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Pillen helfen bei Ärztenot bisher nicht

Thomas Baum (SPD) im Gespräch mit Silke Heinke vom Verband der Ersatzkassen sowie den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen Sylvia Krug und Klaus Heckemann (v.l.n.r.). Sie stellten sich den Fragen der Weißwasseraner am Donnerstag.
Thomas Baum (SPD) im Gespräch mit Silke Heinke vom Verband der Ersatzkassen sowie den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen Sylvia Krug und Klaus Heckemann (v.l.n.r.). Sie stellten sich den Fragen der Weißwasseraner am Donnerstag. FOTO: Christian Köhler
Weißwasser. Die Region Weißwasser sitzt derzeit im Wartezimmer. Aber der Aufruf zur Behandlung durch einen Arzt, oder vielmehr der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KV), lässt auf sich warten. Christian Köhler

Die Oberlausitzer stehen, wie beim SPD-Bürgerforum am Donnerstagabend in Weißwasser deutlich wurde, nicht alleine für eine Behandlung Schlange. Eine Vielzahl von ländlichen Regionen klagt über Schmerzen. Für Weißwasser beschrieb SPD-Landtagsabgeordneter Thomas Baum das Leiden: "Meines Wissens nach haben aktuell zwischen 2000 und 2500 unserer Bürger keinen Hausarzt."

Die Symptome, die sich jetzt zeigen, nachdem Anfang 2017 gleich drei Weißwasseraner Hausärzte in den Ruhestand gingen, schilderte stellvertretend für viele Bürger Karl-Heinz Bläck. Er ist seit 23 Jahren Diabetiker und braucht täglich Medikamente und muss regelmäßig untersucht werden. "Wo bekomme ich die her? Wer führt meine Untersuchungen durch?" Mit Glück habe er einen Diabetologen in Görlitz gefunden - Dr. Oliver Sauer - der ihm eine Sprechstunde gab. "Ob ich bei ihm als Patient aufgenommen werde, weiß ich nicht", berichtete Karl-Heinz Bläck. Und noch mehr: Der Görlitzer Mediziner habe dem Weißwasseraner Diabetiker erklärt, er habe sich in Weißwasser und Rietschen Räumlichkeiten angesehen, um zwei Tage für hiesige Patienten da zu sein. Rietschens Bürgermeister Ralf Brehmer (Freie Wähler) nickte zustimmend. "Die Kassenärztliche Vereinigung habe das jedoch nicht zugelassen", erzählte Karl-Heinz Bläck und fragte: "Wie kann so was sein?"

Der Vorstandsvorsitzende der KV, Klaus Heckemann, entgegnete, dass er sich nicht vorstellen könne, dass es "so" passiert ist. "Ich kenne den konkreten Fall aber nicht." Gleichzeitig versprach er, der Sache auf den Grund zu gehen. Ohnehin habe die KV Sachsen bereits 2012 erste "Therapien" für den Ärztemangel auf dem Land auf den Weg gebracht. "Wir fördern 20 Medizinstudenten in Ungarn, die sich verpflichten mussten, nach ihrem Abschluss in ländlichen Regionen in Sachsen zu praktizieren", so Heckemann. Mit den Ärzten wird jedoch erst ab 2022 gerechnet. Und auch dann könnten sie selbst entscheiden, in welche ländliche Region des Freistaates sie gehen - also nicht zwangsläufig in der Oberlausitz Patienten behandeln, wie Heckemann eingestand: "Jeder hat nach dem Grundgesetz die freie Wahl, wo er später arbeiten möchte." Zudem würde die KV Hausärzte fördern, die angehende Ärzte in ihren Praxen ausbilden - wie Hausarzt Karl-Heinz Dreier in Weißwasser. Der erklärte, er sei mit 58 Jahren gegenwärtig der drittjüngste Hausarzt in der Glasmacherstadt. "Leider konnte ich die ausgebildeten Ärzte nicht dazu bringen, hier zu bleiben."

