmann hatte sein aktives berufliches Ende erreicht, kam Oberpharmazierat Heinrich Lausberg auf der Flucht vor den Bombardements 1943 aus dem Ruhrgebiet nach Weißwasser. Ein naher Verwandter aus Görlitz hatte ihm die Gegend empfohlen, da hier bisher keine militärischen Handlungen aus der Luft stattfanden. Lausbergs Wohnhaus im Ruhrgebiet erhielt bereits einige Bombentreffer, und so war rasches Handeln angesagt. In Weißwasser angekommen, konnte er die Adler-Apotheke sofort übernehmen. Obwohl Apotheker wegen der Wichtigkeit der Versorgung der Bevölkerung im Hinterland immer wieder vom Kriegsdienst freigestellt wurden, erhielt Heinrich Lausberg Anfang 1945 den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Frau Lausberg und eine Mitarbeiterin führten das Unternehmen bis zum Frühjahr, dann musste sie die Stadt wegen des bevorstehenden Angriffs der Roten Armee jenseits der Neiße verlassen. Als Mutter und Tochter Lausberg Anfang 1946 nach Weißwasser zurückkehrten, hatte man die Apotheke leidlich geplündert und ein neuer, Apotheker Gralka, war zugange die Nachfolge zu übernehmen. Da zwar nicht das Gebäude, aber die Apotheke Lausbergs Eigentum war, konnte der Neuankömmling nur als angestellter Fachmann im Unternehmen Lausberg bestehen. Frau Lausberg hingegen übernahm die kaufmännischen Aufgaben. Ende 1946 kam Vater Heinrich aus der amerikanischen Gefangenschaft zurück und übernahm wieder sein Amt. Sein Vertreter Gralka verließ das Haus. Weil die Apotheke noch als Privatbetrieb arbeitete, investierte die Familie jeden freien Pfennig für Ausrüstung und Arzneimittel. Frau Lausberg fuhr mit ihrer Tochter regelmäßig nach Görlitz zum Großhänd ler Stumpf und kaufte hier Ware für die Apotheke ein.
Diese wurde später mit dem Güterzug nach Weißwasser geliefert, wo beide die Pakete in Empfang nahmen und mittels eines Leiterwagens nach Hause brachten. Eine neue Verordnung der Regierung der eben gegründeten DDR forderte die Verstaatlichung der Apotheken des Landes. Man beabsichtigte nach langem Hin und Her, die ertragreichsten zuerst in Staatsbesitz zu überführen. Die fleißige und intensive Bewirtschaftung ihres Unternehmens zahlte sich für die Familie Lausberg nicht aus. Sie wurde schließlich als Erste der beiden Einrichtungen in Weißwasser noch Ende des Jahres 1949 verstaatlicht. Heinrich Lausberg erhielt eine klägliche Abfindung, konnte aber die Einrichtung, welche sich kurzzeitig Poliklinik-Apotheke nannte, als leitender Angestellter weiterführen. Drei Jahre später erhielt das Haus auch den Status Kreis- und Ausbildungsapotheke für den neu gebildeten Kreis Weißwasser. Von hier aus wurden die Apotheken in Muskau, Rietschen, die Löwen-Apotheke in Weißwasser und die Ausgabestellen in Boxberg und Schleife beliefert und betreut. Im Jahr 1968 war, bedingt durch das Anwachsen der Einwohnerzahl infolge der Errichtung des Großkraftwerkes Boxberg, eine Vergrößerung der Apotheke nötig. Das Gebäude befand sich allerdings im Besitz der in West-Berlin lebenden Margarete Pulvermacher, einer Nachfolgerin der Familie Max Kulka. Der von ihr als Erbe eingesetzte Enkel konnte nicht gefunden werden, so dass der Staat als Treuhänder an seine Stelle trat und den Umbau genehmigte.