Und hier komme die Politik ins Spiel. Die, so diagnostizierte der KV-Chef Heckemann, habe "gravierende Fehler" gemacht. So sei es für angehende Ärzte attraktiver, in Kliniken zu arbeiten, da sie dort finanziell besser gestellt sind und bei medizinischen Entscheidungen Hilfe von einem Team erhalten. Die Diagnose bestätigte bei der Diskussion am Donnerstag auch Dr. Lutz Buschmann aus Weißwasser. Er plädierte dafür, dass "junge Ärzte mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen". Ferner sei eine staatliche Lenkung "notwendig", wo angehende Mediziner künftig arbeiten. Buschmann selbst sei dazu verpflichtet worden, für einige Jahre nach Weißwasser zu gehen - und ist bis heute geblieben.

"Wir haben zu spät angefangen, auf die demografische Entwicklung zu reagieren", gestand SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Neukirch stellvertretend für die Politik. Allerdings gebe es seit einigen Jahren einen "großen Baukasten für die Förderung von angehenden Ärzten". Nur habe der bislang leider noch nicht dazu geführt, dass sich Ärzte in ländlichen Regionen vermehrt ansiedeln würden. Denn, so KV-Chef Heckemann, es gebe schlicht zu wenig Allgemeinmediziner in Sachsen. Die Mehrzahl der Ärzte würde sich spezialisieren.

Lutz Buschmann sprach sich indessen gegen den Vorschlag aus, die Bedingungen für die Aufnahme eines Medizinstudiums aufzuweichen. "Viel Mittelmaß ist nicht gut für die Medizin." Vielmehr müsse der Frage nachgegangen werden, warum junge Leute nicht in die Oberlausitz kommen. "Am Geld scheitert es nicht", unterstrich Buschmann. Das bestätigte auch Silke Heinke vom Verband der Ersatzkassen (Vdek). "Wir können aber niemanden verpflichten, nach Weißwasser zu kommen", unterstrich sie. Oft würden sich junge Ärzte für Metropolregionen entscheiden. "Wer glaubt, wir haben eine sofortige Lösung und einen Königsweg für das Hausärzteproblem in Weißwasser, dem kann ich sagen: Das haben wir nicht", gestand Silke Heinke. Vielmehr würde ein Bündel an Maßnahmen notwendig sein.

Dazu zähle, wie Sozialdezernentin Martina Weber vom Landkreis Görlitz erklärte, das Ärztenetzwerk Ostsachsen zu stärken, finanzielle Anreize für Mediziner zu nutzen und, wie Lutz Buschmann betonte, Jugendliche aus der Region für ein Medizinstudium zu gewinnen. "Dass eine Kommune ein Medizinisches Versorgungszentrum betreibt", so Martina Weber, "davon kann ich nur abraten." Was würde passieren, wenn der dort angestellte Arzt plötzlich wegzieht?

Ferner, das unterstrich Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext), dauere es sehr lange, bis Maßnahmen greifen. "Für den neuen Augenarzt haben wir drei Jahre gekämpft." Pötzsch wiederholte das Bestreben, Gespräche mit dem Augenmedizinischen Versorgungszentrum Lausitz (AMVZ) in Hoyerswerda zu führen. Dort wolle man künftig auch eine hausärztliche Versorgung anbieten. Unterdessen wünschten sich die anwesenden Mediziner, dass Weißwasseraner von ihrer Heimat positiv sprechen. Denn auch das ist ein Baustein, um für Ärzte zu werben.

Zum Thema:
Als Region "mit drohender medizinischer Unterversorgung" schätzt die Kassenärztliche Vereinigung Weißwasser ein. Das ergebe sich aus einer komplizierten Rechnung aus Einwohnerzahl und vorhandenen Allgemeinärzten. Der Schlüssel für die Berechnung ist gesetzlich festgeschrieben. KV-Vorsitzender Klaus Heckemann wies darauf hin, dass Überweisungen zu Medizinern nur für Radiologen vorgeschrieben sind. Und "jeder Arzt Rezepte ausstellen". Bei akuten Fällen könne jeder Arzt aufgesucht werden. Probleme gebe es jedoch bei Dauerpatienten. Die sollten sich ihre Unterlagen zur Vordiagnose von ihren ehemaligen Hausärzten geben lassen und ihren neuen vorlegen.